"Charlies Welt" im Kino Verlorene Söhne

Charles ist fünfzig und versteht die - besonders jüngeren - Frauen nicht mehr.

(Foto: dpa)

Es ist kein Zufall, dass Hauptdarsteller und -figur den gleichen Namen tragen: Charlie Sheen und Charles sind auf der Suche nach dem Popart-Leben der Achtziger - und machen dabei endlich mal wieder eine gute Figur. Roman Coppolas zweiter Film ist Emanzipationsversuch und Hommage an L.A. zugleich.

Von Tobias Kniebe

Ein flüchtiger Blick in den Kopf von Charles Swan III - so kündigt sich der Film im Originaltitel an. Das wird dann auch gleich eingelöst. Charles Swan erscheint, graugesichtig, in Nikotinschwaden gehüllt. Schwarzbraun ist sein Anzug, schwarzbraun sind die Haare und auch die Fliegerbrille, die er nie abnimmt: ein Schattenmann. Dann aber wird sein Gehirn freigelegt, per Zeichentrick, und Unmengen bunter Bilder poppen daraus hervor.

In diesem Kopf geht es grell, surrealistisch, romantisch, chromglänzend, chaotisch und ein bisschen sexistisch zu. Genau wie im ganzen Film. Der Held, das wird schnell klar, leidet unter Trennungsschmerz und Liebeskummer. Er versteht die Frauen nicht mehr, zumindest die jüngeren nicht, die ihn interessieren, und er muss herausfinden, wer er in Zukunft sein will. Klar ist nur, wer er einmal war.

Nämlich ein visuelles Genie am Rand der Geschmacklosigkeit. Zusammen mit seinen Pop-Art- und Airbrushfreunden hat er den Look von Los Angeles geprägt, mindestens zwei Dekaden lang, die grellbunte Unschuld der Seventies genauso wie die neongetönte Gier der Eighties. Er war einmal groß, aber jetzt geht er hart auf die fünfzig zu, und wie das so ist mit Typen wie ihm: Eines Tages wachen sie auf, die Welt hat sich weitergedreht, und in der Gegenwart finden sie plötzlich keinen Platz mehr.

Auch Charlie Sheen, der diesen Charles Swan III spielt, geht hart auf die fünfzig zu. Zuletzt hat er als Tigerbluttrinker Schlagzeilen gemacht, als Youtube-Irrer und bekennender Prostituiertenfreund. Sheen und Swan sind wie geschaffen füreinander: Seelenverwandte, die hier gemeinsam auf der Suche sind, die in eine große Ratlosigkeit hineintaumeln - und dabei endlich mal wieder eine gute Figur machen.

Kaum bekannte Gebrauchskünstler

Denn Roman Coppola, der Autor und Regisseur des Films, geht ebenfalls auf die fünfzig zu. Er kennt das Gefühl. Wie Charlie Sheen ist er Jahrgang 1965. Beide sind Söhne Hollywoods, beide haben berühmte Väter aus der großen wilden Zeit, und beide merken gerade, dass irgendwann der Moment kommt, wo man aufhören muss, sich als Sohn aufzuführen, für den immer noch jemand die Verantwortung übernimmt. Dieser Moment ist jetzt. Und genau diesen Moment fängt "Charlies Welt" auch ein.

Zugleich ist der Film eine Hommage an jene kaum bekannten Gebrauchskünstler, die tatsächlich den Look von Los Angeles geprägt haben. Einer von ihnen heißt Charles White III. Er hat für Levi's gearbeitet und Harley Davidson und die Rolling Stones. Jetzt hat er, zusammen mit seinen Pop-Art-Freunden, alle Designs des Charles Swan III entworfen. Roman Coppola liebt dieses grelle Design, er liebt diese versunkene Zeit, und im Grunde ist es ihm völlig egal, dass die Welt sich längst unbarmherzig weiterdreht - und keiner der Beteiligten hier eine Antwort darauf hat. Wir, die verlorenen Söhne, machen einfach trotzdem unser Ding, sagt er - irgendwo werden wir unseren Platz schon noch finden.

A Glimpse Inside the Mind of Charles Swan III, USA 2012 - Regie und Buch: Roman Coppola. Kamera: Nick Beal. Mit: Charlie Sheen, Jason Schwartzman, Bill Murray. Koch Media, 85 Min.