Von Silke Lode

"Existiert Gott nicht oder wurde ihm wegen Zahlungsunfähigkeit der Strom abgestellt?" - die Ojos de Brujo werden in Barcelona wie die Thronfolger von Manu Chao gefeiert.

Hexen und Zauberer haben ein großes Bewusstsein dafür, was in der Welt vor sich geht. Das erklären zumindest die Musiker von Ojos de Brujo. Die Welt bewusster gestalten - das solle auch das Ziel von Musik und Kunst sein. Und deshalb hat das Musikerkollektiv aus Barcelona der Band den Namen "Ojos de Brujo" gegeben - zu Deutsch "Die Augen des Zauberers".

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Die Ojos de Brujo - tanzbare Musik mit kritischen Texten aus Barcelona. (© Foto: Julia Montilla)

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Die multikulturelle Musikszene Barcelonas lebt von der Kreuzung verschiedener Einflüsse: Europa trifft Afrika. Die Verbindungen von Ojos de Brujo reichen sogar bis Indien und China, wo der Percussion-Mann der Band, Xavi Turull, einige Jahre lebte.

Dort lernte er verschiedene Schlag- und Rhythmusinstrumente wie die Tabla. Auf dem neuen Album "Techari" (Diquela/PIAS) zeigt sich dieser Einfluss deutlich: Immer wieder verschmilzt indische Musik mit Flamenco.

"Jip Jop Flamenquillo"

Entsprechend bunt ist die Musik der Ojos de Brujo - "Jip Jop Flamenquillo" nennen sie selbst ihren Stil. Hip Hop und Flamenco, katalanische Rumba und indischer Bangra vermischen sich mit arabischen Momenten und dem Gescratche von DJ Panko.

Bunter wird die Mischung zusätzlich durch Gastmusiker wie den Hip Hopper Faada Freddy aus Senegal, Prithpal Rajput von der Asian Dub Foundation, den Flamenco-Gitarristen Pepe Habichuela oder den kubanischen Pianisten Roberto Carcassés.

In der Musik von Ojos de Brujo trifft sich eine Welt, und der One-World-Gedanke ist auch die Message der temperamentvollen Sängerin Marina 'la Canillas'. Ihre Texte geben den Rhythmen zusätzliches Feuer, an Stillhalten ist bei dieser Musik kaum zu denken.

Gelebte Globalisierungskritik

"Bequemlichkeit spendet keinen Trost" ("El Confort no reconforta") ist einer der Titel, in dem Marina begleitet von Flamencoklatschen und viel Scratching im Sprechgesang gegen Ausbeutung rappt: "Existiert Gott nicht oder wurde ihm wegen Zahlungsunfähigkeit der Strom abgestellt?"

"Lauf Lola, Lauf" ("Corre Lola, Corre") heißt ein anderer Song des neuen Albums über die Fallen, die das Leben Frauen stellt. Es ist ein Song gegen Abstumpfung und Gleichgültigkeit.

Liebe, Leben, Tod und Verstehen - diese Themen tauchen auf "Techari" immer wieder auf. "Zu verstehen, dass nicht alles verstanden ist, ist der Motor, der uns träumen lässt", singt Marina in "Runali". Ein besonders schöner Flamenco-Scratch-Song ist "Sultanas de merkaillo", der die Eindrücke eines Straßenmarktes besingt und die Verkäuferinnen zu dessen Sultanessen erhebt.

Die Ojos leben ihre globalisierungskritische Botschaft, obwohl sie in Spanien längst mühelos Konzertsäle füllen können. Sie geben gerne Straßenkonzerte oder spielen auf unangekündigten Demos, um auch die Leute zu erreichen, die keine 20 Euro für ein Konzertticket übrig haben. Und um ihre künstlerische Freiheit zu wahren, gründete die Gruppe nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums "Vengue" (Edsel 2001) ein eigenes Label.

Die Sache hat sich gelohnt: Das letzt Album "Bari" verkaufte sich über 100.000 Mal, und "Techari" ist ein Gesamtkunstwerk geworden, das kein mp3-Download ersetzen kann. Zur Audio-CD gibt es eine CD-Rom mit über 100 Fotos und den Songtexten in verschiedenen Sprachen.

Ein Augenschmaus sind die vier Bonusfilme: Ein Dokumentarfilm, das avantgardistische Musikvideo zu "Todo Tiende", einem der besten Songs des Albums, weiter eine musikalisch untermalte Zeitrafferdarstellung der Entstehung eines Graffitis und ein Zeichentrickfilm.

Aber das ist noch nicht alles: In dem kunstvoll gestalteten, aufwändigen Booklet bebildern 14 Illustrationen aus aller Welt von Los Angeles über Vilnius bis Tokio die 14 kunterbunten Tracks, die bei jedem Hören neue Elemente entdecken lassen.

Bis auf weiteres hält der Zauberer seinen Augen aber halb geschlossen - Tanzrhythmen und musikalische Wachrüttelung gibt es nur aus der Konserve, in Deutschland ist erst ein Konzert am 30. April 2006 in Berlin fest zugesagt.

Ojos de Brujo, "Techari" (Diquela/PIAS): 1. Color 2. Sultanas de merkaillo 3. Todo tiende 4. Nunali 5. El confort no reconforta 6. Tranguillos marineros 7. Silencio 8. No somos máquinas 9. Bailaores 10. Corre Lola, corre 11. Feedback 12. Piedras vs. Tanques 13. Respira 14. Nana

Zusätzlich gibt es eine CD-Rom mit Fotos, Filmen und den Songtexten in verschiedenen Sprachen.

Eine Sonderedition von "Techari" mit einem 60-seitigem Buch ist ebenfalls ab dem 17.3.2006 erhältlich.

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