Charles Burns Comic "X" Wie ein Horror-Trip auf LSD

Charles Burns hat gegenwärtig den härtesten Strich aller amerikanischen Comic-Zeichnern, die stärksten Konturen, das tiefste Schwarz. Nach "Black Hole" ist "X" seine neue Chronik der amerikanischen Jugend der Siebziger - verstörend, deformiert, apokalyptisch. Ein Trip, wie man ihn sonst nur von William S. Burroughs oder David Lynch kennt.

Von Fritz Göttler

Die Rieseneier mit dem gesprenkelten Ausschlag haben es in sich. Im Rührei, das man aus ihnen zubereitet, krümmen sich merkwürdige fötale Wesen, und wenn man eins aufschlägt, erwächst eine bedrohliche Schlingpflanze daraus. Die Natur ist völlig aus dem Gleichgewicht. Aber vielleicht ist alles auch nur ein wilder LSD-Traum. Ein Traum in einem Traum. So wie man es kennt von William S. Burroughs oder Philip K. Dick. Und später dann aus den Filmen von Lynch und Cronenberg (der unter anderem den "Naked Lunch" verfilmt hat).

Charles Burns hat gegenwärtig den härtesten Strich von allen amerikanischen Comic-Zeichnern, die stärksten Konturen, das tiefste Schwarz. In seinem beklemmenden Comic-Roman "Black Hole" hat er die Krankheit der Jugend gezeichnet, wie sie die Kids deformiert, in die Irre führt, isoliert. Comic noir.

Auch in "X", dem ersten Band seiner neuen Trilogie, bewegt sich die Jugend in einem Feld schwarzer Melancholie, in einem fort bekommt die Wirklichkeit Risse, Mauern bersten, Körper platzen auf. Es sind die siebziger Jahre, die Punkrockzeit, mit ihren verzweifelten Versuchen, eine neue Gelassenheit zu finden. Sich zurechtzufinden in den diversen Schichten der Wirklichkeit. Immer wieder haben die Comics ihre Kids auf traumhafte Reisen geschickt, von Little Nemo bis Tintin.

Ein Junge schlägt die Augen auf, damit beginnt der Band. "Das ist alles, woran ich mich erinnern werde", das ist der erste Satz, zwischen Erstaunen und Resignation. Erinnerung als Konstrukt, als Zukunftsprojekt. Als Projektion. Der Junge hat einen Eierkopf mit drei widerspenstig hochragenden Haarsträhnen - ein legendäres Profil der Comicgeschichte -, auf der einen Seite sind zwei Heftpflaster übereinander geklebt, zum X. Eine Katze lockt ihn aus dem Bett, Inky, ein schwarzes Tintengeschöpf. Durch ein Loch in der Wand geht es direkt in eine dreckige Abfall- und Endzeitlandschaft. Apokalyptische Ikonographie, ein Star-Wars-Verschnitt.

Dinge gewinnen Profil und verlieren dabei an Identität

Dass die Burns-Bilder nun farbig sind und im Stil der "ligne claire" gezeichnet, nimmt ihnen nichts von der Verstörung, die sie auslösen. Die Hergé-Bände hat Charles Burns in seiner frühen Kindheit beim Vater gesehen, unverständliche Bilder - das war zu einer Zeit, als er noch nicht lesen konnte.

Nach wenigen Seiten ist das erste Erwachen vorbei, es war Imagination, Traumgebilde eines Jungen, der Doug heißt und womöglich eine Kopfoperation hatte. Er ist müde, deprimiert, nicht gerade erfolgreich mit seinen Versuchen, sich wieder aufzurappeln. Mit Polaroids baut Doug seine Erinnerungen. Begegnungen in den Punk-Zirkeln mit affektierten Punks, Möchtegern-Punks, aber Doug will mehr, den wahren Horror. Auftritte mit Burroughs-Schnipseln, unter schrägem Künstlernamen, "Hi, ich heiße Nitnit". Und vor allem Sarah, das Mädchen, das ihm als Madonna erscheint und vor seiner Kamera mit einer Rasierklinge posiert. Mit den Polaroids haben die Bilder ihre festen Formen verloren, ihre Zuverlässigkeit. Charles Burns greift ihre Geisterhaftigkeit begierig auf für seine Erzählung, er dokumentiert nicht das Gesehene, sondern die Wahrnehmung selbst.

Die einzelnen Bilder lassen sich nie zusammenfügen zu einer eindeutigen erzählerischen Folge, Bewegung ist hier eine Illusion. Die Dinge gewinnen Profil und verlieren dabei an Identität. Es ist eine infantile Wahrnehmung, für Kids hat das Amorphe keinen Schrecken, sie kennen keine Angst vor Veränderungen, vor der permanenten Transformation. "X'ed Out" heißt das Buch im Original: Tage im Kalender abhaken und durchstreichen, Existenzen und Lebensformen ausixen . . . Was festgefügt scheint, auseinandernehmen und neu zusammensetzen.

X. Aus dem Englischen von Heinrich Anders. Reprodukt Verlag, Berlin 2012. 56 Seiten, 18 Euro.