Burgtheater-Debatte Der irre Mythos, Genies dürften alles

Das Theater ist nun mal ein feudaler und nichtdemokratischer Ort? Na bravo.

(Foto: dpa)

Rassistische, sexistische und homophobe Demütigungen waren am Burgtheater Standard, sagen Mitarbeiter. Das Theater sei nun mal "ein nichtdemokratischer Ort", entgegnen andere. Geht's noch?

Kommentar von Christine Dössel

Das war ja klar, dass der offene Brief, in dem 60 Beschäftigte des Wiener Burgtheaters Vorwürfe gegen den ehemaligen Intendanten Matthias Hartmann erheben (SZ vom Wochenende), nicht nur auf positive Reaktionen stoßen würde. Während viele die Initiative als überfällig begrüßten, ist in manchen Kommentaren von "geschmacklosem Nachtreten" und einer Unverhältnismäßigkeit im Vergleich zu härteren Fällen die Rede. In dem Brief, den namhafte Schauspieler wie Elisabeth Orth, Corinna Kirchhoff und Nicholas Ofczarek ebenso unterschrieben haben wie Techniker, Maskenbildnerinnen, Souffleusen, wird Hartmann bezichtigt, während seiner Direktion von 2009 bis 2014 eine "Atmosphäre der Angst" erzeugt zu haben.

Dass es dabei nicht um sexuelle Übergriffe von strafrechtlicher Relevanz geht, sondern um sexistische, rassistische und homophobe Demütigungen, Kündigungsdrohungen und Machtgebaren, scheint für viele "normal" zu sein im Bereich der Kunst. So nannte etwa der Theaterkritiker Michael Laages im Deutschlandfunk Kultur die Haltung der Briefunterzeichner "extrem naiv", eine Theaterinszenierung sei schließlich "kein Ponyhof". Es gebe kaum Inszenierungen von wirklicher Qualität, in der nicht irgendwann mal irgendjemand "gedeckelt würde", sei es intellektuell wie bei Castorf, körperlich wie bei Kresnik, emotional wie bei Peymann. Das Theater sei nun mal "ein feudaler und nicht-demokratischer Ort". Na bravo.

"Eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung"

In einem offenen Brief werfen Schauspieler und Mitarbeiter des Wiener Burgtheaters dem Ex-Direktor Matthias Hartmann sexistische und rassistische Demütigungen vor. Hartmann selbst sieht sich falsch verstanden. Von Christine Dössel mehr ...

Da klingt es wieder an: das Argument vom künstlerischen Genie, das alles rechtfertigt. Das andere fertig machen darf - "im Namen der Kunst". Es existiert im Theater ja immer noch der Topos, Schauspieler müssten vom autokratischen Regie-Genie "gebrochen" werden. Die Formulierung lautet tatsächlich so: Schauspieler brechen. Wie das geht, erlebte Ulrich Tukur, damals 26, unter Peter Zadek an der Freien Volksbühne Berlin: "Er hat mich so kleingemacht, das alles, was ich zu können glaubte, in sich zusammenfiel", sagt er im Spiegel. "Dann hat er mich nach seinem Gusto wieder aufgebaut."

Der Brief kann auch als Ansage an Martin Kušej gelesen werden, den künftigen Burgtheater-Chef

Natürlich braucht der künstlerische Prozess - gerade im Theater - das Verrückte, Riskante, Intime, das Abgründige und Ausfällige, nicht das Dienst-nach-Vorschrift-Gemäße. Aber wo steht geschrieben, dass das Theater Chauvinisten, Despoten und Choleriker braucht, um große Kunst zu schaffen? Während es gleichzeitig die Despoten "draußen" - in der Gesellschaft, in der Politik - anprangert und das moralisch Gute beschwört. Es sind die extrem hierarchischen, geradezu feudalistischen Strukturen in der Männerdomäne Theater, die diesen Typus von Intendanten und/oder Regisseur befördert, inthronisiert und mit einem gewissen Nimbus versehen haben. Man kann nicht oft genug auf die von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegebene Studie "Frauen in Kultur und Medien" vom Deutschen Kulturrat verweisen. Der zufolge werden 78 Prozent der deutschen Theater von Männern geleitet. Und auch mehr als 70 Prozent aller Inszenierungen stammen von Männern. Sie bestimmen über Karrieren - und das Klima.

Wer grundsätzlich etwas ändern will, muss hier ansetzen, bei den strukturellen Gegebenheiten des Theaters. Darauf zielt letztlich auch der offene Brief der Burgtheater-Beschäftigten, die lange damit gerungen und sich in dem Schreiben auch selber des Schweigens und des Mitläufertums geziehen haben. Stimmt ja: Mindestens von namhaften, gestandenen (Burg-)Schauspielerpersönlichkeiten hätte man erwartet, dass sie - auch im Namen Schwächerer - den Mund aufmachen und sich gegen Übergriffe zur Wehr setzen. Aber die Strukturen bedingen eben auch große Abhängigkeit, Angst und Feigheit. Da ist eine Kultur des Mutes und des Einschreitens gefordert. Zu hoffen wäre, dass die Aktion Zeichen setzt und auch andere Ensembles ermutigt. Nicht zuletzt kann der Brief auch als Ansage an den künftigen Burgtheater-Direktor Martin Kušej gelesen werden. Der gilt in seinem bisherigen Haus, dem Münchner Residenztheater, ebenfalls als großer Machtmensch und Herumbrüller.

Die Zeit der Chauvi-Chefs ist hoffentlich bald vorbei.

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