Comedian Oliver Polak über Depression "Es ging gar nichts mehr"

Wieder da: Kabarettist und Autor Oliver Polak.

(Foto: Gerald von Foris)

Als einziger jüdischer Comedian Deutschlands wurde Oliver Polak bekannt - dann ging er in die Psychiatrie. Bei einer Cola erzählt Polak von krank machendem Antisemitismus und seiner Wut auf Dieter Hallervorden.

Interview von Oliver Das Gupta

Frankfurt am Main, piekfeines Hotel. Anzugträger und Frauen in Kostümchen schreiten durch die Lobby, Stewardessen einer US-Airline ratschen lautstark. Mitten drin auf einem Sofa: Ein Mann wie ein Bär, Vollbart, wunderbar wüster Haarschopf, Jogginghose und dunkle Bomberjacke. Oliver Polak, 1976 in der niedersächsischen Provinz geboren, derzeit wohl einziger jüdischer Spaßmacher im deutschsprachigen Raum (Georg Kreisler ist ja tot).

Irgendwann wurde er krank, psychisch krank. Über seine schwere Depression und seine Genesung hat er das Buch "Der jüdische Patient" (KiWi, ISBN: 978-3-462-04704-2) geschrieben.

SZ.de: Herr Polak, in einem Satz: Um was geht es in Ihrem Buch?

Oliver Polak: Um meine Depression, um Humor - und um Deutschland.

Fangen wir mit der Krankheit an. Wie geht es Ihnen hier und jetzt?

In Frankfurt blühe ich auf. Wenn Frankfurt eine Frau wäre, würde ich sie daten und mit ihr ins Chairs gehen in Bornheim, Schnitzel bestellen und den Kellner bitten, Nina Simones Song "Night song" aufzulegen. Und anschließend am Main entlangspazieren und Zuckerwatte essen. Frankfurt ist Deutschlands beste Stadt, sie ist so echt. Tradition und Popkultur, Nutten und Banker ...

Ein geschniegelter Mann im Anzug geht vorbei, sein Blick trifft Polaks Blick, der Mann nickt, lächelt und grüßt mit der Hand, Polak sagt "Hi".

Noch leben Sie in Berlin, dort sind Sie in die Psychiatrie gegangen. Was war passiert?

Eine schwere Depression ist über mich hereingebrochen. Sicher, man hat immer mal wieder Phasen im Leben, wo man sich nicht so gut fühlt. Aber bei mir kamen diese Phasen immer häufiger und wurden schließlich zum Dauerzustand.

Welche Rolle spielte Ihre Arbeit bei Ihrer Erkrankung?

Eine starke Komponente. Ich bin immer wieder auf Tour gegangen, das war anstrengend und nicht immer erfüllend.

Was lief beruflich schief?

Oberflächlich formuliert, bin ich vor "falschem" Publikum aufgetreten.

Wie meinen Sie das?

Ich wurde als Comedian gebucht wegen meines jüdischen Hintergrunds. Die Leute dachten, da klettert Woody Allen aus meinem Bauch mit einem Lachsbagel in der Hand und spielt Klarinette. Viele waren sauer und enttäuscht, weil sie einen Kuscheljuden erwartet hatten. Meine Art von Humor geht offensichtlich mit der in Deutschland vorherrschenden Haltung zu Humor oft nicht gut zusammen. Inzwischen habe ich mir mein Publikum erspielt.

Er war stets bemüht

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Aber zuerst gab es eine Menge Frust.

Oh ja. Ich habe mich immer mehr schuldig gefühlt. Wegen eines Antidepressivums nahm ich 40 Kilogramm zu, ich konnte vier Pizzen hintereinander essen. Mein Sexualtrieb war tot. Dann kamen die Panikattacken, auftreten konnte ich nicht mehr, ich hing nur noch zu Hause herum. Irgendwann habe ich mir Hilfe geholt, aber bis dahin war es ein langer Weg.

Klingt nach einer großen Überwindung.

Es ging gar nichts mehr, ich musste es tun. Warum das so lange dauerte? Vielleicht auch, weil in unserer deutschen Gesellschaft das Thema Depression nach wie vor tabuisiert wird. Gerade im ländlichen Raum, dort, wo ich herkomme, ist es ein No-go, eine Therapie zu machen oder in die Psychiatrie zu gehen. Da heißt es dann: "Der ist verrückt." Das gilt auch für andere Krankheiten. Vor Jahren, als ich Hodenkrebs hatte, erzählte mir mein Arzt, dass viele Männer erst zu ihm kommen, wenn ihre Hoden so groß wie Pampelmusen sind. Weil ihr Schamgefühl sie daran hindert.

Glauben Sie, dass in anderen Gesellschaften diese Scham weniger ausgeprägt ist?

Das behaupte ich nicht. Aber Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen, ist in Deutschland etwas sehr Schwieriges.

Gilt das auch für deutsche Comedians?

Leider ja. Denken Sie an das Fernsehen der letzten Jahre. Harald Schmidt kann nur Ironie. Da ist kein warmer Gedanke, er strahlt nur Stärke und Souveränität aus. Der war bis zuletzt eiskalt.