Charles Dickens zum 200. Geburtstag Was wir heute noch von Dickens lernen können

Korruption, Dreck, Armut: Charles Dickens hat wie kein anderer die Londoner Milieus geschildert. Sein einzigartiges Talent lag weder im Romaneschreiben noch im Journalismus, sondern in der brillanten Kombination von beidem. Damit wurde er vom amüsierten Beobachter zur moralischen Institution.

Von Alexander Menden

Viele Artikel, die jetzt in England zum 200. Geburtstag von Charles Dickens am 7. Februar erscheinen, zitieren einen Essay seines Zeitgenossen Walter Bagehot. Bagehot nennt Dickens einen "Korrespondenten für die Nachwelt". Das klingt positiv und passt gut zu Bagehots Urteil über Dickens, wie kein zweiter zwischen den unterschiedlichen Gesellschaftsschichten wechseln zu können und die Stimme jeder auftretenden Figur plausibel und wahr klingen zu lassen: "London ist wie eine Zeitung", schreibt Bagehot.

"Alles ist da, und alles ist getrennt. Es gibt in ein paar Häusern jede Art von Menschen; aber zwischen den Häusern besteht keine stärkere Verbindung als zwischen den Nachbarn in den Listen von Geburten, Hochzeiten und Todesfällen. Das gereicht Mr. Dickens' Genius zum Vorteil. Sein Gedächtnis ist voll von alten Gebäuden und seltsamen Leuten, und es liegt ihm nichts daran, sie zusammenzufügen. Im Gegenteil, für ihn ist jede Szene eine separate Szene - jede Straße eine separate Straße."

Tatsächlich hielt Walter Bagehot, der später ein legendärer Chefredakteur des Economist wurde, nicht besonders viel von Dickens' Talent als Schriftsteller. Liest man den gesamten Essay von 1858, stößt man rasch auf Passagen, in denen er dem Romancier Dickens bescheinigt, es mangele ihm "vollständig an Denkvermögen".

Dickens sei ein sentimentaler Erbsenzähler, er tue sich darin hervor, "Inventare schlechter Möblierung aufzustellen" und kenne sich "bestens mit Pfandleih-Billets aus". Was Bagehot kritisierte, waren gerade jene Charakteristika, die Dickens zu einem so populären Autor machten: die Fähigkeit zur genauen Beobachtung und der meist perfekt dosierte Einsatz narrativer Melodramatik.

Charles Dickens war zeitlebens Journalist - und schrieb journalistisch

Die Zeitungs-Analogie jedoch ist in mehr als einer Hinsicht höchst akkurat. Dickens' Szenerien, die sich so oft zu jenem wuselnden Panoptikum fügen, dem das Englische sein Adjektiv "dickensian" verdankt, weisen einerseits auf die Erzählstrukturen des 20. Jahrhunderts voraus. Andererseits war Charles Dickens zeitlebens ein Journalist und schrieb journalistisch. Dieser Aspekt seines Schaffens stand lange im Schatten der Romane.

Erst zwischen 1994 und 2000 wurden die rund 350 nichtfiktionalen Stücke aus Dickens' Feder überhaupt gesammelt und ediert. Und die meisten Untersuchungen der ausgewählten journalistischen Arbeiten, die als "Sketches by Boz", "The Uncommercial Traveller" und "Reprinted Pieces" noch zu Lebzeiten des Autors in Buchform erschienen, nehmen sie meist als Ausgangspunkt einer weiteren Interpretation der Romane.

Dabei hätte die Trennung zwischen fiktionalen und nichtfiktionalen Werken, wie der Herausgeber der journalistischen Texte, John Drew, betont, Dickens' zeitgenössische Fans verwirrt: Sein einzigartiges Talent habe weder im Romaneschreiben noch im Journalismus als solchem gelegen, sondern in der brillanten Kombination von beidem. Er habe damit literarische Genres umdefiniert. Tatsächlich erweist sich das, was Bagehot als Hang zur ebenso übermäßigen wie belanglosen Beschreibung bemängelte, als eine der größten Stärken nicht nur des Romanciers, sondern auch des Journalisten Dickens.

Gekonnt hingetuschte Alltagsszenen

Charles Dickens' unerreichte Fähigkeit, Londoner Milieus glaubhaft zu schildern, belegt eine Passage über einen Pfandleiher aus seinen frühen "Sketches by Boz": "Der Laden des Pfandleihers ist in der Nähe von Drury Lane gelegen (. . .), ein geduckter, schmutzig aussehender, staubiger Laden, dessen Tür stets mit unklarer Intention ein wenig offen steht: halb einladend, halb den zögernden Besucher zurückweisend, der, wenn noch unerfahren, eine der alten Granat-Broschen im Fenster ein oder zwei Minuten lang mit gekünsteltem Verlangen betrachtet, als überlege er, sie zu kaufen; und dann, sich vorsichtig umschauend, um sicherzustellen, dass ihn niemand beobachtet, hastig hineinschleicht: die Tür schließt sich hinter ihm, um genau den gleichen Spalt geöffnet zu bleiben wie zuvor."

Derartig gekonnt hingetuschte Alltagsszenen findet Dickens in seinen "Sketches" überall. Er schnappt sie im Theater ebenso auf wie im Omnibus, im Gericht, im Park oder der Pension.

Seine journalistische Karriere begann er nicht als der Flaneur, der unter dem Pseudonym "Boz" von sich reden machen sollte, sondern als unermüdlicher Handwerker: Von 1831 an arbeitete der junge Dickens für zwei Zeitungen, den Mirror und die True Sun, als Parlamentsreporter. Mit charakteristischer Selbstdisziplin hatte er sich mit 16 selbst das Stenographieren beigebracht und galt schon bald unter seinen Kollegen als Primus inter Pares: "So einen Reporter hat es noch nie gegeben", befand ein Redakteur des Morning Chronicle, zu dem Dickens wenig später wechselte.

Londons charmante Schattenseiten

mehr...

Dickens war damit nicht nur jahrelang direkt am Puls der britischen Demokratie, er bildete sich auch seine - nicht sehr positive - Meinung über die politische Elite des Landes, die in Romanen wie "Bleak House", "Little Dorrit" und "Our Mutual Friend" immer wieder eine gewichtige Rolle spielen sollte.

Auch Suchmaschine Google ehrt Charles Dickens zu seinem 200. Geburtstag - mit einem Doodle.

(Foto: Screenshot: Google)

Es folgte eine Zeit als rasender Reporter für Morning und Evening Chronicle, in denen er von Theaterkritiken bis zu Berichten über tumultartige Wahlveranstaltungen auf dem Lande das ganze journalistische Spektrum abdeckte. Im Jahre 1865 berichtete er nostalgisch von der aufregenden Zeit, in der er "auf der Handfläche beim Schein einer schwachen Laterne schrieb, in tiefster Nacht in einer Postkutsche durch eine wilde Landschaft galoppierend", um seine Abgabefrist einzuhalten.

Zugleich begann er, mit seinen "Street Sketches", die er von 1833 an erst in den Chronicles, später auch im Monthly Magazine veröffentlichte. Diese geistreichen, scharf beobachteten Szenen, die zwischen 1836 und 1839 in Buchform erschienen, bescherten Dickens seinen ersten großen Erfolg als Autor. Sie gaben ihm zugleich Gelegenheit, Genregrenzen auszuloten, etwa mit Episoden wie "The Black Veil", die mehr mit kolportageartigem "gothic horror" gemein hatten als mit dem, was man heute unter Journalismus rubrizieren würde.

Publizistischer Anwalt gegen die notorisch korrupte Metropolitan Police

Während Dickens' Ruhm wuchs, wurde er vom amüsierten, anonymen Beobachter zunehmend zu einer moralischen Institution: zunächst als Kritiker und Kolumnist im Examiner, der sich mit Schauspiel-Stilen auf der Londoner Bühne ebenso befasste wie mit der Abstinenzler-Bewegung, später als Herausgeber von Magazine Household Words und All the Year Round, wo auch seine drei letzten Romane "Great Expectations", "Our Mutual Friend" und der unvollendete Kriminalroman "Edwin Drood" in Serie erschienen. Er tat sich mit investigativen Stücken wie dem über den Untergang des Schiffs Royal Charter vor der walisischen Küste hervor und wurde zu einem überzeugten publizistischen Anwalt der als notorisch korrupt verschrienen Londoner Metropolitan Police.

Ein faszinierendes Beispiel seiner Polizeireportagen erschien 1851 unter dem Titel "On Duty with Inspector Field". Dickens' Darstellung des titelgebenden Inspektors grenzt an Heldenverehrung, der Text strotzt - erstaunlich für den Autor von "Oliver Twist" - vor Ressentiments gegen die irische Unterschicht, mit der Field bei seinem nächtlichen Patrouillengang zu tun hat. Kurz, Dickens lässt jede kritische Distanz vermissen. Und doch ist "On Duty" eine mitreißende Reportage, die meisterhaft alle Tonfälle der Straße wiedergibt und Dickens als Stilist auf der Höhe seiner Fähigkeiten zeigt, etwa in einer Szene, in der Field mit seinem Kollegen Rogers eine Armenbehausung betritt:

"Sie sind jetzt alle wach, außer den Kindern, und die meisten haben sich aufgesetzt, um zu starren. Wo auch immer Mr. Rogers das flammende Auge der Laterne hin schweifen lässt, erhebt sich eine gespenstische Gestalt, unverhüllt, aus einem Grab aus Lumpen. Wer ist hier der Vermieter? - Das bin ich, Mr. Field! sagt sich kratzend ein Bündel aus Rippen und Pergament an der Wand. Wirst du dieses Geld hier morgen früh redlich ausgeben, um für sie alle Kaffee zu kaufen? - Ja, Sir, das werde ich. Oh, das wird er Sir, das wird er. Er ist ehrlich! rufen die Gespenster. Und sinken mit Dank und Gute Nacht in ihre Gräber zurück."

Bemerkenswerter Textausstoß

Es ist bemerkenswert, welchen Textausstoß der Journalist Dickens neben seiner seriellen Romanproduktion bewältigte und wie groß sein Einfluss auf die junge Generation englischer Journalisten und Publizisten war, darunter so bedeutende wie George Sala und Edmund Yates. Als Herausgeber der Household Words hatte Dickens Prioritäten, die den literarischen Anspruch im Zweifel hintanstellten: In der Ausgabe vom 7. Oktober 1858 etwa ersetzte er kurzfristig ein literarisches Stück durch einen polemischen Aufruf, sich um die verarmten Opfer einer Cholera-Epidemie zu kümmern:

"Für jeden Journalisten geziemt es sich, jetzt, da diese fürchterliche Pestilenz noch in frischer Erinnerung ist, seine Leser zu warnen, dass sie, wenn sie nicht ernsthaft bemüht sind, die Wohnbedingungen der Armen zu verbessern, sich des Massenmordes schuldig machen."

Die Ziele des Journalisten und des Romanautors waren mithin die gleichen: Charles Dickens appellierte immer auch an das soziale Gewissen der Leser - und das mit einer Leidenschaft, die man sich in den heutigen Medien manchmal wünschen würde.

Kopflos im Tower

mehr...