Neue deutsche Musik erscheint massenhaft, zugleich ebbt die Debatte über Deutsch-Pop ab. Höreindrücke von Platten, über die es sich wirklich zu reden lohnt.
Seltsam: Plötzlich erscheint massenhaft interessante Musik aus Deutschland, und gleichzeitig verebbt die so genannte Deutschpop-Debatte. Wie hießen gleich noch mal die Bands, über die da so erregt diskutiert wurde? Silbermond, Juli, Wir sind Helden, Tomte, Kettcar.
Die deutsche Hip Hop Band "Deichkind" aus Hamburg. (© Foto: AP)
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Nun ja. Spatzen, auf die mit elefantösen Begriffen geschossen wurde. Schluss jetzt mit der Theorie. Empirie her! Hier ein paar Höreindrücke von Platten, über die es sich wirklich zu reden lohnt.
Fangen wir an mit Peter Licht und seinem grandiosen Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus" (Motor). Licht, den man schon als One-Summerhit-Wonder abgeheftet hatte ("Sonnendeck"), nimmt T. Rex und Bowie her und konfrontiert sie mit Palais Schaumburg und Foyer des Arts.
Dabei entsteht etwas völlig Neues: Intellektueller deutscher Glam-Rock. Eingängig, pathetisch und, ja doch - politisch: "Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns lang genug auf der Tasche gelegen." Auch schön: "Hallohallohallo, alte Tante Wohlfahrtsstaat, dies ist der Tag, an dem du zur Hölle fährst!"
Blumfeld wandern über Stock und Stein
Hallohallohallo, was ist eigentlich mit Blumfeld los, den Paten des Polit-Pop? Die wandern über Stock und Stein durch Feld und Wiese. "Verbotene Früchte" (SonyBMG) handelt fast auschließlich von der Natur, wogegen es nichts zu sagen gäbe, wenn die Beobachtungen nicht so kümmerlich und der Erkenntnisgewinn nicht so schmal wäre: Apfelsorten gibt es viele? Tiere sehen anders aus als Menschen? Ach, echt?
Nicht ganz auf der Höhe sind auch Die Sterne, die auf "Räuber und Gedärm" (V2 Records) ziellos vor sich hinpolitisieren. "Es könnte noch viel größer sein, es könnte noch mehr wollen", heißt es in einem Song. Und: "Es könnte noch mehr knallen". Genau.
Dann doch lieber fröhlichen Prenzlberg-Fatalismus, wie ihn Britta zunehmend hitverdächtig zelebrieren. Aber der Charterfolg dürfte auch diesmal ausbleiben, weil Britta zu schlau sind für Antenne Bayern, MTV und Brigitte Young Miss.
Heitere Verspieltheit mit den Woog Riots
Deshalb der Stoßseufzer: "Wer schon hat, dem wird gegeben, und uns bleibt nur das schöne Leben" ("Das schöne Leben", Flittchen Records/Indigo).
Vom dolce vita kündet auch die Musik der Woog Riots, die in ihrer heiteren Verspieltheit gelegentlich an die Kabarett-Stücke von They Might Be Giants und Ween erinnert ("Strangelove TV", Whatssofunnyabout).
Wo wir gerade beim Thema Humor sind: "Aufstand im Schlaraffenland", das neue Album von Deichkind (Universal), klingt zwar eher dürr als fett, mehr nach Elektro als nach Hip-Hop, enthält aber mit "Prost" eine herrlich absurde Anleitung zum großflächigen Drogenmissbrauch.
"Du bist meine Schokolade, ich bin deine Marmelade", singen S.Y.P.H. auf "-1" (Glitterhouse/Indigo), was wohl auch lustig gemeint ist. Leider klingen die alten Punk-Recken hier über weite Strecken überkandidelt noisig, nach falsch verstandenen Einstürzenden Neubauten.
Fehlfarben dagegen wissen schon, warum sie auf "26 1/2" (V2 Records) ihre Oldies lieber von anderen neu einsingen lassen: Erwartungsgemäß zerstört Campino "Paul ist tot", dafür verpasst Herbert Grönemeyer "Grauschleier" einen verblüffend psychotischen Groove. Sollte Grönemeyer etwa doch ein legitimer Erbe von Peter Hein sein?
Obacht, jetzt wird es kurz feierlich: Voltaire aus Bonn zu hören, das ist in etwa so, wie wenn man in einem Schaumbad aus wohligem Pathos versinkt. Erhabene Melodien, glockenheller Gesang. Trauer und Euphorie, fein ausbalanciert.
Man kann Punkrock dazu sagen. Oder eben Free Jazz.
Diese Band könnte ganz groß werden, wenn sie sich künftig den einen oder anderen Manierismus verkneift ("Heute ist jeder Tag", Universal). Gezügeltes Pathos bieten die zaghafteren Schrottgrenze auf ihrem Album "Château Schrottgrenze" (Motor). Insgesamt ein bisschen fad. Gitarren-Melancholie von der Stange. Songs über Leute, die sich an ihrer Zigarette festhalten, gibt es schon genug (vgl.: Tomte).
Zum Schluss noch etwas Jazz: Das verdiente Tied & Tickled Trio klingt auf dem Konzertmitschnitt "a.r.c." (Morr Music) für mich als Jazz-Banausen leicht unfokussiert.
Die beiliegende DVD (laut Pressetext eine "Metapher für die Arbeitsweise eines fließenden, strudelnden Klangkollektivs") ist sehr, wie sagt man: stimmungsvoll. Und gelegentlich auch geschmäcklerisch.
Einen kühneren, kaputteren Begriff von Jazz pflegen ja die Goldenen Zitronen. Die Single "Lenin" (Buback) macht extrem neugierig auf das im Sommer erscheinende Album. Geräusche. Schreie. Parolen. Witze. Wie das rumpelt und holpert und nervt! Toll. Das ist mal ein strudelndes Klangkollektiv. Man kann Punkrock dazu sagen. Oder eben Free Jazz.
(SZ vom 19. April 2006)
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