Clint Eastwood im Gespräch "Ich bin der Häuptling"

"Alter, verbissener Sack": Clint Eastwood spricht über seine neue Rolle im Film "Gran Torino", Mitarbeiterführung in Hollywood und die republikanische Partei.

Interview: Alexander Gorkow

Ein Foyer in den Warner Studios. Draußen brennt orangefarben kalifornisches Licht. Es ist warm. Langsame, weit ausholende Schritte - so durchmisst Clint Eastwood eine Gruppe von Komparsen: Clint! Clint! Stets, auch während des Interviews, das zugleich spöttische wie warme wie wohl ewiggültige Lächeln, welches diese Formel verrät: Höchste Konzentration plus höchste Lässigkeit = Jungejunge! Er lehnt sich weit in den Ledersessel zurück, schlägt die langen Beine übereinander, wippt mit dem rechten Schuh, spricht leise und knapp, gerne sagt er neben seinen One-Linern auch mal nichts und lächelt nur. Als das Band aus ist, will er weiter über Autos und München reden. Zum Abschied verpasst er einem einen hammerharten Händedruck sowie ein Augenzwinkern: "Take care!"

SZ: Mr.Eastwood, stimmt es, dass Sie diesmal bewusst auf einen weiteren Oscar gepfiffen haben?

Clint Eastwood: Wo haben Sie das her?

SZ: Stand heute morgen in der L.A.Times.

Eastwood: Das ist ganz amüsant.

SZ: Finden Sie?

Eastwood: Woher glauben die zu wissen, dass ich keinen Oscar mehr will?

SZ: Walt Kowalski, der Held Ihres neuen Films "Gran Torino", ist ein Rassist.

Eastwood: Und dabei nicht unsympathisch.

SZ: Eben. Spielt man sich als sympathischer Rassist in die Herzen der Oscar-Jury?

Eastwood: Gut. Ich wusste natürlich, dass einer wie Walt in so einer Jury nicht mehrheitsfähig sein würde. Vergessen Sie nicht: Ich habe schon vor 20 Jahren meinen ersten Preis fürs Lebenswerk bekommen!

SZ: Da waren Sie nicht einmal 60.

Eastwood: Die Brüder von der Jury damals, sie werden sich fragen, wann der alte Esel endlich in die Kiste fällt!

SZ: Noch mal zu Walt Kowalski: Es gibt in "Gran Torino" diesen Letterman-Effekt, man lacht, weil er die Sau 'rauslässt.

Eastwood: Er ist ein aufsässiger alter Mann, der nicht versteht, dass in seiner Nachbarschaft nur noch Gangs wohnen. Deswegen lässt er die Sau 'raus. Schauen Sie, der Film hat großen Erfolg hier in Amerika. Er berührt die Menschen. Und wieso? Weil es Millionen Walts gibt.

SZ:Steckt in jedem von uns ein Rassist?

Eastwood: In jedem von uns steckt ein Walt.

SZ:Heißt?

Eastwood: In jedem von uns steckt die Möglichkeit zum Rassismus. Der Punkt ist doch: Walt lernt etwas im Laufe des Films. Rassismus ist nicht angeboren. Er wird einem antrainiert. Walt war im Koreakrieg. Da wurde die Lunte gelegt, die jetzt - wo er ein alter, verbitterter Sack ist - glüht. Aber: Er lernt dann noch etwas dazu.

SZ:. . . er sieht, dass nicht die Asiaten schuld sind an seinem Leben. Sondern er selbst.

Eastwood: (Schweigen)

SZ: Oder?

Eastwood: Schuld ist ein großes Wort. Sagen wir: Er ist verantwortlich. Klar ist, seine Kinder behandeln ihn mies, seine Frau ist tot. Und er fragt sich, warum nicht mehr so schöne Autos gebaut werden wie der Gran Torino von 1972. Das frage ich mich übrigens auch. Also: Der Wagen steht in seiner Garage wie auch in seinem Unterbewusstsein. Er hat ihn selber, vor 30 Jahren, bei Ford zusammengeschweißt.

SZ: Ist Schuld ein zu großes Wort?

Eastwood: Schuld ist ein zu großes Wort für ein Interview, Sir! Da müssen Sie noch mal herkommen.

SZ: Noch mal zum Anfang: Ist Ihnen Ihr eigener Ruhm unheimlich? Sie werden nicht verehrt, sondern vergöttert.

Eastwood: Ich denke darüber nicht nach. Das sind keine Kriterien. Ich denke eh' nicht in Kategorien. Ich denke in Einheiten.

SZ: In welchen Einheiten?

Eastwood: In Arbeitseinheiten. Wie behandle ich ein Drehbuch? Wann setzen wir das um? Mit wem? Was kostet mich das? Wird der Stoff die Leute berühren? Soll ich alter Sack selbst mitspielen oder nicht?

SZ: Das klingt nüchtern.

Eastwood: Das ist nüchtern. Stellen Sie sich vor, neulich fragte mich wer, ob ich noch mal Harry Callahan geben will . . .

SZ: . . . aus "Dirty Harry" . . .

Eastwood: . . . seit Sly (Stallone, die Red.) noch mal als Rocky 'rausging, sind die Studios ganz geil drauf, die Alten noch mal für eine Runde 'rauszuschicken. Die kriegen einen wässrigen Blick, wenn ich hier übers Studiogelände gehe. Ich bin 78.

Lesen auf der nächsten Seite, warum Clint Eastwood sein Leben nicht analysiert.

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