Camille Jourdys Comic "Rosalie Blum" Äußerst unterhaltsames Stalking

"Rosalie Blum"

(Foto: © REPRODUKT)

Die junge französische Autorin Camille Jourdy erzählt in ihrem preisgekrönten Stalking-Comic "Rosalie Blum" die Geschichte vom einsamen Vincent Machot, der die ebenfalls einsame Rosalie verfolgt. Denn in ihr erkennt er seine eigene Verlorenheit.

Von Anja Perkuhn

Sie teilen sich denselben Wind, und doch ist es nicht das Gleiche. Rosalie Blum sitzt auf einem Hügel fern der Stadt, die blonden Haare verweht, sie starrt stumm ins Leere. Auf einer zweiten Bank im Hintergrund sitzt Vincent, er schaut Rosalie an, sein grüner Schal flattert, seine große Sonnenbrille soll sein Gesicht verbergen - er ist Rosalies heimlicher Verfolger.

Warum er ihr folgt, weiß er selbst nicht so genau, eines faden Tages hat er sie in einem Lebensmittelladen getroffen und meinte, sie zu kennen. Also ist er ihr einfach nachgelaufen, bis zu ihrem kleinen Häuschen mit dem vollgekramten Vorgarten. In sie verliebt ist er nicht, glaubt er jedenfalls. So ganz sicher ist er sich da nicht, sicher fühlt er sich überhaupt nie. Aber mit ihr, hinter ihr zu spazieren, das bedeutet für ihn, unbekannte Ecken der Stadt kennenzulernen: auf Bahngleisen entlangbalancieren, ausländische Filme anschauen, aus dem Schatten ihren Chorproben lauschen, Whisky in Bars trinken, in die er sonst nie einen Fuß gesetzt hätte.

Die junge französische Autorin Camille Jourdy erzählt in aquarellierten, fein ironischen Bildern die Geschichte vom einsamen Vincent Machot, der die ebenfalls einsame Rosalie verfolgt, weil er in ihr seine eigene Verlorenheit gespiegelt sieht. Vincent lebt mit seiner Katze in der Wohnung unter der seiner Mutter und hört morgens "Radio Nostalgie". Frau Mama wartet königinnengleich auf seinen täglichen Besuch und spielt zum Zeitvertreib mit Puppen das eigene Leben aufregender nach, oder sie lässt eine Puppe, die den Sohn darstellt, mit einer nuttigen Puppenfrau flanieren, die sie genüsslich mit einem Modellauto überfährt.

Vincent führt den Friseursalon seines verstorbenen Vaters weiter, nachdem er sein Studium abgebrochen hat; dass seine Freundin nicht mehr seine Freundin ist, mag er nicht wahrhaben. Dieses Leben führt er, weil es bequem ist und er feige. Rosalie, erfährt der Leser nach einem Perspektivwechsel im Buch, ist ebenfalls feige, auf ihre Art: Sie beginnt unzählige Briefe an einen ominösen Thomas, die sie nie beendet. Und ihre Nichte Aude, die ebenfalls eine zentrale Rolle spielt im Geflecht der einsamen Figuren, ruft ihre Eltern nie zurück, weil sie ihnen sonst erklären müsste, dass sie seit Monaten arbeitslos ist. Nach und nach blättern sich die Abgründe der Figuren auf, die sie verbinden.

Schrullige Figuren mit sanften Gesichtern

Jourdy wurde für das finale Kapitel von "Rosalie Blum" ( in Frankreich erschien die Geschichte in drei Bänden, "Wie ein Déjà-vu", "Häschen in der Grube" und "Kopf oder Zahl?") beim Comicfestival in Angoulême 2010 ausgezeichnet. Davor hatte Jourdy in Frankreich einen Comic veröffentlicht und Kinderbücher illustriert, in Deutschland ist "Rosalie Blum" ihre erste Veröffentlichung.

Die schrulligen Figuren mit ihren sanften Gesichtern, die auf den ersten Blick verträumt und harmlos wirken, beschreibt die 1979 geborene Jourdy detailliert und eindringlich über deren Träume, die sie illustriert, und über deren Mimik und Gestik in Momenten, in denen sie allein vor dem Spiegel stehen oder ins Telefon sprechen, ohne dass der Gesprächspartner in einer Sprechblase zu Wort kommt.

Das gelingt Jourdy auf langen Strecken komplett ohne Text: Es vergehen schon einmal drei, vier Seiten mit stillen, melancholischen Bildern, denen Sprache wenig gegeben, aber viel genommen hätte. Da geht Vincent rotwangig, der Mund nur ein Punkt, den Weg zum Friseursalon, die Hände im beigefarbenen Blouson vergraben, und bereitet freudlos das Geschäft für den Arbeitstag vor. Da schaut er fassungslos auf einer ganzen Buchseite in den Spiegel in seinem Salon, als eine Frau einen Termin bei ihm ausmacht, auf den Namen: Rosalie Blum.

Am Ende haben nämlich auch Verkleidung und Sonnenbrille nicht geholfen. Rosalie hat ihren Verfolger bemerkt und will nun ein Spielchen aus der Sache machen. "Warum rufst du nicht die Polizei?", fragt ihre Nichte Aude großäugig. Mit der wolle sie nichts mehr zu tun haben, sagt Rosalie, lächelt und fügt hinzu: "Außerdem finde ich das alles äußerst unterhaltsam."

Camille Jourdy: Rosalie Blum. Comic. Aus dem Französischen von Claudia Sandberg, Handlettering von Maya della Pietra. Reprodukt Verlag, Berlin 2012, 362 Seiten, 29 Euro.