Cannes Putziges Schwein

Die Netflix-Produktion "Okja" ist der bislang interessanteste Film im diesjährigen Wettbewerb von Cannes. Eine Chance auf einen Preis hat er wohl trotzdem nicht.

Von Tobias Kniebe

Wenn das erste Wochenende des Festivals in Cannes beginnt, scheinen die Franzosen vor allem von einer Idee beseelt zu sein. Einmal die legendäre Uferpromenade entlangflanieren, einmal den Filmstars beweisen, dass auch normale Menschen im Licht der Côte d'Azur ziemlich glamourös aussehen können. Etwa so glamourös wie, sagen wir, Marion Cotillard und Charlotte Gainsbourg zur Eröffnung.

Die Croisette kann in solchen Stunden sehr voll werden. Ungefähr so voll wie - und tja, da denkt man dann leider gleich an Nizza, nur eine Uferpromenade weiter gewissermaßen, und die Menschenmassen am 14. Juli des vorigen Jahres. Verschärfte Terrorangst ist nicht zu leugnen bei diesem Festival. Aber dann ist es doch wieder erstaunlich, wie man selbst damit relativ mediterran umgehen kann. Zum Beispiel die Barrieren, die verhindern sollen, dass Lastwagen in die Menschen vor dem Palais rasen. Es sind sehr große Blumenkübel. Schon so wuchtig, dass sie einen 18-Tonner stoppen können, aber es wachsen eben hübsche Bäume darin, und ihre Betonwände sind angemalt. In der Farbe Rosé.

Ist dies nicht eigentlich die Herausforderung für die Filmemacher des Festivals: die harten Realitäten der Gegenwart in den Blick zu nehmen, die nötigen Geschichten zu erzählen - und doch auch der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das Kino nicht in erster Linie eine Depressionsmaschine ist? So könnte man die interessanteren Filme bisher beschreiben. Etwa "Okja", von einem großen Pessimisten des Weltkinos, dem Südkoreaner Bong Joon-ho. Der machte zuletzt mit seinem "Snowpiercer" Furore, dem letzten Zug der Menschheit, der Richtung Apokalypse fuhr.

Diesmal aber, nach einer kurzen schrillen Einführung, taucht er tief in eine geradezu bukolische Einsamkeit in den Wäldern Koreas ab. Dort lebt ein junges Mädchen mit einem putzigen Riesenschwein, das ungefähr dreimal so groß wie ein Nilpferd ist und mindestens so laut grunzt. Die Computer sind inzwischen so weit, dass die seltsame Freundschaft dieser beiden schnell wie die natürlichste Sache der Welt erscheint. Das Schwein, gentechnisch hochgezüchtet, um Superschnitzel zu produzieren, gehört aber einem bösen Weltkonzern, der es irgendwann wieder abholt.

Charlotte Gainsbourg (links) und Marion Cotillard bewerben den Eröffnungsfilm "Les Fantômes d'Ismaël".

(Foto: Pascal Le Segretain/Getty)

Dies klingt erst mal nicht wie der Stoff, aus dem Goldene Palmen sind, und Bong Joon-ho schwelgt auch in den schamloseren Aspekten seiner Story: traurige Tieraugen, traurige Mädchenaugen, Tierschutz-Aktivisten, die das süße Monstrum entführen. Schließlich aber landet der Film in der Hölle der industriellen Schweinefleischproduktion - und wirkt wie ein Albtraum. Bis hin zu seinem "glücklichen" Ende, das aber zum Klacken der Bolzenschussgeräte getaktet ist. Es könnte noch Generationen von Kindern zu Vegetariern erziehen.

Anders gesagt: "Okja" läuft völlig zu Recht im Wettbewerb, hat aber wohl kaum eine Chance auf einen Preis. So jedenfalls äußerte sich Jury-Vorsitzender Pedro Almodóvar, noch bevor er einen einzigen Film gesehen hatte: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Goldene Palme einem Film überreicht wird, den dann keiner auf der großen Leinwand sehen kann", sagte er auf der offiziellen Pressekonferenz der Jury. "Solange ich lebe, werde ich für die große Leinwand und ihre Macht kämpfen, die Zuschauer zu hypnotisieren."

Wie berichtet, ist "Okja" eine Originalproduktion des Streamingdienstes Netflix und wird, gemäß dem Netflix-Geschäftsmodell, nach dem Festival in Frankreich keinen Kinostart haben, sondern direkt auf der Plattform zu sehen sein - genau wie der andere Netflix-Film im Wettbewerb, Noah Baumbachs "The Meyerowitz Stories". Für die Zukunft hat Cannes solche Filme aus dem Wettbewerb ausgeschlossen - aber eben noch nicht für dieses Jahr. Darf ein Jury-Vorsitzender dies dann eigenmächtig suggerieren, ohne Ansehen des künstlerischen Werts? Einige hier erregt Almodóvars Statement so sehr, dass Donald Trump nicht der einzige Präsident ist, bei dem die Frage der Amtsenthebung diskutiert wird - zumindest in Partygesprächen.

Als Ausschluss seines Films aus allen Jury-Überlegungen will Ted Sarandos, Chief Content Officer und damit gewissermaßen der Studioboss aller Netflix-Produktionen, Almodóvars Worte auf keinen Fall verstanden haben. In einer Journalistenrunde neben dem Carlton Hotel nimmt er hemdsärmelig und gut gelaunt Stellung. "Da wurde Almodóvar missverstanden, denke ich", sagt er. "Wie er das Kino als Erfahrung verteidigt, dafür muss man ihn doch lieben. Das ist unheimlich romantisch." Auch habe Netflix nicht das Geringste gegen Kinostarts, solange die eigenen Abonnenten zeitgleichen Zugriff haben, wie es in Südkorea etwa bei "Okja" möglich sein werde.

"Das Ganze ist ein sehr französisches Problem", ergänzt er. "Zwar stemmen sich viele Kinos gegen die Gleichzeitigkeit von Leinwand- und Streamingstarts - aber kein anderes Land schließt das per Gesetz aus." Im Augenblick werde nach Lösungen gesucht, damit Netflix' Cannes-Filme doch noch in Frankreichs Kinos zu sehen sind - aber das sieht Sarandos nicht mit großer Hoffnung. Er strahlt jedoch die Gelassenheit eines Mannes aus, der sich auf der richtigen Seite der Geschichte sieht.

Wer Konsumenten einfach gibt, was und wann sie es wollen, könne am Ende gar nicht verlieren - das schwingt mit, wenn er etwa über die dreijährige Wartezeit spricht, die Frankreich nach dem Kinostart festgelegt hat, bis ein Film bei Netflix gestreamt werden darf. "Ob das gut für das französische Kino ist, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall ist es schlecht für die französischen Zuschauer." Ähnlich sieht er die Position des Festivals: "Der Anspruch von Cannes ist doch, dass hier die besten Filme der Welt laufen. Jede weitere Regel, die davon ablenkt, kann dem Festival nur schaden."

Und in der Tat, ohne den irren "Okja" wäre die bisherige Ausbeute des Wettbewerbs wesentlich ärmer und grauer. Andrej Swjaginzew hat in "Nelyubov" ein eindrucksvoll düsteres Bild der neuen russischen Egoismus-Gesellschaft gezeichnet, mit einem Elternpaar, das für seine Lieblosigkeit gegenüber dem eigenen Kind bitter bezahlen muss - an die subversive Kraft seines Vorläufers "Leviathan" aber kommt dieser Film nicht heran.

Todd Haynes, eigentlich ein Meister der Erzählung komplexer Lebenslügen, versucht sich in "Wonderstruck" als Kinderfilmer mit einfachem Gemüt. Die sentimentale Geschichte zweier Ausreißer, die im Naturkundemuseum von New York Zuflucht finden, unterfordert aber sowohl ihn selbst als auch, auf beinah ärgerliche Weise, das Publikum. Der Ungar Kornel Mundruczo schließlich geht mit "Jupiter's Moon" zwar sehr direkt gegen die Pogromstimmung an, die in Teilen seines Landes gegen Flüchtlinge herrscht - sein Versuch aber, daraus eine Parabel voller Zeichen und Wunder zu machen, wirkt nicht wirklich wie das richtige Gegengift.

Dass es in der Welt nämlich Fragen gibt, auf die auch das Kino dringend antworten müsste, daran wird man gleich wieder erinnert, wenn man nach einer Filmvorführung ins Freie kommt - und sieht, wie viele Uniformierte dort unterwegs sind. Selbst die Polizistin, die vor dem Palast den Verkehr regelt, trägt eine Neun-Millimeter-Pistole mit 17 Schuss Munition - das weiß man seit der Pressekonferenz des Polizeichefs. Vor allem hat sie den ganzen Unterarm tätowiert. In einer Stadt, die so viel Toughness im Polizeidienst erlaubt, fühlt man sich dann gleich sehr viel sicherer.