Comic Das leere Gefäß

Katholische Strenge, erfundene Missetaten und eine nie verlassene Heimat. Schon durch den Stoff unterscheidet sich das Debüt der Zeichnerin Magdalena Kaszuba von den üblichen Coming-of-Age-Geschichten.

Von Christoph Haas

Hamburg im späten November, es ist kalt, grau und nass. Eine junge Frau streift durch die Straßen und erinnert sich. Vor fast 30 Jahren ist sie mit ihren Eltern von Polen nach Deutschland gekommen, aber ganz hat die Familie die alte Heimat nicht hinter sich gelassen. Die Großmutter nimmt das Kind mit in die Kirche; die Mutter liest ihm, als es das Grundschulalter erreicht hat, aus einer bebilderten Bibel vor. So soll es früh "Moral, Nächstenliebe und Demut" lernen und empfindet doch nur maßlose Furcht vor der Sünde, der Hölle und Gott. Höhepunkt der Qual wird ein Beichtgang, bei dem das Kind, um den unbarmherzig insistierenden Priester zufriedenzustellen, Missetaten erfindet, die es nie begangen hat.

Von den üblichen Coming-of-Age-Geschichten, die in autobiografischen Comics so populär sind, unterscheidet sich das Debüt der 1988 geborenen Zeichnerin Magdalena Kaszuba durch den von ihr gewählten Stoff. "Das leere Gefäß" (Avant-Verlag, Berlin 2018, 152 Seiten, 20 Euro) ist ein schlagendes Exempel für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, dafür wie tradierte Mentalitäten hartnäckig fortleben können. Die seelischen Nöte, von denen hier erzählt wird, wähnt man einer längst vergangenen Zeit zugehörig, und doch hat sich dies alles in den Neunzigern ereignet. Ungewöhnlich ist auch die künstlerische Reife Kaszubas. Erzählerisch virtuos wechselt sie zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen Bildern, die ein reales Geschehen zeigen, und anderen, die dies assoziativ kommentieren. So erscheinen die Ängste, die das Kind umlauern und verzehren, als riesige Panther mit bedrohlich heraushängenden Zungen, als Maden, die sich gierig durch einen Körper bohren. Kaszuba arbeitet mit dem Bleistift und Aquarellfarben; Gelb, Grün und Schwarz dominieren; in besonderen Momenten treten Rot und Blau hinzu. Albtraum- und Horroreffekte erzielt die Zeichnerin, wenn Gesichter und Augenhöhlen ganz ohne Farbe bleiben oder brutal mit Deckweiß zugekleistert werden. Eine bedrückende Lektüre - und sicherlich einer der besten deutschsprachigen Comics dieses Jahres.