Chinesischer Dissident Li Bifeng "Immer am falschen Ort"

Hat der chinesischen Demokratiebewegung seine Jugend und seine Freiheit geopfert: Der Dichter Li Bifeng.

(Foto: Screenshot)

Chinas Staatsapparat kennt kein Erbarmen: Seit der Dichter Li Bifeng sich 1989 auf die Seite der Studenten schlug, hat er viele Jahre im Gefängnis verbracht. Eigentlich kräht kein Hahn nach ihm - doch nun organisiert sein bekannter Dichterfreund Liao Yiwu aus dem Berliner Exil heraus weltweite Lesungen für ihn.

Von Kai Strittmatter, Peking

Einen Sohn hat er, der ist 17 Jahre alt, gerade mal drei davon waren ihm mit dem Vater vergönnt. Die meiste Zeit saß Li Bifeng im Gefängnis. "Wie soll ich Dir das alles erklären / wenn ich suche nach Dir / mein Sohn."

Verse, die Li in der Zelle schrieb. Drei Zeilen von Tausenden Seiten, die die Wärter immer wieder aufspürten, konfiszierten. Tausende Seiten, die Li Bifeng in den wenigen Jahren, die er zwischendurch auf freiem Fuß war, versuchte zu rekonstruieren. Auf einem Gerät namens Computer, das ihm fremd war. Im Haus der Sohn, der versuchte, sich dem mit der Erinnerung ringenden Vater zu nähern.

Li Bifeng war einmal Steuerbeamter in Mianyang, einer Stadt in der Provinz Sichuan, aber seit ihm das Gefängnis zur Heimat wurde, ist er nur mehr Dichter.

Kein bekannter, nein. Li Bifeng ist eine jener armen Seelen, nach denen kein Hahn kräht, eigentlich. Es ist 1989, das Frühjahr der Rebellion in China, als der junge Beamte Li sich auf die Seite der Studenten schlägt. Dafür kassiert er die ersten fünf Jahre Haft. Er wird entlassen, bekommt einen Sohn. Dann springt er einer Gruppe protestierender Textilarbeiter zur Seite, welche die Autobahn blockieren. 1998 das zweite Urteil: sieben Jahre Haft.

"Er war immer in Eile und immer am falschen Ort." Liao Yiwu hat das geschrieben, der Schriftsteller, dem die Flucht ins Berliner Exil gelungen ist. Die beiden hatten sich im Gefängnis kennengelernt. Sie waren dort nicht die einzigen Politischen, aber die einzigen Poeten, so ließen sie sich, schreibt Liao "in aller Heimlichkeit viel Wärme zukommen; jene Art von Wärme, die sich Ratten zuteilwerden lassen, wenn sie ihr Fell aneinander reiben".

Wenn des Gefangenen Li Bifeng an diesem Dienstag in weltweiten Lesungen gedacht wird, dann wegen Liao. Er sorgt dafür, dass Li nicht vergessen wird. Kein Zufall, dass die Lesung an einem 4. Juni stattfindet: Es ist der 24. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens, der Grablegung jener chinesischen Demokratiebewegung, der beide Dichter ihre Jugend und ihre Freiheit geopfert haben.

Man kann nicht sagen, dass Li Bifeng wegen seiner Bekanntschaft mit dem heute weltweit berühmten Dichterfreund Liao Yiwu Glück im Unglück hätte. Es sieht vielmehr so aus, als sei eben diese Bekanntschaft der Grund für Lis erneute Inhaftierung im September 2012.

Schuldig gesprochen wurde er wegen "Wirtschaftsdelikten". Der wahre Grund ist ein anderer: Der Apparat glaubt offenbar, Li Bifeng habe Liao Yiwu 2011 zur Flucht aus China verholfen. Liao nennt das absurd. Zwölf Jahre Haft hat der heute 48-jährige Li nun vor sich. "Mein Sohn / wenn alles allmählich fremd wird / kann ich bloß an den Gitterstäben lehnen / mich mit blutigen Küssen an dich erinnern."

Für den Sohn kratzte Li Geld zusammen, schickte ihn schon 2010 weg aus China, in eine Schule nach Kanada. Dort, in Toronto, las am Sonntag schon der 17-jährige Jiang Jiaji die Verse seines Vaters.