"Chronik einer Revolte" Bilder einer Einstellung

Senegal hatte seinen eigenen politischen Frühling. Warum der aber nichts mit Occupy oder dem arabischen Frühling zu tun hatte, zeigt die Foto-Ausstellung "Chronik einer Revolte" in Berlin.

Von Felix Stephan

Selbstbewusste Staatsbürger, die monatelang für ihre Rechte demonstrierten: eine Szene in Senegals Hauptstadt.

(Foto: Antoine Tempé)

Dass Senegal weithin als die stabilste Demokratie des afrikanischen Kontinents gilt, liegt zum einen an den relativ stabilen Institutionen des Landes. Vor allem aber ist das Bewusstsein, dass die Bürger in einer Demokratie ihre Souveränität stets neu gegen die Eliten verteidigen müssen, hier tiefer im Bewusstsein verankert als irgendwo sonst in Afrika.

In den vergangenen zwei Jahren stand die senegalische Demokratie aber auf der Kippe: Vor den Wahlen im März dieses Jahres hatte sich Senegals langjähriger Präsident Abdoullaye Wade vom Verfassungsgericht bescheinigen lassen, dass die in der Verfassung verankerte Beschränkung auf zwei Amtszeiten für ihn nicht gelte. Als er ankündigte, ein drittes Mal zu kandidieren, trieb es die Opposition auf die Straße. Protest reihte sich an Protest, es gab Tote und Verletzte. Der Unterschied zu den Unruhen, Partisanen- und Bürgerkriegen, die afrikanische Länder immer wieder destabilisieren, liegt darin, dass die Senegalesen konkret für ihre Souveränität kämpften, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.

Die Kuratorin Koyo Kouoh, die das Kunstzentrum "Raw Material Company" in Senegals Hauptstadt Dakar leitet, hat die Proteste von Anfang an begleitet. Die politische Durchschlagskraft von Kunst ist traditionell begrenzt, Kouoh ist kein Heiland, sondern Kuratorin. Deshalb protestierte sie auf Kuratoren-Art: Aus den zahllosen Fotografien, die während der Proteste entstanden sind, wählte sie die besten aus und versammelte sie in einer Ausstellung. Als Kouoh die Bilder in Dakar erstmals zeigte, hingen sie nicht in einem Ausstellungsraum, sondern zur Straße hin an den Außenwänden ihrer Company. Sie sollten die Senegalesen als Staatsbürger inspirieren, nicht als Kunstfreunde.

Jetzt sind diese Bilder in Berlin zu sehen, zweihundert Meter entfernt vom Kanzleramt. Auf den ersten Blick treten einem hier die vertrauten afrikanischen Schlachtszenen entgegen: blutende Demonstranten werden über staubige Bürgersteige getragen, spärlich ausgestattete Polizisten richten Tränengaswerfer auf junge Männer in T-Shirts und Sandalen.

Aber dann ist da dieser Hessische-Landbote-Ernst in den Gesichtern der Demonstranten, dieses euphorische Leuchten in den Augen, das von einer großen Idee zeugt. . . Die Fotografien hängen chronologisch: All die Kundgebungen, Demonstrationen und "Y'en a marre"-Plakate führen bald in die Wahllokale. Auch dort: entschlossene Gesichter, pathetisch-bürgerliches Schlangestehen, Wahlzettel als politische Patronen. Man erinnert sich: Dass Volksentscheide Bürgerkriege ersetzen, das ist ja gerade die Idee, selbst wenn sie in Europa bisweilen aus dem Blick gerät.

"Labor für das zukünftige Afrika"

Bei der Eröffnung der Berliner Ausstellung sagte der Kameruner Politologe Achille Mbembe, dass sich in vielen afrikanischen Ländern nach dem Abzug der Kolonialherren eine destruktive Auffassung von politischer Macht festgesetzt hätte: Macht habe man oder man habe sie nicht und wenn man sie nicht habe, tue man gut daran, sie alsbald zu erlangen. Ideen, Konzepte und Theorien brauche man in der Politik am allerwenigsten, das sei Sache der Intellektuellen. Deshalb, so Mbembe, sei Senegal seit Jahrzehnten das "Labor für das zukünftige Afrika", weil das Land die politische Idee nie von dem Willen zur Macht getrennt habe. Gesellschaftliche Konflikte seien hier nie zum Selbstzweck verkommen, es sei bei Auseinandersetzungen stets um eine konkrete politische Alternative gegangen: die Rolle der Gewerkschaften, die Meinungsfreiheit, freie Wahlen. "Wenn die Zeit Afrikas eines Tages kommen soll", sagte Mbembe in Berlin, "braucht es zuerst einmal eine Sprache, die den Weg dahin ebnet." Und wie die aussehen könnte, zeigt diese Ausstellung.

Das Selbstverständnis der Afrikaner sei zu lange von ihrer Wahrnehmung in Europa und den USA abhängig gewesen, so Mbembe. Postkoloniale Unabhängigkeit äußere sich aber eben auch darin, dass man sich von der internationalen Bildproduktion der großen westlichen Nachrichtenagenturen nicht mehr exotisieren lasse.

Wie sich das in der Praxis äußert, wird deutlich, wenn man mit Koyo Kouoh spricht: Den "Senegalesischen Frühling" will sie nicht als Ausläufer des arabischen Frühlings verstanden wissen, obwohl viele westliche Analysten genau das geschrieben haben. Auch über die Occupy-Bewegung habe im Senegal niemand gesprochen. Dass im Senegal nur etwas passiere, wenn von irgendwo anders ein Funken überspringe, sei eine abgestandene Erstwelt-Phantasie. Der senegalesische Frühling sei eine genuin nationale Bewegung gewesen. Die Bürger hätten ihre Verfassung gegen eine korrupte Elite verteidigt. Dass das nach Europa nicht durchgedrungen ist, liegt vor allem daran, dass man sich Afrikaner hier nicht als mündige politische Akteure vorstellt. Kouohs Ausstellung könnte hier korrigierend eingreifen.

Die senegalesische Bürgerbewegung war übrigens am Ende erfolgreich: Noch am Wahlabend rief Abdoullaye Wade seinen Konkurrenten Macky Sall an, um ihm zum Sieg zu gratulieren.

Chronik einer Revolte. Fotografien einer Protestsaison. Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Bis 6. Dezember.