Chefdirigent Unvollendet

Meister der lebendigen Präzision: Marco Comin bei der Arbeit.

(Foto: Robert Haas)

Marco Comins Abschied vom Gärtnerplatzorchester

Von Egbert Tholl

Es ist erstaunlich, was Marco Comin in fünf Jahren am Gärtnerplatztheater geschafft hat. Auch wenn das Verhältnis zwischen dem Orchester und seinem Chefdirigenten nicht durchgängig von reiner Harmonie geprägt war, so verstanden sie sich doch immer besser, der leicht entflammbare Chef und die ihn immer mehr schätzenden Musiker. Sein letztes Dirigat als Chefdirigent mündete dann auch in einen sehr persönlichen Abschied, ohne offizielle Reden außenstehender Offizieller - von denen war keiner da.

Das Sujet ist gut gewählt für diesen letzten Auftritt. Händels Ode "Alexander's Feast" wäre im Inhalt annähernd nutzlos, böte dieser nicht eines: den Anlass für reine Musik. Händel probiert hier Sachen aus, die er sich in keiner seiner Opern traute. Er experimentiert mit aberwitzigsten Orchestereinleitungen und -begleitungen in den Arien, hier ein Détaché, das die Töne kurz, prägnant und unverbunden und dadurch aufreizend nebeneinander stellt, dort ein Zusammenspiel von Bass und Cello, antreibend bis in den Irrsinn. Dazu vermengt er die Soli mit dem Chor, den Chor mit sich selbst, das es eine verblüffende Leichtigkeit in seiner Komplexität hat.

Aber eben, die Leichtigkeit muss man erst einmal haben. Das Orchester unter Comin hat sie, alles ist ungeheuer transparent, leicht, präzis. Vor allem aber ist die Musik der permanenten Gestaltung unterworfen. Comin bricht nie ein Phrase ab, so rhythmisch akzentuiert er auch musizieren lässt; er hält die Enden aus, lässt sie klingen als Ende einer Klangrede. Das Orchester des Gärtnerplatztheaters ist kein Barockspezialensemble; aber es spielt in der Agogik wie eines, ohne seinen Charakter zu verlieren. Da kommen nicht alle Solisten hinterher, Juan Carlos Falcón schummelt sich mit Legato und schöner Stimme durch die Koloraturen, die anderen drei bewältigen die Aufgabe souverän und mit viel Gespür - Mathias Hausmann und Patrizia Scivoletto - oder wirklich brillant: Csilla Csövaris feiner Sopran hat die leichte Beweglichkeit, die diese Musik braucht.

Comin muss das Gärtnerplatztheater als Unvollendeter verlassen. Sein letztes Konzert ist nun der endgültige Beweis dafür, dass hier die Chance vertan wird, Barockoper aufs Neue - nach der Staatsoper unter Sir Peter Jonas - in München zu etablieren. Musikalisch wäre der Erfolg sicher. Man müsste nur einfach Comin machen lassen.