Chanson Disziplin und Einsamkeit

Patricia Kaas' Leben ist geprägt von beruflichen Erfolgen und privaten Krisen. Mit ihrem neuen Album ist die französische Sängerin unterwegs auf großer Tour

Von Oliver Hochkeppel

Sitzt man Patricia Kaas leibhaftig gegenüber, dann fallen einem als erstes diese unglaublich blauen Augen auf. Nicht zuletzt, weil sie in einem Kontrast zu ihrer rauchig-rauen Stimme und einer gewissen Melancholie in ihrer Mimik stehen. Eine Bipolarität, die sich auch durch Leben und Werk der französischen Sängerin zieht, wo das jüngste von sieben Kindern eines lothringischen Bergmanns und einer deutschen Mutter zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen beruflichen Triumphen und privaten Krisen steht.

Kaas wird als Chanson-Sängerin gehandelt, müsste musikalisch aber doch eher im Pop und Rock verortet werden, mit einem Jazz-Hintergrund, der sich an ihrer rhythmischen Sicherheit und ihrer Phrasierung zeigt. Sie ist mit fast 20 Millionen verkauften Alben die erfolgreichste französische Nachkriegssängerin, die einzige, die mit ihren ersten drei Alben jeweils Diamant-Status erreichte, die damals das legendäre Pariser "Olympia" wochenlang ausverkaufte und die auch mit ihren gut 1000 Konzerten auf diversen Welttourneen Rekordmarken setzte. Bei der Suche des neuen Gesichts der Nationalfigur Marianne 1999 wählten die Franzosen Kaas auf den dritten Platz, den ersten belegte Top-Model Laetitia Casta.

Privat aber wurde dieser Erfolg oft überschattet: durch den frühen Krebstod ihrer Mutter, später auch ihres Vaters und eines Bruders, durch wechselnde Beziehungen, zuletzt durch einen Burn-out, auf den sie als Workaholic lange hingearbeitet hatte. "Viele Leute denken, dass es ein Traumleben ist. Aber man zahlt hart für so eine Karriere, mit Traurigkeit, Einsamkeit und Disziplin", berichtet Kaas, die alles nun aber etwas lässiger angehen will. "Da ist jetzt eine gewisse Ausgeglichenheit, die ich früher nicht hatte. Ich habe 30 Jahre Karriere hinter mir, ich muss niemandem mehr etwas beweisen." Sie findet, dass sich diese Gelassenheit auch in ihrem neuen Album niederschlägt, das diesmal als Titel einfach nur ihren Namen trägt. Es ist, nach den Chanson-Hommagen "Kabaret" und "Kaas chante Piaf" das erste seit 13 Jahren mit neuen, auf sie zugeschnittenen Titeln.

"Ich wollte diesmal Lieder, in denen es nicht wieder um die Liebe und um mich geht. Ich wollte andere Themen. Und hatte das Glück, dass mir die Autoren und Komponisten wunderbare Stücke geliefert haben, die diesem Wunsch entsprachen", sagt sie. Den Ohrwurm "Madame tout le monde" zum Beispiel, der von den vielen widersprüchlichen Anforderungen an eine moderne Frau erzählt. Oder die bluesige Hymne "Ma météo personelle". Sogar ein Lied, in dem es um Kindesmissbrauch und Inzest geht, findet sich auf dem Album. "Es war nicht leicht, es zu singen," betont Kaas, "aber dass man mir das zugetraut hat, hat mich sehr gefreut."

Mit diesen neuen Songs, aber natürlich auch mit all ihren großen Hits ist Kaas nun auf einer ihrer Monster-Tourneen. 175 Konzerte rund um den Globus stehen auf dem Plan. Anders als sonst will sie diesmal auch ein bisschen etwas von den Städte sehen. "Ich bin so viel herumgekommen, habe aber nicht viel gesehen, weil am nächsten Tag das nächste Konzert in einer anderen Stadt anstand. Da bin ich diszipliniert früh ins Bett gegangen. Vielleicht das Erbe meiner deutschen Mutter." Dieser eisernen Disziplin opferte sie selbst ihren 50. Geburtstag am 4. Dezember: "Da probte ich mit meiner Band für die Tournee." Vielleicht auch wieder eine Art Verdrängung: "Ich fühle mich so gut wie lange nicht mehr. Aber 50 ist eine hässliche Zahl. Ein Mann mit 50 sieht interessant aus. Eine Frau mit 50 sieht müde aus. Aber ich springe deshalb nicht vom Balkon."

Patricia Kaas, Montag, 6. Februar, 20 Uhr, Philharmonie im Gasteig, Rosenheimer Straße 15