Cannes 2010 Alles bleibt anders

Aufstand alter Männer: Meister wie Mike Leigh und Woody Allen tun in Cannes, was sie immer tun - so hat sich Allen mal wieder die Sinnlosigkeit des Seins zum Thema gemacht.

Von Susan Vahabzadeh

Es gibt Momente, die sind grausam und schön, und am Ende weiß man gar nicht mehr, was man fühlen soll. Luchino Viscontis "Der Leopard" ist in Cannes frisch restauriert vorgeführt worden, präsentiert vom Oberfilmhistoriker des Festivals, Martin Scorsese - der sich ganz rührend in den Hintergrund zu drängen versuchte, als die beiden Stargäste unter riesigem Beifall auf die Bühne kamen, die letzten lebenden Hauptdarsteller des Films, Alain Delon und Claudia Cardinale.

Es hat auch etwas Tragisches

Ein Augenblick, der mehr Glamour hatte als mancher Sternchenauflauf auf dem roten Teppich, aber auch etwas Tragisches: Delon hat sich die Restaurierung tatsächlich ganz angesehen, und rang danach um Fassung - nun tut das jeder, der drei Stunden lang dem Schicksal des Fürsten Salina und seiner Familie gefolgt ist, aber es muss seltsam sein, wenn man sich dabei auch noch selbst sieht, so, wie man vor fünfzig Jahren war. Gleichwohl: Die Dinge müssen sich ändern, um gleich zu bleiben.

Im Vergleich zum "Leoparden" sahen bislang viele seiner Nachkommen beim Festival ganz schön alt aus, sogar Bertrand Taverniers Hugenotten-Epos "La Princesse de Malpensier" im Wettbewerb. Die Prinzessin, die eine ganz große Ähnlichkeit mit Michelle Pfeiffer zu Zeiten von "Gefährliche Liebschaften" hat, hat sich verliebt und wird vom Vater gezwungen, einen anderen zu heiraten - am Ende langer Eifersuchtsintrigen ist sie beiden Männern egal. Das 17. Jahrhundert, eindeutig eine Epoche, die man nicht erlebt haben will, hat Tavernier sehr schön in Szene gesetzt - inklusive einer unromantischen Hochzeitsnacht mit Publikum.

Im Zentrum der Macht

Der einzige deutsche Film in der offiziellen Auswahl, Christoph Hochhäuslers "Unter dir die Stadt" in der Nebenreihe "Un certain regard", nimmt sich die Gegenwart vor, die grauen Männer in den Banken, was aber nicht so gut funktioniert. Ein großer Manager verliebt sich in die Frau eines Angestellten (Nicolette Krebitz), eine, die nichts von dem will, was er hat und sich doch mit ihm einlässt. Nichts gegen erratische Liebesgeschichten, aber auf der Leinwand sollte dann schon irgendeine Energie entstehen, und wenn es nur ein diabolisches Funkeln ist. Man spürt die Sehnsucht, etwas zu erzählen über die Kälte im Zentrum der Macht - aber es ist dann doch eine Ansammlung von Allgemeinplätzen dabei herausgekommen, Machtmissbrauch in Schöner-Wohnen-Ambiente.

Wie man mit wenigen Mitteln eine emotional konzentrierte Geschichte erzählt, dass macht Mahamat-Saleh Haroun vor mit "Un homme qui crie", der mangels Konkurrenz wichtigste Filmemacher im Tschad. Der Film spielt vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs, den man nie sieht, immer nur hört, er versucht zu erzählen, was der Krieg mit dem Menschen macht. Ein Mann, 55 Jahre alt, einst einer der besten Schwimmer Afrikas und nun Bademeister in einem Hotel, begeht einen fürchterlichen Verrat an seinem Sohn, aus Angst, alles zu verlieren. Wie Haroun mit seinen Bildern der Kargheit dieses Landes und den Menschen seine Liebe erklärt, dem kann man sich kaum entziehen - und auch nicht dem Sog der Selbstverständlichkeit, mit der sie solidarisch sind und Verrat begehen und sich miteinander arrangieren, wo keine Versöhnung mehr möglich erscheint, einfach, weil sie keine andere Wahl haben.

Ein Drama in Minimalform

Mike Leigh erzeugt im Grund mit noch weniger noch mehr. "Another Year" heißt sein neuer Film, und er tut, was er immer tut, er sieht dem Leben bei der Arbeit zu. Ein älteres Ehepaar, Gerry und Tom, sie Psychologin, er Ingenieur, kümmert sich um die Schiffbrüchigen, die ihnen anvertraut sind - ein paar alte Freunde, sein verwitweter Bruder. Im Zentrum steht Mary, eine Kollegin aus Gerrys Klinik, die nichts auf die Reihe bekommt, hysterisch durchs Leben taumelt, das Alleinsein nicht aushält.

Ein Drama in Minimalform - Mary hat sich in den erwachsenen Sohn von Tom und Gerry verguckt, und geht einfach ein bisschen zu weit, als der das erste Mal die Frau mit zu seinen Eltern bringt, die er heiraten möchte. Von da an gehört Mary nicht mehr dazu - und wie furchtbar das für sie ist, dass an solchen Kinkerlitzchen Menschen, die mit dem Leben nicht fertig werden, zerbrechen, das ist in

"Another Year" in jeder Sekunde nachvollziehbar. Wie jede Szene rund und vollkommen wirkt, die Kameraführung einen mitnimmt in diese Runde von Menschen, die man am Ende gar nicht mehr verlassen will, wie die Räume von ihren Bewohnern erzählen - daran spürt man, dass in "Another Year" ein großer Regisseur am Werk ist.

Es ist nicht alles rund gelaufen in der ersten Woche dieses Festivals - fast könnte man fürchten, dass dem Kino der Nachwuchs fehlt. Aber da war noch ein alter Herr, der die Menschen nicht so liebt wie Mike Leigh: Schall und Wahn hat sich Woody Allen zum Thema gemacht, die ganze Sinnlosigkeit des Seins, aber das tut er ja eigentlich immer - der Allen Jahrgang 2010, "You Will Meet a Tall Dark Stranger", in Cannes außer Konkurrenz vorgestellt, ist jedenfalls ein guter Allen, ein ganz fieses Machwerk, denn der Mensch ist und bleibt ihm eine ganz zweifelhafte, unzulängliche Erfindung.

Selten aber hat er eine in ihrer Unerträglichkeit so komische Figur geschaffen wie Helena: Gemma Jones spielt diese rechthaberische Nervensäge, die alle mit den Ratschlägen der Hellseherin, bei der sie nach und nach ihr Vermögen verplempert, in den Wahnsinn treibt, während sie - "Kann ich noch ein ganz kleines Schlückchen haben?" - ihr letztes bisschen Verstand mit Sherry und Scotch ertränkt. Es geht - auch das ist nicht neu - um einen alten Sack, Anthony Hopkins als Helenas Mann, der sich mit dem Altwerden nicht abfinden kann und deswegen Helena durch eine jüngere, noch dümmere Goldgräberin ersetzt; um seine Tochter (Naomi Watts), die ihre Karriere in den Sand setzt, weil sie sich in ihren Boss (Antonio Banderas) verknallt hat; und um seinen Schwiegersohn (Josh Brolin), der nicht hinnehmen kann, dass er als Schriftsteller eine Niete ist. Letztlich werden hier alle Figuren in einem bösen Reigen lebend in die Hölle geschickt - bis auf Helena. Das ist gemein, aber komisch.

Mike Leigh ist 67, Woody Allen 74, Tavernier wird nächstes Jahr 70 und Ken Loach, der in der zweiten Festivalwoche mit "Route Irish" noch nachrückte in den Wettbewerb, ist Jahrgang 1936. Cannes - ein Aufstand alter Männer. Natürlich hat es etwas mit Lebenserfahrung zu tun, wenn diese Regisseure in ihren Filmen ganz bei sich sind, ihre Geschichten spiegeln, dass sie sich ihrer Haltung zur Welt bewusst sind und sicher - aber ewig kann das Kino nicht von alten Meistern zehren. Irgendwann werden sich die Dinge ändern müssen, um gleich zu bleiben.

Wer kann, der Cannes

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