Cannes-Film: Antichrist Glanz und Arroganz

Gnadenloser Höhepunkt: Während sich die Eltern ihrer Lust hingeben, stürzt sich der dreijährige Sohn aus dem Fenster. Eine Explosion aus Blut und Schnee - und ein Film über die eigenen Ängste.

Von T. Kniebe

Wenn es ein Elend gibt, dem man in Cannes nicht entkommen kann, ist es der Zwang zum Soforturteil. Die Frage, wie man diesen oder jenen Film nun fand, muss man dutzendmal am Tag beantworten: Kurzbewertungen, getauscht wie Panini-Bilder - gibst du mir deine Jane Campion, kriegst du meinen Park Chan-Wook. Kurz und präzise natürlich, Daumen rauf oder runter - Sekunden des Nachdenkens halten das Gespräch schon gefährlich auf.

Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe, innig ineinander verkeilt. Lars von Triers "Antichrist" schockiert mit gnadenlosen Bildern.

(Foto: Foto: MFA)

Nur die offiziellen Juroren hat man von diesem Irrsinn befreit, bei Androhung schrecklicher Strafen sind sie zum Schweigen verdammt. Wie wohltuend das sein kann, hat der türkische Meisterregisseur Nuri Bilge Ceylan, Jurymitglied in diesem Jahr, zu Beginn sehr schön formuliert: "Meiner unmittelbaren Reaktion kann ich sowieso nicht trauen. Viele Filme, die ich beim ersten Sehen gehasst habe, sind später zu Filmen meines Lebens geworden. Ich werde mit Zeit lassen und vorsichtig sein."

Wie klug, wie wahr - und doch wie völlig unmöglich, denn jetzt muss es um Lars von Triers "Antichrist" gehen. Dabei wäre hier, mehr als irgendwo sonst bisher, Misstrauen gegen schnelle Urteile angebracht. Dieser dänische Maniac des Autorenfilms hat sein Spiel mit den Zuschauern, das einer sadomasochistischen Liebesbeziehung gleicht, auf eine neue Stufe des Wahnsinns angehoben. Wer von "Breaking the Waves" verstört, von "Dogville" schockiert war, muss hier entweder fliehen, seine Empfindungen abschotten, sich mit Hohngelächter oder heftigen Buhrufen schützen - oder er ist am Ende dieses Horrortrips reif für die Therapie. Die Gesamtheit der Erfahrung lässt sich unmöglich wiedergeben, als Vorgeschmack für die Unerschrockenen kann man aber die ersten fünf Minuten recht gut beschreiben.

Das Bild ist schwarzweiß und, wie man sehr schnell sieht, in Superschärfe und Superzeitlupe aufgenommen. Eine traurige Frauenstimme singt, Händels "Rinaldo" in voller dramatischer Lautstärke. Die Wassertropfen einer Dusche prallen von zwei menschlichen Körpern ab, den Körpern von Charlotte Gainsbourg und Willem Dafoe, die stehend ineinander verkeilt sind. Schon die dritte Einstellung zeigt unerwartet drastisch, was sie da machen, ein Close-up mit Hardcore-Penetration, die Bewegung seltsam poetisch in ihrer Langsamkeit.

Die Urszene ausbuchstabiert

Im Nebenzimmer tapst ein dreijähriger Junge herum, ebenfalls in Superzeitlupe. Er sieht seinen Eltern einen Moment lang beim Sex zu, eine Freudsche Urszene, ausbuchstabiert in brüllend lauten Versalien, dann wendet er sich ab und klettert einem Fenster entgegen, zusammen mit seinem Kuschelbär. Draußen schneit es, dass Fenster steht offen, staunend und gelöst sieht er den Schneeflocken zu, dann kippt er, unendlich langsam, über das Fenstersims, eine Weile wird er im Flug gezeigt, sein Gesicht ganz ohne Angst. Der Aufschlag drei Stockwerke tiefer ist eine Explosion aus Schnee und Blut - zeitgleich mit dem Orgasmus der Eltern.

Schönheit. Horror. Schock. Entsetzen. Komik. Ja, diese Bilder haben auch etwas Komisches, so gnadenlos, wie sie die Macht des Kinos in Anschlag bringen, alle Sinne überwältigen wollen, scheinbar nur für den niedersten, den verboten niederträchtigen Zweck. Er musste herausfinden, sagt Lars von Trier nun in allen Interviews, ob er überhaupt noch Filme machen könne, ob er die große Depression, die fast unkontrollierbaren Zwangsvorstellungen, die ihn in den letzten zwei Jahren plagten, noch einmal besiegen würde. Das klingt nicht nach Koketterie, auch wenn er in seiner Selbstdarstellung schon immer ein Meister der Täuschung war.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Lars von Trier seinen Film zur Selbsttherapie nutzt.