An den Wänden dieses Felshöhlensystems sind im Stil des sozialistischen Realismus Szenen der Schweizer Geschichte vom Rütlischwur bis zur sowjetischen Gegenwart eingelassen, Bilder, die sich allerdings stilistisch immer mehr den abstrakten Höhlenmalereien der afrikanischen Kolonien der SSR annähern. Damit ist eine der kulturellen Koordinaten benannt, die Kracht seinem Bastelkosmos eingefügt hat.
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Die andere betrifft die Sprache: Im Raum der SSR gibt es keine Schrift mehr. Leser des alten "Bibelbuches" erscheinen als im Wald lebende Werwölfe. Der vom Kommissar gejagte Oberst hat die Kunst des "räumlichen Sprechens" entwickelt, also eine Rede ohne Worte, die ihren Sinn wie Dinge emaniert und in den Raum stellt. Hier ist der größte Abstand zu unserer Welt mit ihren indirekten, ortlos allgegenwärtigen, schriftbasierten Kommunikationsformen markiert. Ein vergangenes eisernes Zeitalter kennt keine Abstraktionen.
Unfairerweise muss auch mit einer letzten Information herausgerückt werden, die Kracht kunstvoll verzögert: Sein Ich-Erzähler, der Schweizer sowjetische Politkommissar, ist ein Schwarzer - rekrutiert aus den zentralafrikanischen Gebieten, wo die SSR ihr Leni-Riefenstahl-schönes, von goldenen Sonnenuntergängen überglänztes und mit weisen Sehern bevölkertes Mustergebiet am Fuße des Kilimandscharo unterhält. Und so haben wir das folgende bedeutende Bild: Ein schwarzer Kommissar in Schweizer Uniform führt einen Brecht'schen "Auftrag" in einer unterirdischen Alpenfestung - am Ende doch nicht aus; unterwegs hat er eine frostige Affäre mit einer Kollegin. Gelegentlich werden Feinde umgelegt und Augen ausgestochen. Und all das im schönsten, elegantesten Deutsch, das derzeit zu lesen ist.
Spuren des Ekels
Christian Kracht, dem mit "Faserland" vor zwölf Jahren ein beeindruckendes Bild deutscher Wohlstandsverwahrlosung gelungen ist, der pünktlich zum 11. September 2001 mit "1979" ein Schlüsseldatum der fundamentalistischen Gegengeschichte der Moderne aufgriff und der seither in Reisebüchern mit dem nordkoreanischen Revolutionspop kokettierte, hat sich nun weiter in die längst abgeräumten Schreckenskulissen des 20. Jahrhunderts zurückgeträumt. Sein gleichmütig grausames, allegorisch unterfüttertes Erzählen erinnert von Ferne an Werke der faschistischen Epoche wie Dino Buzzatis "Tatarenwüste" oder Ernst Jüngers "Marmorklippen"; aber es ist doch vor allem höhnischer Nippes.
Zu solchen Modellen verhält sich Krachts Roman ungefähr so wie die Malerei von Neo Rauch zu De Chirico, Magritte und der sozialistischen Propagandakunst: Stil und Mittel haben sich schwebend verselbständigt, das Set der Bilder ist übervoll mit Stimmung, Anspielungen und Motiven. Der Grad des gedanklichen Durcheinanders aber ist kaum zu übertreffen.
Und man fragt sich, ob die diskreten, auch hier unübersehbaren Spuren des Ekels, die alle Romane Krachts durchziehen - der Geruch von Menschentalg -, nicht das konstanteste Motiv seiner Kunst darstellen. Traurigerweise ist es das stärkste Gegengewicht zu dem am Ende ganz beherrschenden Eindruck des Albernen, der von diesem höchstbegabten und fast toxisch trostlosen Buch zurückbleibt.
CHRISTIAN KRACHT: Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 150 Seiten, 16,95 Euro.
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(SZaW vom 20./21.09.2008/sst)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet