"Comedown Machine" von The Strokes Risiko des Ruhms

Meister der verhangenen Nölerei: "The Strokes"-Sänger Julian Casablancas.

(Foto: REUTERS)

Die Erinnerung an frühe Heldentaten ist das einzige Monster, das im Pop umso mächtiger ist, je schwächer es wird. Die Strokes, die vor zwölf Jahren den Rock'n'Roll retteten, nehmen es trotzdem noch mal mit ihm auf - und gewinnen.

Von Jens-Christian Rabe

Kurze Rückblende, nur damit klar ist, wie hoch hier immer noch die Fallhöhe ist: Die Strokes haben, darüber ist sich die Geschichte weitgehend einig, 2001 den Rock'n'Roll gerettet. Ja, das ist alle paar Jahre nötig. Das Debüt-Album der Band hieß "Is This It" und ja, das war es. Elf grandios gute Stücke drahtig-nöliger Rock'n'Roll von fünf drahtigen, nölenden Jungs aus New York City. Und weg vom Fenster war der stumpfe "Nu Metal" oder was sich damals sonst noch so brachial-breitbeinig am Genre verging.

Also fast wenigstens, gekauft wurde Nu Metal natürlich weiterhin massenhaft. Aber alle, die der Ansicht waren, eine verzerrte elektrische Gitarre müsse anders schlanker, lässiger, rumpeliger klingen als ein Hochdruck-Dampfstrahl-Gerät, bei dem man die Tonhöhe verändern kann - all die hatten die Songs wie "Last Nite", "Hard To Explain" oder "Someday" und eine gute Weile wieder eine beste Band der Welt.

Und wie es sich gehört, hat sich die Band bis heute, bis zum mittlerweile fünften Studio-Album "Comedown Machine" (RCA) nicht davon erholt. Also der Ruf der Band hat sich nicht erholt, der ist irgendwie ruiniert. Risiko des Ruhms.

Dreieinhalb von fünf gereckten Spießer-Däumchen

Der durchschnittliche Gelegenheitsindierocktrottel will nämlich eigentlich gar nichts Neues von den Strokes hören, das dann aber - "sorry" - nicht so gut finden wie "die erste Platte". Die Erinnerung ist das einzige Monster, das umso mächtiger ist, je schwächer es wird.

Die Bescheidwisser wiederum fischen brav alle neuen Einflüsse und Ideen heraus, um dann die künstlerische Unentschiedenheit zu beklagen - und "wegen der gelungenen Instrumentierung" zähneknirschend doch immerhin dreieinhalb von fünf gereckten Spießer-Däumchen zu vergeben. Oder 6,123456 von zehn Punkten. Alte Profi-Ironiker.

Das ist natürlich alles so großer Unfug, dass man diese Band und besonders das neue Album auch dann unbedingt verteidigen will, wenn man hofft, dass in diesem Jahr noch etwas bessere Platten erscheinen mögen. Weil: Den Strokes selbst geht es doch unüberhörbar wieder ganz ausgezeichnet. Nach allem, was man so hört, waren sie sogar wieder gleichzeitig mit ihrem Sänger Julian Casablancas, dem Fürsten des New York Cool der Nullerjahre, im Studio.

Böse Vergleiche mit A-has "Take on me"

Wie schon auf dem vor zwei Jahren erschienenen Vorgänger "Angles" ist auch diesmal der Synthie-Pop der Achtziger einflussreicher gewesen als der New Yorker Punkrock der frühen Siebziger. Bei der ersten Single "One Way Trigger" hat das nicht ganz zu Unrecht zu einigen bösen Vergleichen mit A-has soßigem Hochglanz-Hit "Take On Me" geführt. Aber mal ehrlich: Im Zweifel macht Casablancas verhangene Nölerei doch viel bessere Laune als das Kopfstimmen-Inferno des Originals, das einem das Hirn von innen poliert.

Aber wem "One Way Trigger" nicht passt, für den wäre ja auch noch "All The Time" da. Der klassische Strokes-Song des Albums. Und ebenso ein wirklich gut geschriebenes Stück Musik. Wie überhaupt immer etwas zu kurz kommt, das auf einem Strokes-Album weit überdurchschnittlich viele gute Songs zu finden sind. Das ist auch auf den jeweils einhellig gefeierten Meisterwerken der Saison längst nicht immer so zuverlässig der Fall. Mit anderen Worten: Es macht einfach großen Spaß, dieses Album von vorne bis hinten durchzuhören. Trotz oder vielmehr: gerade wegen der sorgfältigen Orientierungslosigkeit von Disco-Schauklern wie "Welcome To Japan" und Indie-Synthie-Hymnen wie "Tap Out" oder "Happy Ending" - ach, "Comedown Machine" ist doch die Platte für die kommenden Fahrten an den See.