Von Christian Kortmann

Warnung vor dem gelangweilten Komponisten! Mitten in der Nacht klingelt er Leute aus dem Bett und spielt ihnen seine Lieder vor: "The Touchtone Genius", das Internetvideo der Woche.

Man stelle sich vor, ein wirklich talentierter, aber gelangweilter Komponist säße in einem Hotelzimmer. Er beherrscht die Kunst, sich zu seinem eigenen Gesang mit den unterschiedlich gestimmten Tastentönen des Telefons zu begleiten. Doch das ist ihm nicht genug, der Künstler will wirken und braucht deshalb ein Publikum. Also ruft er willkürlich Menschen zu Hause an und spielt ihnen seine Werke vor, nicht irgendwann, sondern mitten in der Nacht: um 3 Uhr 17!

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Das ist die Grundidee des Films "The Touchtone Genius", der ein Paradebeispiel für einen gelungenen Internetclip darstellt: Die Macher setzen eine Situation voraus, in der eine dramaturgische Grundidee angelegt ist. Diese Idee ist konkret und einfach und dennoch originell: Sie liefert die Ausgangslage, um in 69 Sekunden eine runde Geschichte zu erzählen. Denn viel länger darf es nicht dauern.

Die besten Clips im Netz überschreiten selten die 2-Minuten-Marke. Eine Länge von 90 Sekunden scheint sich für das Internetvideo als Idealmaß zu etablieren, analog zu den 90 Minuten des Kinofilms. Diese Dauer resultiert aus der beschränkten visuellen Anziehungskraft, die das kleine Bildschirmfenster nicht länger aufrecht erhalten kann.

Klein und oftmals unscharf sind die Bilder der Internetvideos, doch sie zitieren Abermillionen großer Bilder, die wir als User der visuellen Kultur im Kino, im Fernsehen und nicht zuletzt auf der Straße gesehen haben.

Die Stärke der kurzen Clips liegt eben nicht im cineastischen tableauxhaften Augenschmaus, sondern darin, dass sie mit minimalem Produktionsaufwand Pointen und Ideen überzeugend vermitteln.

Bei "The Touchtone Genius" haben zwei Kreative allerdings erheblichen Aufwand betrieben. Das hat sich gelohnt: David Baril hatte die Idee für den Film, zeichnete und animierte ihn, Andrew Pants komponierte Song und Tonspur. Zwei Spezialisten sind am Werk, die sich auf engstem Raum voll entfalten.

Sie lassen ihren Film damit beginnen, dass ein schlafender Mann von einem schrillen Klingelton geweckt wird. Der Hotelzimmer-Komponist ist dran und stellt sich als "Touchtone Genius" vor. Er müsse ihm dringend etwas vorspielen und - er werde von der Polizei gesucht , sagt er zu dem zerknitterten Mann.

Der ist wahrscheinlich nicht der Erste, der in dieser Nacht geweckt wurde, denn neben dem "Touchtone Genius" liegt ein Telefonbuch auf dem Hotelbett, in dem er die Nummern seiner potentiellen Hörerschaft markiert hat. Singend referiert er nun ein Gaga-Operetten-Duett mit Männer- und Frauen-Stimme.

In den ganz hohen Tonlagen heben sich seine Augenbrauen effektvoll wie bei Rolando Villazón. Passagenweise erinnert sein hysterisches Recital an Queen's "Bohemian Rhapsody" - auch ein wahnwitziger Koloratur-Teil bleibt dem im Schlaf Gestörten nicht erspart.

Schöpferisches Feuer

Inhaltlich geht es in dem Lied darum, dass ein Mann im Lotto gewonnen hat und sich einen Sportwagen kaufen will, seine Frau aber einen Diamantring bevorzugen würde. Am Ende spielt das Tastentongenie ein Solo, seine linke Hand flitzt über die Telefontastatur.

Dann lässt er seinen einsamen Hörer ratlos zurück, nicht ohne dessen Mutter abschließend zu beleidigen: "Your mom is fat!" Er war ihm Publikum, darüber hinaus interessiert er den Komponisten nicht.

Die Pointe des Films "The Touchtone Genius" besteht in der Zweckentfremdung der Tastentöne, die beim Mehrfrequenzwahlverfahren die gewählte Nummer an das Telefonnetz übermitteln.

Man kennt ihren Sound von der Ferneingabe von Codes und weil man manchmal unfreiwillig während eines Telefonats eine Taste drückt: Die Tastaturen sind mit dem technischen Fortschritt nämlich zu klein geworden (oder unsere Hände zu groß), die Fehler häufen sich.

Die Entdeckung, dass man mit diesen Tönen ebenso gut musizieren kann (oder zumindest: dies zu behaupten), ist das schöpferische Feuer, das diesen Clip quicklebendig macht. Bis in die Details ist er sorgfältig durchdacht: So springt etwa der Wecker von "3:17" auf "3:18".

Explodierende Telefonkultur

"The Touchtone Genius" ist ein brillanter Gag über ein technokratisches System: Eine prosaische administrative Funktion wird vom schöpferischen Geist als künstlerisches Terrain reklamiert. An der Wand hängt ein Bild vom Idol des "Touchtone Genius": Es handelt sich um keinen Komponisten, wie man zunächst vermutet, sondern um Alexander Graham Bell (1847-1922).

Der Sprechtherapeut und Telekommunikationsvisionär erforschte und entwickelte die Fernübertragung von Tönen und führte das Telefon zur Marktreife. Selbstredend wurde später das Mehrfrequenzwahlverfahren in den Bell Laboratories entwickelt.

Deshalb ist "The Touchtone Genius" auch eine späte Hommage an die Gründerväter der heute erst explodierenden Telefonkultur und ihres großen Palavers, einer Weltkommunikationsmaschine, der es überwiegend noch an Kunstsinn mangelt.

"Das Leben der Anderen" live auf der Bühne: Christian Kortmann stellt die besten Internetvideos aus seiner wöchentlichen sueddeutsche.de-Kolumne "Das Leben der Anderen" vor und diskutiert mit Matthias Günther über aktuelle Netzphänomene. Am Samstag, dem 6. Januar 2007, um 22.00 Uhr im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele.

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(sueddeutsche.de)