Comic Der Kuss im Fernglas

Unbändiger Bewegungsdrang: Roses Ankunft im Ferienhaus.

(Foto: Reprodukt)

Rundum geglückt: Die Graphic Novel "Ein Sommer am See" von Mariko und Jillian Tamaki.

Von Christoph Haas

"Schreibe über etwas, womit du dich auskennst!" Das bekommen junge Autorinnen und Autoren oft zu hören. Der Rat ist gut gemeint - aber in ihm steckt höchstens ein Drittel Wahrheit. Wer etwas erzählen will, muss auf eigene Erfahrungen zurückgreifen; das ist klar. Aber ebenso wichtig sind Recherche und Fantasie, der Wille, Neues zu erkunden, und die Fähigkeit, sich in Fremdes hineinzuversetzen.

Im Comic hat die Fixierung auf den eigenen, überschaubaren Lebensbereich in den letzten beiden Jahrzehnten zu einer Welle mehr oder minder autobiografisch gefärbter Coming-of-Age-Geschichten geführt. Dabei haben sich zwangsläufig einige Muster herausgebildet; was als Gegenentwurf zu den streng codifizierten Genre-Comics der Superhelden und Fantasy-Welten gedacht war, wurde selbst fast zu einem Genre, in dem es schwerfällt, den Leser noch mit etwas Neuem zu überraschen.

Die Spannung, mit der man "Ein Sommer am See" aufschlägt, hält sich daher in Grenzen. Zwei Mädchen stehen im Zentrum der Graphic Novel, die ungefähr elfjährige Rose und ihre etwas jüngere Freundin Windy. Wie jedes Jahr verbringen sie einige Wochen in Awago Beach, einem kleinen Ort in der amerikanischen Provinz. Windy ist das Adoptivkind einer hippiesken Tanzlehrerin. Um die Ehe von Roses Eltern steht es schlecht. Die Mutter ist eine ernste, verhärmte Frau; der Vater will den Urlaub genießen und trinkt gerne viel Bier. Die Freundinnen streifen umher, schauen Horrorfilme, und Rose verguckt sich in einen Jungen, der mit einer prolligen Teenager-Clique abhängt und gerade seine Freundin geschwängert hat.

Die problematischen Eltern und die scheue erste Liebe, die Grenzerfahrungen und der Reiz des Verbotenen: alle diese Motive sind vertraut. Und dennoch ist "Ein Sommer am See" eine begeisternde Lektüre. Denn wie hier erzählt wird, das zeugt von großem Können und lässt das Bekannte in einem anderen Licht erstrahlen. Für die körperliche und seelische Übergangsphase, in der Rose sich aufhält, finden Mariko und Jillian Tamaki wunderbar treffende Bilder, deren tiefere Bedeutung stets unaufdringlich bleibt.

Am Anfang etwa, auf der Autofahrt nach Awago Beach, ermahnt die Mutter Rose, sie möge ihren Daumen aus dem Mund nehmen. Die regressive Geste ist aber nur angedeutet; das in seine Lektüre vertiefte Mädchen hat gerade die Spitze des Fingers zwischen den Lippen. Später beobachtet Rose, als halte sie ein Fernglas in der Hand, durch eine hariboartige Süßigkeit zwei Jugendliche, die in einen Kuss versunken dastehen. Im Zerrspiegel des Gummis erscheinen die beiden verschwommen als merkwürdige, unheimliche Wesen, halb Engel, halb Gespenster. So zwiespältig, zwischen Faszination und Abgestoßensein schwankend, Roses Verhältnis zur sexuell aufgeladenen Welt der ein paar Jahre Älteren erscheint, so frei entfaltet sich ihre Sinnlichkeit im Kontakt mit der Natur. Dieser Comic ist auch eine großartige, von pathosfreiem Vitalismus getragene Hymne an den Sommer, an das Glück draußen zu sein, Fahrrad zu fahren, Steine und Pflanzen zu berühren, sich jubelnd in kühles Wasser zu stürzen und in ihm zu tauchen.

Besonders intensiv vermittelt werden diese Momente, wenn Jillian Tamaki ihre recht strengen, meistens aus drei Panelreihen bestehenden Seitenlayouts aufbricht und auf frei gestalteten Doppelseiten Roses und Windys unbändigen Bewegungsdrang inszeniert oder die Unterschiede von Wasser und Himmel, von Konkretem und Abstrakten verschwimmen lässt. Im Wechsel zwischen latenter Bedrückung und seliger Euphorie, zwischen Bildern, die den Figuren nur wenig oder sehr viel Raum gewähren, ist in "Ein Sommer am See" das prekäre Lebensgefühl Heranwachsender exemplarisch und mit seltener Sensibilität eingefangen.

Mariko Tamaki (Text) / Jillian Tamaki (Zeichnungen): Ein Sommer am See. Aus dem Amerikanischen von Tina Hohl. Reprodukt Verlag, Berlin 2015. 320 Seiten, 29 Euro.