Man hat ihm vorgeworfen, dass er nicht lang genug bei den Indios in Brasilien geblieben sei, um ihre Kultur kennenzulernen, dass er ihre Sprache nicht erlernte. Aber die Expedition in die "Traurigen Tropen" waren eher die Ausnahme, Lévi-Strauss war kein großer, kein überzeugter Reisender. Er war kein Theoretiker, keiner, der den Überblick suchte und objektiv, von draußen, von oben, die Dinge beobachtete und zurechtrückte.
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Wild ist das Denken
Er war mittendrin, weshalb sein Werk immer auch eine große, großartige Erzählung ist. Intuition war ihm wichtig. Die Mythen und die Träume lieferten ihm mindestens ebenso wichtiges Material wie die herkömmlichen Methoden der ethnologischen und soziologischen Feldforschung. Er gab der Aufklärung, die immer kühler und ernüchterter geworden war, ein wenig Zauber zurück, und wenn er Gesellschaften studierte - die primitiven wie die komplexen, modernen -, verloren sie nichts von der Magie, die sie zusammenhielt.
In die Mythologica mochte man sich - da geht es einem ganz so wie bei Freud und seinen Texten zur Traumdeutung - immer wieder vertiefen wie in einen Märchenschatz. Und mit welcher Lust verließ man mit ihm eine denkerische Hauptstraße, um sich seitenlang auf einem überwucherten Seitenpfad zu tummeln.
Wer die simplen Vorgaben von Claude-Lévi Strauss ernst nahm, musste Abschied nehmen von dem Prinzip des geistigen Fortschritts, wie er das 19.Jahrhundert in der Tradition von Kant und Hegel geprägt hatte. Gleichberechtigt neben dem elaborierten, geschulten, streng rationalen, professionellen Denken - das meistens auf eine der Welt eingeschriebene, im Denken zu erkennende Ordnung der Welt setzte - stand ein anderes Denken, und sein Buch "Das wilde Denken" könnte man als die Bibel der Moderne und der Postmoderne handeln. Ein Zitat von Balzac, aus dem "Antiquitätenkabinett", weist den Weg: "Niemand ist in seinen Berechnungen so genau wie die Wilden, die Bauern und die Provinzler; wenn sie vom Gedanken zur Wirklichkeit kommen, ist daher alles schon fertig."
Wild ist das Denken, weil es keinen vorschreibbaren Pfad geht, weil es spielerisch ist und experimentierfreudig. Ein Denken, das dem Basteln vergleichbar ist und daher etwas Handwerkliches hat. Die Strukturen sind hier nicht vorgegeben, sie entwickeln sich im Leben, in der Arbeit, im Vollzug. Sie sind wechselhaft und korrigierbar. Und es war nicht traurig, wenn etwas am Ende fehlte. Am Dienstag ist Claude Lévi-Strauss kurz vor seinem 101. Geburtstag in Paris gestorben.
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(SZ vom 04.11.2009/aho)
Brasiliens Präsidentin Roussef