Um 1600, wenige Jahre vor dem Dreißigjährigen Krieg, tobten Reformation, Gegenreformation und Inquisition in Europa. Der Philosoph Giordano Bruno starb auf dem Scheiterhaufen; die astronomischen Erkenntnisse von Galileo Galilei und seinen Kollegen irritierten nicht nur Kirchenmänner. Zuversicht und humanistische Träume eines Raffael oder Botticelli waren passé. Nicht einmal mehr in der Kunst war die Welt heil vorstellbar. Es bedurfte eines Malers, der ihrer Schäbigkeit Sinn abzugewinnen wusste.

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Noch im 17. Jahrhundert, als das Ideal der Volksfrömmigkeit der innerkatholischen Reformer verblasste, fiel Merisi wegen seiner Drecksgestalten in Ungnade. Es erschienen Schmähschriften, und der tief im Klassischen verhaftete Nicolas Poussin befand, Caravaggio sei auf die Welt gekommen, um die Malerei zu zerstören.

Heute reden über Poussin nur noch die Kenner. Über Caravaggio reden Unternehmensberater, Hausärzte und Germanisten. Die Tourismusindustrie profitiert und auch Sensationsheischer wie die italienischen Schatzsucher, die gerade in Porto Ercole nach Merisis Knochen graben.

Die neuen Caravaggisten

Aus dem Judas ist ein reliquienfähiger Jesus geworden, meinen Kritiker. "Wir haben die Religion aus Caravaggios Kunst genommen, aber aus ihm selbst eine religiöse Figur gemacht", sagt der kanadische Kunsthistoriker Philip Sohm gegenüber der SZ. Denn: "Viele von uns möchten selbst Rebellen sein."

So laufen Romreisende auf den Spuren ihres Idols von Kirche zu Kirche, wie etwa Martin Walser. Beglückt besucht die Hauptfigur seiner neuen Novelle ,,Mein Jenseits'' Caravaggios Loreto-Madonna in Sant'Agostino. Zu sehen ist ein Pilger mit seiner Frau. Er kniet vor einer tief dekolletierten Madonna, die aus einem schlichten Hauseingang tritt. Dabei streckt er dem Betrachter seinen Hintern in Flickenhose und zwei dreckige Fußsohlen entgegen. Das war zu Caravaggios Zeit neu, aber nicht anstößig, denn im Heiligen Jahr 1600 wuschen römische Adelige reihum den in der Stadt eintreffenden Pilgern die Füße.

Kopfsteinpflaster unter den Zehen

Vier Jahrhunderte nach Merisis Tod haben es die erdverschmierten Fußsohlen zum Fetisch der neuen Caravaggisten gebracht. Auch Walsers Held heftet seinen Blick an den unteren Bildrand: "Solche Fußsohlen hat man nur, wenn man aus einem Dorf kommt." Seinen modernen Städter packt die Natursehnsucht, er zieht die Schuhe aus und spaziert ohne sie weiter.

Die Kunst soll sich anfühlen wie römisches Kopfsteinpflaster unter den Zehen, und je mehr Lebenszeit wir vor Computern verbringen, desto dringlicher wird das Bedürfnis nach quasi haptisch greifbarer Wahrheit. Diese kann nur das Bild ohne Bildschirm bezeugen, ein Gemälde, das in seiner physischen Einzigartigkeit schon seit Jahrhunderten existiert.

Caravaggios Werke befriedigen die Sehnsucht nach Berührung besser als viele andere. Von den Venezianern und von Leonardo da Vinci hat der Lombarde gelernt, wie man alle Sinne stimuliert. Seine Weintrauben sind zum Reinbeißen, seine Leichen stinken, und der Anblick seiner trinkenden Jünglinge macht besoffen.

Er treibt die norditalienische Kunst der Zwiesprache mit dem Betrachter auf die Spitze, wenn er einen Heiligen seinen Stuhl aus dem Bild kippeln und eine Büßende so schluchzen lässt, das man ihr rotbraunes Haar streicheln möchte. Das erfüllte seinerzeit den Zweck, dem unterkühlten Manierismus Relevanz entgegenzusetzen. Heute wirkt es wie gutes Yoga: Spüre, was du siehst; spüre, wer du bist.

Neue Kraftquellen

Das ist bei Caravaggio kein schmerzfreies Unterfangen. Tatsächlich, hier hat Mankell recht, führt er seine Angst vor, wenn er sich als tief traurigen Goliathkopf in der Hand eines Jünglings malt. So wird Caravaggio nicht nur deshalb heute zum Idol, weil er so gewaltsam seinen eigenen Lebens- und Malstil durchsetzte, sondern auch, weil er auf unsichere Verhältnisse mit einer Empfindsamkeit und Verwundbarkeit reagierte, die sich der moderne Erfolgsmensch nur selten zugesteht.

Das große Gefühlstheater ist vielleicht nach dem Leben gemalt, sicher aber ist es hochgradig inszeniert, wie die neuere kunsthistorische Forschung en detail nachweisen kann. Das natürlich macht es umso attraktiver für alle heutigen Meister des Rollenspiels, die es nach Echtheit verlangt, ohne dass sie wirklich an sie glauben könnten.

Attraktiv ist der Spieler Caravaggio auch für das aktuelle Theater, das nach neuen Kraftquellen sucht, um sich der eigenen Bedeutung zu versichern. Der Theatermann Ivan Nagel plant einen Band über Merisi als Fortsetzung seines Buches über Dramatik bei Giotto, Masaccio und Leonardo.

Sein Ansatz, erzählerische gegen dramatische Malerei auszuspielen, wirkt insofern krude, als gerade die Malerei des Barock nie ihre Wesensverwandtschaft mit der Bühnenkunst geleugnet hat. Längst diskutiert die Kunstwissenschaft nicht nur das Dramatische, sondern auch das Lyrische der frühneuzeitlichen Kunst. Mit gleichem Recht, mit dem Nagel die Malerei dem Theater einverleibt, könnte die bildende Kunst alles Literarische zur Vorform ihrer eigenen Erzeugnisse erklären.

In Größe gescheitert

Doch solch ein Kräftemessen zwischen den Künsten ist müßig. Die Kunstgeschichte sollte sich nicht darüber beschweren, dass ihre Sujets einen Sog auf andere Disziplinen und auf ein großes Publikum ausüben. Das liegt in der Natur der Sache. Denn Maler wie Leonardo und Caravaggio wollten über Jahrhunderte hinaus verführen, beeindrucken, auch erschrecken.

Das übersieht die Kunstgeschichte, wenn sie sich allein auf ihre Deutungshoheit beruft und literarische und populärwissenschaftliche Kommentare überhört. Dies ist der sogenannten Mona Lisa geschehen, die gerade wegen ihres enormen Erfolges beim Publikum bis vor kurzem so schlecht erforscht wurde, dass nicht einmal Leonardos Selbstaussagen zu dem Gemälde Gehör fanden.

Mangelnde kunsthistorische Aufmerksamkeit droht Caravaggio nicht: Laut Sohms Statistik publizierte das Fach in den vergangenen Jahrzehnten mehr über ihn als über sein Vorbild Michelangelo Buonarotti. Dies ist zumindest bemerkenswert bei einem Maler, der so wenig Herrscherkünstler war wie Caravaggio. Nicht er wurde in seiner Zeit als neuer Michelangelo gefeiert, sondern Gianlorenzo Bernini, der mit seinen Kirchen, Brunnen und Marmormenschen der Ewigen Stadt ein neues Gesicht gab.

Nicht die Sieger, sondern die in Größe Gescheiterten sind womöglich die neuen Leitfiguren. Von Raffaels Ausgeglichenheit träumte das 19. Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert bestaunte Michelangelos Furor. Das beginnende 21. Jahrhundert erkennt sich in Caravaggio, dem brutal-empfindsamen Schauspieler, der nach unverstelltem Leben und höherem Sinn gierte, ohne Erlösung zu finden.

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  1. "Viele von uns möchten selbst Rebellen sein"
  2. Sie lesen jetzt Sehnsucht nach Berührung
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(SZ vom 12.3.2010/rus)