Von Caroline Daamen

Im Ernst jetzt: Was sollen uns Schlafliedchen aus den Kammern einer Band, die mit scharfkantigem Brett-Rock groß geworden ist? Und doch, das kann gelingen. "Lullabies to Paralyze" heißt ein Ritt, bei dem so manche müde Mähre um ihre Gesundheit fürchten sollte.

Kurzes Umschalten mal auf die amerikanischste aller Schauergeschichts-Stunden - nein, sie kommt nicht aus dem Weißen Haus.

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Wenn einer mal den Weg nicht findet, keine Sorge, dann findet der Weg ihn. (© )

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So gruselig ist es dann doch nicht. Unsere Sammlung gehört eher in die Kategorie "Gute Nacht Geschichten". Doch auch sie dürften angetan sein, zu eher unruhigen Träumen zu verhelfen.

Zurück also zum Märchen: Wenn Josh Homme und seine Bandkollegen von Queens of the Stone Age mit ihren 15 "Wiegenliedern" loslegen, darf der obligatorische Hinweis für die Elternschaft nicht fehlen.

Die Ausdrucksweise der bösen Märchenonkels ist explizit, also nicht immer ganz so märchenhaft. Doch seit dem "Feel Good Hit of the Summer" vom zweiten Album "Rated R" verwundert das nicht. Wundersam dagegen kommt der Begleittext zu Studioalbum Nummer vier daher.

Eine Art Fabel, in der ein Hahn (Sänger und Kopf der Band Josh Homme), eine Ente (Gitarrist Troy van Leeuwen) und ein Esel (Schlagzeuger Joey Castillo) sich allerlei böser Gestalten erwehren müssen, um die Musik zu machen, die sie machen wollen.

Ja, das Musik-Buzz ist immer noch hart und immer noch ungerecht. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass so eine Äolsharfe wie der gute Moby auf etwa 450 Millionen Dollar an liquiden Mitteln verfügen soll, die er sich angeblich anambientet hat. Doch aufrechten Verfechtern guter Songs kann letztlich nichts und überhaupt niemand etwas anhaben.

Soweit die Dichtung.

Doch ganz so verhungert stehen auch unsere Stricklieseln aus der kalifornischen Wüste nicht da. Spätestens 2002 mit dem mehrfach Gold-prämierten Album "Songs for the Deaf" haben auch sie sich außerhalb des Märchenwaldes Einiges an Reputation und wohl auch an Barschaft erspielt.

Es hätte demnach alles schön sein und noch schöner kommen können. Doch aus dem Rock-Idyll an der US-Westküste waren im letzten Jahr deutliche Misstöne zu vernehmen, als Gründungsmitglied und Bassist Nick Oliveri von Rotschopf Homme in Rumpelstilzchen-Manier aus dem Kreis der Steinzeit-Königinnen verstoßen wurde.

Seither bleibt der Part des Schweins, des vierten Mitglieds bei den wackeren kalifornischen Stadtmusikanten, außerhalb der Phantasiewelt bislang unbesetzt.

Insgesamt also doch eine recht düstere Geschichte - wie denn auch "Lullabies to Paralyze" wohla als das bisher finsterste Stück in die mittlerweile achtjährige Bandgeschichte eingeht.

Wer eine unmittelbare Fortsetzung von "Songs for the Deaf" mit Hits wie "No-one knows" oder "Go with the flow" erwartet hat, wird hier nur teilweise bedient. Doch das macht das Album keineswegs schlechter als den erfolgreichen Vorgänger. Das geht schon mit dem Opener "This Lullaby" los, den Teilzeit-Bandmitglied Mark Lanegan, von Homme an der Gitarre begleitet, mit Grabesstimme vorträgt.

Doch bevor die Geschichte ganz zum geflüsterten Schauermärchen werden kann, schlägt das wuchtige "Medication" ein, die Schlagzahl wird in gewohnt drahtiger Queens-Manier erhöht und mit kantigen Riffs garniert.

Diese Marschrichtung meistert "Burn the Witch" mit freundlicher Untestützung des ZZ Top-Recken Billy Gibbons ebenso druckvoll wie die erste Auskopplung "Little Sister".

Wer hier noch stillzuhalten vermag, liegt vermutlich gerade in Duldungsstarre.

Die "kleine Schwester" ist erstaunlich einfach gelötet, dabei doch eindringlich und explosiv. Märchenhaft schrullig auch die verdreht-schräge Hymne "Someone's in the Wolf", für Homme Sinnbild dafür, dass der Longplayer "ein kleines dunkles Märchen" ist. Deshalb darf es sich auch mal etwas epischer in Träumereien verlieren und die Sieben-Minuten-Marke locker überschreiten.

Dennoch will der Queens-Leitwolf nicht von einem Konzeptalbum sprechen und schiebt die Verantwortung an die Gebrüder Grimm weiter: "Einige Sachen, die ich sagen wollte, mochte ich nicht so direkt formulieren. Es war wohl Schicksal, dass ich diese Märchen gelesen habe und die Sachen lieber wie Grimms Märchen erzählen wollte. Es ist eine Warnung für dich, für mich, für alle. Außerdem mag ich es lieber, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben."

Sprach's und schickt mehr oder weniger offensichtlich mit "Everybody knows that you are insane" eine Reminiszenz an den kongenialen wie höchst exzentrischen Oliveri - ansonsten scheint der Schnitt in der Bandgeschichte zu den Akten gelegt.

Wer es etwas ruhiger mag, ist bei "I never came" und vor allem auch dem offiziellen Abschluss-Stück "Long Slow Goodbye" bestens aufgehoben. Auch das eine schöne Entdeckung auf "Lullabies". Und die Moral von der Geschicht? Steht im Booklet: "Once you're lost in twilights blue you don't find your way, the way finds you."

Queens of the Stone Age Lullabies to Paralyze (Interscope)

1. This Lullaby 2. Medication 3. Everybody knows that you are insane 4. Tangled up in Plaid 5. Burn the Witch 6. In my Head 7. Little Sister 8. I never came 9. Someone's in the Wolf 10. The Blood is Love 11. Skini on Skin 12. Broken Box 13. "You got a killer scene there, man..." 14. Long Slow Goodbye 15. Like a drug

Tourdaten: 10.06.2005 Berlin, Columbiahalle 21.06.2005 Nürnberg, Serenadenhof 22.06.2005 München, Tonhalle 28.06.2005 Köln, Palladium 29.06.2005 Wiesbaden, Schlachthof

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