SZ: Diese Toleranz provoziert auch eine steigende konservative Gegenwehr. Je größer die Freiheiten werden, desto stärker auch die Repressionen?

Catherine Millet

"Manche Seiten werden ein Rätsel bleiben." (© Foto: AP)

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Millet: Seit ein paar Jahren beobachte ich in Frankreich und in den USA soziale Vereine, Familienverbände, liberale und rechtsextreme Gruppen, die solche freizügigen Bücher, Ausstellungen oder Filme verhindern wollen. Sie fordern die Zensur. Kürzlich saß ich mit meinem Mann im Kino. Wir sahen den Film einer jungen Frau, die ich unbedingt verteidigen muss. Die Zensurkommission möchte ihn unter "X" klassifizieren, das heißt der Film gilt als pornographisch und wird nur in wenigen Sälen gezeigt. Damit tötet man den Film, denn es gibt nur ein oder zwei solche Säle in Paris und keinen in der Provinz. Dabei handelt es sich nur um eine Dokumentation über Sexualität, mit ein paar pornographischen Szenen.

SZ: Sexaffären sind bei den Franzosen auch Staatsaffären. Vor kurzem musste sich der Kulturminister Frédéric Mitterrand im Fernsehen dazu äußern, dass er Prostituierte in Thailand bezahlt hat.

Millet: Ich finde das scheinheilig. Einerseits akzeptiert man einen explizit homosexuellen Minister. Andererseits wirft man ihm sein sexuelles Verhalten vor. Immer diese Doppelmoral. Spannend daran ist, wer ihn attackiert hat.

SZ: Marine Le Pen, eine Rechtsradikale und ein paar Sozialisten.

Millet: Aber welche von ihnen? Es waren die Jüngsten. Die 60-Jährigen hätten ihn nicht angeklagt, denn sie haben sich ihre freie Moral bewahrt. Aber ihre Kinder, die heute Vierzigjährigen, musste ihre Prinzipien in Szene setzen. Natürlich war auch Demagogie dabei. Die Sozialisten attackierten die Regierung von Sarkozy, indem sie die weitverbreitete Ansicht der populären Klassen, Prostitution sei etwas Schmutziges, ausgebeutet haben.

SZ: Mitterrand hat es überstanden. Welche Tabus gibt es noch?

Millet: Man kann über alles reden. Aber es werden auch immer mehr Vorurteile geschürt. In unserer Gesellschaft gibt es diese Obsession für das Verbrechen der Pädophilie. Als könnte jeder ein Täter sein. Vor einer Weile hat mir ein Freund diese Szene geschildert: Da läuft ein kleines Mädchen nackt über den Strand und wirft sich dann in die Arme ihres Vaters. Ein vollkommen natürliches Verhalten. Doch ihr Vater wehrt sie ab. Nur damit die Leute um ihn herum nicht auf die Idee kommen, er könnte ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Mädchen haben. Diese Panik führt dahin, dass manche nur auf Verdacht hin verhaftet werden und Jahre unschuldig im Gefängnis sitzen.

SZ: Ein schmaler Grat.

Millet: Strafe ist notwendig. Aber wer unschuldig ist, hat lebenslang einen Stempel weg.

SZ: Reden wir wieder von Ihnen. Hat sich die Eifersucht eigentlich auf Ihre sexuellen Gewohnheiten ausgewirkt?

Millet: Sie meinen, ob ich sie nach wie vor pflege? Das lasse ich mir nicht austreiben, auch wenn ich nun älter geworden bin und nicht mehr so verschwenderisch. Ich musste spüren, dass diese Exzesse mitunter von starken Gefühlen durchkreuzt werden. Aber ich könnte niemals auf andere Weise leben. Dieses sexuelle Vergnügen, das ich mit Unbekannten erlebt habe, von denen ich nichts kannte, nur eine Geste, einen Blick...Hin und wieder machte ich Liebe mit einem Freund, den ich respektierte. Auch mit meinem Mann verstehe ich mich sexuell wunderbar. In den vergangenen dreißig Jahren gab es natürlich auch Perioden, in denen wir uns langweilten. Also fand ich einen anderen Major, und er suchte sich andere Frauen.

SZ: Einen Major. Das klingt romantisch. Können Sie eigentlich nun, nach der Krise, mit Ihrem Mann über sich selber reden?

Millet: Jacques hat mein Buch gelesen. Ich hoffe er hat verstanden, was mit mir los war.

SZ: Sie hoffen es.

Millet: Ja, denn er hat nur die Form und den Stil kommentiert. Während des Schreibens und des Leidens habe ich begriffen, dass es zwischen zwei Menschen immer einen unbestimmten Raum geben wird, der für den anderen verschlossen bleibt. Das Schöne ist: Jacques und ich sind noch zusammen. Aber ich lebe mit dem Wissen, dass er mir manches nie erklären kann und ich ihm umgekehrt genauso wenig. Manche Seiten werden ein Rätsel bleiben.

SZ: Wie wunderbar, oder?

Millet: Ach, ich finde das trist. Man lebt so lange mit jemanden, fühlt sich geborgen, kennt ihn. Plötzlich kann alles zusammenbrechen. Jacques und ich haben das überstanden, wir sind uns noch näher, auch ohne Worte. Ich brauche diese Zweisamkeit mit ihm. Wenn ich nach Hause komme, sitzen wir in der Küche, trinken Wein, und ich erzähle von meinem Tag. Wir debattieren über Kunst und Politik, abends treffen wir Freunde. Wie ein stinknormales altes Ehepaar, dass älter wird.

Catherine Millet ist nicht nur Schriftstellerin, sondern vor allem eine renommierte Expertin für moderne Kunst. 1948 in dem Pariser Vorort Bois-Colombes geboren, wurde sie bald eine der schillerndsten Figuren der französischen Intellektuellenszene. Millet leitet das von ihr gegründete Pariser Kunstmagazin "Art Press" und gilt als Kennerin der Maler Salvador Dalí und Yves Klein. Ihr autobiographisches Werk "Das sexuelle Leben der Catherine M." vekaufte sich weltweit mehr als 1,2 Millionen Mal. Dass Hedonismus nicht vor Schmerz schützt, musste Catherine Millet erfahren, als sie auf eine Affäre ihres Mannes, des Schriftstellers Jacques Henric, stieß. Über ihre Krise berichtet die 61-Jährige nun so radikal offen wie über Sex. "Eifersucht" erscheint am 8.Februar im Hanser-Verlag.

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  1. "Houellebecq ist ein bisschen verklemmt"
  2. Jeder mit jedem
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(SZ vom 02.01.2010/lim)