Cartier-Bresson-Ausstellung Bilder einer vergangenen Ära

In den rund 100 Motiven, die Cartier-Bresson vor seinem Tod 2004 noch selbst aus 40 Jahren höchster Produktivität zusammengestellt hatte, dominiert ein einfaches Leben, wie es durch die Industrialisierung der Landwirtschaft mittlerweile fast ausgestorben ist. Schiffer und Fischer, Baumwollpflücker und Brotfrauen, Tagelöhner und Straßenkinder verorten die Kompositionen in der Geschichte und sorgen für eine stark romantische Note, die durch die Schwarz-Weiß-Fotografie, auf die Cartier-Bresson sein Leben lang konsequent vertraute, noch verstärkt wird.

Frankreich, Brie. 1968.

(Foto: Henri Cartier-Bresson / Magnum)

Obwohl sie am Rand Armut und Lebenskampf zeigen, sind diese Studien nie anklagend, sondern eher heiter. Der Reportage-Fotograf, der die Fotoagentur Magnum mit begründete, zeigt auch in seinen Meditationen über Form und Struktur jenen sentimentalen Zug, der seine Arbeit so beliebt und berühmt gemacht hat.

In kaum einer Zusammenstellung seiner so weidlich publizierten Arbeit ist das Echo von Cartier-Bressons Begeisterung für den Zen-Buddhismus mehr spürbar, als in dieser Kollektion ruhiger Bildorganisationen. Seine berühmte "Schnelligkeit", die Cartier-Bresson selbst in der Parole "Sehen, zielen, auslösen und verduften" auf den Punkt brachte, und die ihn dazu brachte, Menschen zu knipsen, bevor er ihnen "Guten Tag" sagte, mag auch für diese Bilder die Erfolgsgarantie gewesen sein. Ihren Charakter hat diese Eile aber nicht berührt.

Die meisten seiner "Landschaften" sind still in einer Form, die an Meditation und Loslassen erinnert, nicht an scharfe Konzentration auf den entscheidenden Moment der Bildschöpfung. Selbst dort, wo Dynamik unleugbarer Teil des Fotos ist, etwa bei dem berühmten Bild des Armeniers, der am Ufer des Sewansees ein lachendes Kind auf der ausgestreckten Faust zu balancieren scheint, besitzt die Stimmung eine Atmosphäre tiefer Gelassenheit.

Kein gestresster Schnappschuss-Fotograf

Ganz ohne Eitelkeit ging es aber natürlich auch bei Henri Cartier-Bresson nicht. Der feine schwarze Rand des Negativs, den er rund um seine Abzüge stehen ließ, sollte dem Betrachter unmissverständlich zeigen, dass der Fotograf bereits beim Auslösen den idealen Bildausschnitt gefunden hat. Diese Marotte ist allerdings ein vernachlässigbares Zeichen der Eigensucht gegenüber der diskreten Art des Fotografierens, die Cartier-Bresson betrieb. Seine Vermeidung jeder aggressiven Strategie, wie sie heutige "Schnappschuss"-Fotografen so unangenehm macht, ermöglichte ihm die überraschende Selbstverständlichkeit im Ausdruck der von ihm "erwischten" Menschen.

In seinen Landschaften und Stadtaufnahmen, wo der Mensch meist nur eine Rolle als Statist erfüllt, zeigt sich diese Diskretion in dem Gespür für die Präsenz des Gewöhnlichen. Cartier-Bresson fotografiert nie die spektakuläre Ansicht von Lebensräumen. Er fand die Größe dort, wo andere achtlos vorübergehen.

Dass Cartier-Bresson 1972 mit dem professionellen Fotografieren aufhörte, um sich ganz der Malerei zu widmen, begleitete er mit einem weiteren dieser irrtümlichen Sätze, die Berühmtheiten auf der Flucht vor ihrem Werk manchmal sagen: "Alles, was ich heute liebe, ist die Malerei. Die Fotografie ist immer nur ein Annäherungsmittel gewesen." Denn wenn man die in Wolfsburg gezeigten Zeichnungen von Cartier-Bresson betrachtet und die fehlenden Meriten bedenkt, die diese Wendung "HCB" einbrachten, dann lässt sich auch diese Aussage nur in ihrem Gegenteil bejahen.

Die sehr gewöhnlichen Skizzen von Paris und aus dem Naturkundemuseum, die in der Ausstellung hängen, sind jedenfalls höchstens Annäherungen an Originalität. Seine Fotografien dagegen haben das Erinnern an das 20. Jahrhundert in einer Intensität geprägt, die noch sehr lange weiter wirken wird. Und von dieser Bedeutung her war das Leben des Henri Cartier-Bresson eindeutig die Fotografie.

"Henri Cartier-Bresson. Die Geometrie des Augenblicks" bis 13. Mai. Info. www.kunstmuseum-wolfsburg.de