Von der Arbeit mit einem Mädchen, das Bodyguards vor Kidnappern schützen müssen: Der Schauspieler Burghart Klaußner erzählt von Dreharbeiten in Georgien.
Wer als Deutscher nicht gerade ein Au-pair-Mädchen aus Tiflis hat, der weiß über Georgien in der Regel genau zweierlei: Stalin war Georgier, Schewardnadse ebenfalls. Burghart Klaußner ("Requiem", "Der Novembermann" läuft Mittwoch 28. November, 20.15 Uhr, in der ARD) ist ein Schauspieler, der nicht nur seine Arbeit ernst nimmt. Deswegen kann er mehr erzählen über dieses politisch bewegte, kleine Land, das er als "Der Mann von der Botschaft" besuchte. Für seine feinsinnige Darstellung der Titelfigur im deutsch-georgischen Drama "Dito Tsintsadzes" (Schussangst) erhielt er auf dem Filmfest von Locarno den Goldenen Leoparden: Als Botschaftsmitarbeiter freundet sich Herbert Neumann mit einem zwölfjährigen Flüchtlingsmädchen an. Die Beziehung zwischen beiden ist ebenso rührend wie rein. Und doch straft sie die Umgebung mit Verdächtigungen und Gewalt... Susanne Hermanski traf Burghart Klaußner im Bayerischen Hof.
Burghart Klaußner als Gemeindepfarrer Hermann im ARD-Film "Novembermann". (© Foto: WDR/Hoever)
Anzeige
SZ: Burghart heißt so viel wie der Beschützer der Schwachen und Frauen?
Burghart Klaußner: Das hat mir einmal jemand gesagt, auch wenn ich die Definition im Lexikon genau so nie wieder gefunden habe. Aber sie gefällt mir.
SZ: Herbert Neumann scheint ein minder schönes Omen...
Klaußner: Herbert Neumann ist der typische Nobody. Einer, der sich jeden Tag wieder neu erfinden muss und nicht weiß, aus welchen Quellen er da schöpfen soll.
SZ: Haben Sie ihn - oder seine Vita - erfunden bei der Vorbereitung auf die Rolle?
Klaußner: Zunächst überlegten wir: Warum ist da jemand so allein, ohne Perspektive und eigentlich auch ohne Geschichte? Ist da irgendwann einmal eine Tragödie passiert? Im Verlauf war die Abwesenheit von Biographie eher dienlich. Da war es viel interessanter, das Lebensblatt möglichst weiß zu haben. Beide Hauptfiguren des Films sind ja Fremde in der Welt, in der sie sich bewegen. Sie sind Passagiere der Erde, deren Wege für kurze Zeit zusammentreffen. Beide sind unbehaust. Ein Diplomat ist per definitionem "ex-territorial". Und ein Flüchtlingskind genauso: Sashka ist ein Kind ohne Eltern und ohne Heimat.
SZ: An dieser Stelle mischen sich Realität und Fiktion im Film. Auch Lika Martinova, die Sashka spielt, ist im Leben ein Straßenkind, nicht wahr?
Klaußner: Sie lebt in einem Kinderheim der Unicef, ihre Mutter ist Alkoholikerin und geht mit Banden betteln. Das sorgte auch für eine wirklich aufregende Episode während der Dreharbeiten: Lika stand auf einem großen Markt plötzlich tränenüberströmt neben uns. Es stellte sich heraus, dass die Bande ihrer Mutter soeben versucht hatte, sie zu kidnappen, um ein Lösegeld von den Filmleuten zu kassieren. Sie konnte sich da gerade noch losreißen und von dem Tag an hat sie auch Bodyguards bekommen.
SZ: Und Sie?
Klaußner: Daraufhin habe ich natürlich auch sofort Bammel gekriegt. (lacht) Aber an mir ist man nicht interessiert.
SZ: Das wäre wohl zu riskant. Da würde sich sicher die deutsche Botschaft einschalten?
Klaußner: Naja, hoffentlich, kann ich nur sagen. An den kulturellen Aktivitäten der eigenen Bürger hat man sich jedenfalls überaus desinteressiert gezeigt. Während der Drehzeit in Georgien hat sich niemand blicken lassen.
SZ: Es gilt ja schon als große Herausforderung für einen Schauspieler, mit einem Kind vor der Kamera zu stehen - aber wie ist das, wenn man noch dazu die Sprache des anderen überhaupt nicht versteht?
Klaußner: Ja, wir konnten uns gar nicht unterhalten. Die Georgier, ein Volk von fünf Millionen, haben ja nicht nur ihre eigene Sprache, sondern auch ihre eigene Schrift. Und einen Dolmetscher heranzuziehen, um irgendeinen Smalltalk zu machen mit einem Menschen völlig anderer Kultur, ist ebenfalls Unsinn. Da war schon die Frage, wie man ein Klima erschafft, in dem wir überhaupt zusammen spielen konnten. Insofern hat sich das Kennenlernen der beiden Protagonisten quasi im Film und im Leben parallel entwickelt.
SZ: Ist das Bild, das im Film von Georgien gezeichnet wird, realistisch?
Klaußner: Das ist absolut nah an der Wirklichkeit - natürlich ist die noch viel aufregender als jeder Film. Die Herzlichkeit der Georgier untereinander, wie sie sich in die Arme fallen, wenn sie einen alten Bekannten treffen oder die Liebe zu ihrem Land, sieht man in keiner Szene. Aber dieses Flüchtlingsheim, in dem wir gedreht haben, steht zum Beispiel tatsächlich so da. Wenn man das zum ersten Mal sieht, ist das schockierend. Da leben die Menschen zum Teil seit zwölf Jahren, seit ihrer Vertreibung aus der abtrünnigen Provinz Abchasien, in einer Abrissbude. In winzige Verschläge zusammengedrängt, und die doch innen total fein mit Deckchen auf dem Fernseher eingerichtet sind . Die Menschen kämpfen zumindest um den Anschein einer bürgerlichen Existenz.
SZ: Auch Lika?
Klaußner: Das Mädchen lebt in diesem Waisenheim. Dort wird sie betreut und geht zur Schule. Sonst hätte man auch nie Kontakt zu ihr herstellen können. Wo will man so ein Kind sonst "casten", wie es heute so schön heißt? Sie ist übrigens eine ungeheuer begabte Malerin. Einige ihrer Bilder wurden schon in einer Ausstellung gezeigt.
SZ: Der Mann von der Botschaft und das Straßenmädchen Sashka scheinen trotz aller Unterschiede und Sprachbarrieren einiges gemeinsam zu haben...
Klaußner: Im Grunde ist auch er ein Flüchtling. Wer so ein Leben wählt, der schottet sich bewusst ab gegen die Welt. Wenn Sie mit Diplomaten sprechen, sagen sie ihnen: Wir machen keine Freunde, wir ziehen zu schnell wieder weiter. Diplomaten leben ja oft mehr in ihrer eigenen, als in unserer Welt.
SZ: Sie haben einmal gesagt, Sie wünschten, unsere Gesellschaft würde sich mal wieder mal für etwas interessieren, das unterhalb der Upperclass und der Schickimicki-Gesellschaft geschieht. Dieser Film macht Ihrem Vornamen alle Ehre und ist garantiert glamourfrei, haben Sie ihn auch deshalb gemacht?
Klaußner: Man bekommt darin Einblick in ein Schwellenland. Sie müssen sich vorstellen, Tiflis ist eine Stadt, in der regelmäßig von zwei bis sechs Uhr nachmittags das Wasser abgestellt wird. Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, zwei Milliarden haben keinen Zugang zu Elektrizität. Da fragt man sich schon, warum gibt es überhaupt andere Themen? Die wirklich wichtigen werden nicht mal andiskutiert. Und wir lassen uns unterdessen gemütlich von der Genusssucht treiben.
SZ: Ist der Film in diesem Sinne trostlos oder hoffnungsvoll?
Klaußner: In jeder Beziehung voller Hoffnung: Für das Kind, für den merkwürdigen Vogel, den ich darin spiele. Aber auch für das Land und den ganzen Planeten, wenn man mal so großspurig sprechen will. Ich finde ja, dass Kino überhaupt eine der wenigen Chancen ist, andere Welten kennenzulernen. Und das Kennenlernen anderer Welten bedeutet immer Hoffnung.
(sueddeutsche.de/ihe)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
...heißt auf Georgisch mit Sicherheit nicht "Dito Tsintsadzes". Dito Tsintadze ist der Name eines georgischen Regisseurs.