Nu Metal war gestern. Heute geben System of a Down bei den Freunden der härteren Klänge den Ton an - und erhöhen auch gleich mal die Schlagzahl bei den Veröffentlichungen. Doch der betörende Spannungsbogen hält nicht immer, was er verspricht.
So schnell kann ein halbes Jahr vergehen: Mit "Mezmerize" mischten System of a Down im Mai Gehörgang und Charts auf und legten zudem berauschende Live-Auftritte hin, bei denen man auch mal ein Konzert ohne Zugabe verkraften konnte.
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Quartett der mutigen Grenzgänger: System of a Down mit John Dolmayan, Daron Malakian, Serj Tankian und Shavo Odadjian (v.l.n.r.). (© )
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Bei MTV gabs gleich noch die Auszeichnung "Best Alternative" dazu - und damit eigentlich genug Lorbeer für ein Jahr. Doch nun wird die Chronik des angekündigten Zwillings mit "Hypnotize" fortgeschrieben.
Einen ähnlichen Alben-Coup erlaubt sich in diesem Jahr nur Shakira mit "Fijacion Oral Vol.1" und "Oral Fixation Vol.2" - ebenfalls im Halbjahres-Takt. Nicht, dass zwischen der kolumbianischen Pop-Queen und dem US-Quartett mit dem bedingungslos knallharten Sound und armenischen Wurzeln größere Gemeinsamkeiten bestünden.
Zwar hat bei beiden Parteien mit Produzent Rick Rubin (Red Hot Chili Peppers; Audioslave) kein Unbekannter die Finger im Spiel, doch eine größere Schnittmenge dürfte sich kaum ergeben - außer, dass beide ihren Erstling aus 2005 auf Platz eins der deutschen Album-Charts schickten. Bleibt abzuwarten, ob das auch mit der zweiten Platte des Jahres funktioniert.
"Hypnotize" vervollständigt die energiegeladene Sammlung von "Mezmerize" - so der Plan von Gitarrist Daron Malakian, Sänger Serj Tankian, Bassist Shavo Odadjian und John Dolmayan (Schlagzeug).
Das wird nicht nur durch die ähnliche Gestaltung der Cover und Booklets deutlich gemacht, für deren Artwork Malakians Vater Vartan verantwortlich zeichnet, sondern auch mit der muskalischen Klammer "Soldier Side". Zunächst als Intro von "Mezmerize", nun als emotionaler Schlusspunkt von "Hypnotize".
Dazwischen jeweils die geballte Intensität druckvoller Stakkato-Gitarren, grimmigem Schlagzeug ("Revenga", "Attack"), sozialkritischen ("Hypnotize", "U-Fig", "Radio/Video"), politischen ("B.Y.O.B.", "Tentative", "Holy Mountains") wie sehr persönlichen Texten ("Lonely day"). Speed-Metal, Punk-Rock, armenische Folklore-Klänge oder auch mal ein ebenso schickes wie abstruses 70er-Jahre-Jingle-Gedudel in einem sich wiederholenden Textgeflecht von "banana terracotta pie", dass hartgesottene Dadaisten ihren Spaß hätten ("Vicinity of Obscenity").
Die 23 Songs der beiden Platten sind somit Selbst-Therapie, Anklageschrift und Kreativschub in einem. Bei diesem musikalischen Gemischtwarenladen muss man mitunter seine eigene Irritation überwinden und von den Einzelteilen auf das Gesamtpaket schauen, um sich richtig mitreißen zu lassen. Das passiert bei "Hypnotize" eher als beim Vorläufer. Insgesamt bieten beide Alben lautstarke Beschallung von gut 70 Minuten und damit jede Menge Unterhaltung.
Tankian: "Wir befinden uns im Umbruch, das vergangene Jahr war für alle eine sehr unruhige Zeit. Dies hat dafür gesorgt, dass bei uns sehr emotionsgeladenes Material entstand. In unseren neuen Songs wird man zahlreiche Kommentare zur aktuellen gesellschaftlichen Situation finden, aber es werden auch Stücke dabei sein, in denen es um Liebe, Beziehungen, Erinnerungen, Politik und lustige Erfahrungen geht".
Gewiss, System of a Down haben viel zu erzählen - doch es bleibt die Frage, weshalb man das nicht einfach auf einem Album bündelt. Das wäre das eigentlich betörende Kunststück gewesen.
System of a Down, Hypnotize (American/SonyBMG)
1. Attack 2. Dreaming 3. Kill Rock 'n Roll 4. Hypnotize 5. Stealing Society 6. Tentative 7. U-Fig 8. Holy Mountains 9. Vicinity of Obscenity 10. She's like Heroin 11. Lonely Day 12. Soldier Side
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