Wie ein gutes Yoga: Warum Literaten, Filmemacher und Unternehmensberater den Barockmaler Caravaggio neu für sich entdeckt haben.
"Caravaggio ist unser Zeitgenosse", schreibt Henning Mankell über den frühbarocken Maler Michelangelo Merisi und dichtet:
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Caravaggio portraitierte sich selbst als besiegter Goliath - nachdem er auf dem Höhepunkt seines Schaffens Rom verlassen musste, weil er des Mordes bezichtigt wurde. (© Abbildung: Scuderie des Quirinale, Rom (aus der Caravaggio-Ausstellung, die noch bis zum 13. Juni geöffnet ist))
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"Er sieht unsere Zeit, / Bevor sie eintrifft, / Und er lässt uns selbst sehen / In der Unsicherheit, in der er selbst lebte (...) / Das Leben kann nie ohne Risiko gelebt werden, / Immer gibt es eine Bedrohung / Oft nicht sichtbar aber zwischen / Den Zeilen, die er malt, können wir uns selbst sehen, / Unsere eigene Angst."
Nun ließe sich einwenden, dass Künstler keine Zeilen malen und Gemälde nicht linear von oben nach unten lesbar sind wie ein Roman. Sie bieten dem Auge, wie Leonardo da Vinci bemerkte, alle Informationen zugleich, was die einzigartige Unmittelbarkeit der Malerei und die besondere Freiheit ihrer Betrachter ausmacht.
Flut von Liebeserklärungen
Aber mit dem paragone der alten Schule, dem Wettstreit von Literatur, Musik und Kunst, ist der anhaltenden Flut der Liebeserklärungen aus den Nachbarkünsten an Caravaggio nicht beizukommen. Zu tief sitzen die Ängste und Sehnsüchte, die gerade dieser Altmeister unserer Gegenwart spiegelt. Von Dario Fo bis Martin Walser, von Cindy Shermans Performances bis zum Ballett der Staatsoper Berlin war der wegen Totschlags verurteilte Maler Thema.
Zuerst in Derek Jarmans großem Verehrungsfilm von 1986 hatte das ausgehende 20. Jahrhundert seinen Helden gefunden: den Regelbrecher, der sich alle Freiheiten nahm in einer unfreien Zeit, oder, um es mit Mankell zu sagen:
"Michelangelo Merisi, ein junger Mann in Rom. Es ist das späte 16. Jahrhundert, / Die Welt ist böse, bedrohlich, unberechenbar. Wie er selbst. (...) In Caravaggios Welt ist die Freiheit immer auf der Flucht." So der Krimiautor 2006 in dem schönen Band ,"Maler, Mörder, Mythos" (Verlag Hatje Cantz, Ostfildern).
Seit Jarmans Film ist die Welt aus zentraleuropäischer Sicht erheblich unberechenbarer geworden, und ,"unsere eigene Angst" muss nicht mehr einen Atomkrieg zweier Supermächte phantasieren, sie hat in den Folgen des 11. September 2001 und in der aktuellen Finanzkrise handfestere Sorgen gefunden. "Das Leben kann nie ohne Risiko gelebt werden", ist ein Satz, der für das anbrechende 17. und das anbrechende 21. Jahrhundert gleichermaßen gilt.
Lesen Sie weiter auf Seite 2, wer die neuen Leitfiguren sind.
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Wer gerne historische Romane liest, dem sei dieser Roman (leichte Kost mit sexuellen Standard-Einlassungen) empfohlen:
www.piper-verlag.de/pendo/buch.php?id=15725&page=buchaz