Chefdirigent Vogelfreund

Mit der Verpflichtung von Vladimir Jurowski hat das Opernhaus das große Los gezogen.

Von Wolfgang Schreiber

Ja, er habe "auch schon davon gehört", antwortete Vladimir Jurowski etwas zerstreut neulich auf die Frage der Süddeutschen Zeitung nach dem Gerücht, er werde der Nachfolger Kirill Petrenkos an der Bayerischen Staatsoper. Das war in gekonnt diplomatischer Manier gesagt. Aber nun ist die Entscheidung für München ja gefallen. Im Herbst 2015 hatte Jurowski hier im Nationaltheater Prokofjews Oper vom "Feurigen Engel" dirigiert. Und schon am Freitag nächster Woche wird er in der Münchner Philharmonie am Pult stehen, allerdings mit dem London Philharmonic Orchestra, dessen Chefdirigent er seit zwölf Jahren ist.

Söhne von Dirigentenvätern können von frühem symphonischem Glück erzählen - und von den Problemen früher Nachfolge. Carlos Kleiber oder Mariss Jansons, auch Paavo Järvi oder eben Jurowski machten den Taktstock der Väter zum eigenen Zauberstab. Für den 1972 in Moskau geborenen Vladimir Jurowski war die Botschaft der Genealogie noch dringlicher: Vater Michael war Dirigent, Großvater Komponist, Urgroßvater auch schon Dirigent. Als Wladimir achtzehn war, wanderte die Familie aus und zog von Moskau nach Berlin. Die Stadt ist bis heute sein Lebensort.

Der Gang vom Konservatorium in Moskau zum Hochschulabschluss in Dresden und Berlin bis hin zu Kursen bei Sir Colin Davis und zum Amt als Kapellmeister an Berlins Komischer Oper gelang ihm scheinbar mühelos. 23-jährig dirigierte Jurowski am Londoner Royal Opera House Verdis "Nabucco". 2007 machte ihn das London Philharmonic Orchestra zum künstlerischen Leiter. Er wird das Orchester dem-nächst "abgeben", doch nach dem konzertanten "Rheingold" im Januar wird er in jedem Jahr den nächsten "Ring"-Teil und im Jahr 2021 die Wagner-Tetralogie komplett dirigieren.

Er sorgt sich um die Zukunft, ist neugierig - und schreibt seine Konzertprogramme selbst

Wie andere arbeitswütige Dirigenten auch sammelte Jurowski eine Fülle von Ämtern und Anstrengungen: Künstlerischer Leiter beim Glyndebourne Festival, beim Enescu-Festival in Bukarest, beim Akademischen Staatsorchester in Moskau, Gastauftritte bei den prominentesten Orchestern und Opernhäusern in Europa und den USA. Letzten Sommer "Wozzeck" in Salzburg. Die Ehrendoktorwürde des Royal College of Music 2016 war hart erarbeitet.

Gerade ist Jurowski wieder zu Hause in Berlin. Bald folgt seine zweite Spielzeit als Chefdirigent beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem ältesten deutschen Radio-Klangkörper, den Marek Janowski in zwölf Jahren zum Spitzenensemble machte. Es gibt jetzt ein Saison-Motto: Der Mensch und sein Lebensraum. Da Vladimir und Patricia Jurowski Eltern zweier Kinder im schulpflichtigen Alter sind, ist die Sorge um Zukunft, Natur, Umwelt in Jurowskis Kopf und Konzerten allgegenwärtig. Er kommentiert seine Konzertprogramme 2018/19 selbst, von Beethovens Pastoralsymphonie über die Alpensymphonie von Richard Strauss bis hin zu Gustav Mahlers Lied von der Erde - mit der Bemerkung, das "Ewig-Ewig" der Natur Mahlers wandle sich heute in ihre mögliche Zerstörung. Das Orchester bietet dazu merkwürdige Spaziergänge mit Vogelstimmen an oder Führungen durch Parkanlagen.

Und die Moderne, die zeitgenössische Musik in Vladimir Jurowskis geräumiger Musikwelt? Er und sein Berliner Orchester laden erstmals einen leibhaftigen Composer in residence zu sich, den Bratscher und Komponisten Brett Dean aus Australien. Und Jurowskis Stimme verrät etwas Stolz, als er das Orchesterwerk des 1998 gestorbenen französischen Stockhausen-Schülers Gérard Grisey für nächstes Frühjahr ankündigt, den Zyklus "Les espaces acoustiques", eine monumentale Raum-Zeit-Klang-Expansion. Neulich hat Jurowski mit der Gruppe united berlin, die er künstlerisch betreut, Werke des 1983 in Paris ermordeten kanadischen Komponisten Claude Vivier aufgeführt - auf den ihn Grisey gestoßen habe, sagt Jurowski.

Die härteste symphonische Schlacht schlug Jurowski letzten Sonntag mit sei-nen Rundfunksinfonikern in der Berliner Philharmonie. Und lieferte obendrein den schärfsten Kontrast von visueller und akustischer Anmutung: Mit geradezu tänzerischer Leichtigkeit eilte der große, gertenschlanke Mann aufs Podium, um die rabiatesten Klangmassen zu befehligen - die genial grimassierende "Hamlet"-Schauspielmusik des jungen Dmitri Schostakowitsch und dessen radikal-satirische Zwischenspiele aus der Oper "Lady Macbeth", darauf die grelle Ophelia-Hamlet-Musik "From Melodious Lay" von Brett Dean sowie, quasi zum Schmachten, Alban Bergs ausdruckssatte "Lulu"-Suite. Das alles mit der phänomenalen Sopranistin Allison Bell. Ein Konzert zum Fürchten und Genießen.

Neulich sprach Vladimir Jurowski von seiner Neigung zur Poesie, zu Kunst, Theater, Philosophie, Religion. Und dass bei ihm alles früh begann: Beruf, Familie, Kind. Dem beginnenden Burnout widerstand er mit Meditation, Yoga. Es taucht der Name Sergio Celibidache und der Begriff der "Entleerung" auf, den er erst allmählich begriffen habe. Hat er Celibidache am Pult erlebt? Ja, als der mit den Berliner Philharmonikern 1992 Bruckners Siebte aufführte - es war wie ein Sog, aber man merkte, "dass das Orchester nicht besonders gut mit ihm konform ging".

Der neue Mann am Pult der Bayerischen Staatsoper ist ein jugendlich wirkender, kommunikativer, wissender, inspirierender Künstler, das Schwerkaliber unter den jüngeren Dirigenten. München hat mit Vladimir Jurowski das große Los gezogen.