"Chernobyl Diaries" im Kino Wir nennen sie Monster

Bradley Parkers Horrorfilm "Chernobyl Diaries" schickt eine Reisegruppe in die Geisterstadt Prypjat. Dort müssen sie wählen zwischen einem stinkenden und sabbernden Tod, oder einem, der sich unsichtbar und lautlos in die Haut brennt. Die Krone der Schöpfung ist der Mensch in Tschernobyl nicht mehr.

Von Tobias Kniebe

Bei manchen Ideen ist es so, als läge ein Rohdiamant auf dem Hollywood Boulevard. Man müsste sich nur danach bücken - doch die Schatzsucher des Kinos laufen trotzdem daran vorbei, als seien sie mit Blindheit geschlagen. Bis schließlich einer stehenbleibt, sich die Augen reibt und sein offensichtliches Glück kaum fassen kann. Im Grunde ein rätselhafter Prozess, in dem irgendwo auch das Geheimnis der Popkultur selbst verborgen liegt.

Oren Peli heißt der Mann, der im Fall von "Chernobyl Diaries" schließlich zugegriffen hat. Die Erleuchtung überkam ihn letztes Jahr beim Surfen im Internet - als er entdeckte, dass das Energieministerium der Ukraine inzwischen Touristentouren in die radioaktiv verseuchte "Todeszone" von Tschernobyl erlaubt.

Ein Geigerzähler ist zwar dabei, wenn Reisegruppen durch die Geisterstadt Prypjat geführt werden und jenen "Sarkophag" besichtigen, der den zerstörten Atomreaktor umschließt - aber tödlich ist diese Zone nicht mehr. Das Level der Strahlung sei für kürzere Besuche inzwischen ungefährlich, heißt es.

Erschaudern vor der Katastrophe und dem Irrsinn menschlicher Selbstüberschätzung: ein Nervenkitzel für jedermann, der 100 Dollar investieren will - das ist der erste Teil der Idee. Der zweite liegt dann in der beinahe schon klassischen Überzeugung des Horrorfilms, dass die richtige Dosis Radioaktivität verkrustete Strukturen aufbricht und die Dinge erst in Bewegung bringt: Ungezählt die schrecklich mutierten Godzillen, Supermotten und Killertomaten, die seit Hiroshima aus dem japanischen Meer gekrochen sind - und auch im amerikanischen Horrorfilm war es niemals klug, einen Stacheldrahtzaun in der Wüste Nevadas zu ignorieren oder ein verrostetes Warnschild mit der Aufschrift "Atomtestgelände". Dahinter hatten die Hügel dann plötzlich Augen, von sonstigen Kreaturen und ihren Mutationen ganz zu schweigen.

Insofern ist vollkommen klar, was passieren wird, wenn in "Chernobyl Diaries" nun eine Gruppe junger Europareisender in Kiew Station macht und beschließt, ein Tagesausflug nach Tschernobyl könnte doch ganz lustig sein. Zum Teil kommen sie aus den USA, zum Teil aus Norwegen, der verwegenste der Gruppe spricht ein wenig Russisch und trägt einen Fusselbart, der bravste hat eine Blondine und einen Ring dabei und plant im Stillen einen Heiratsantrag.

Tatsächlich spielt das alles aber gar keine Rolle: Die Figuren sind wie Bleistiftskizzen, lässig aufs Papier geworfen und gerade so weit ausgeführt, wie das Konzept es verlangt. Rein stellvertretend stehen sie für das, was hier jedem passierten könnte, und in dieser Unfertigkeit liegt eine gewisse Modernität. Den Schrecken so fest wie möglich im banalen Alltag zu verankern, ist außerdem das Konzept des Filmemachers Oren Peli.

In "Paranormal Activity", seinem Filmdebüt, bekam es ein junges Paar mit Spukphänomenen im Vorstadt-Reihenhaus zu tun - und auch diese beiden Protagonisten halfen der Geschichte vor allem dadurch, dass sie keine erkennbare Persönlichkeit besaßen. Genauso ist es hier, auch wenn Oren Peli nur als Autor und Produzent fungiert und das Regieführen einem Newcomer namens Bradley Parker überlassen hat.