Nicht, dass es sich die Sendung einfach macht. Die extraordinär spannende Saison, in der ein halbes Dutzend Mannschaften dicht an dicht um den Titel ringt und genauso viele Teams bis zuletzt um den Klassenverbleib kämpfen - diese auch vom Moderator Reinhold Beckmann genüsslich registrierte "enge Konstellation", wie es sie "seit einem Vierteljahrhundert nicht gegeben hat", inspiriert die Redaktion zu beachtlicher Kreativität. Das ist manchmal richtig unterhaltsam. Etwa, wenn Beckmann die zehneinhalbstündige Karlsruher Torflaute ins wirkliche Leben übersetzt: "Haile Gebreselassi könnte in dieser Zeit fünf Marathons laufen, man kann nach Havanna fliegen zu Fidel Castro, und die ISS fliegt sieben mal um die Erde."

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Leider unterliegt man gelegentlich auch der Gefahr, den Zuschauer für dumm zu verkaufen. Dass sich die Reihenfolge der gezeigten Spiele streng an der Tabellensituation orientiert, mag die Fans in Frankfurt und Hannover ärgern, deren Teams, wenn sie nicht gerade gegen den FC Bayern antreten, immer nur das Aufwärmprogramm bestreiten dürfen, unabhängig davon, wie dramatisch und turbulent die Partien auch sein mögen - aber es ist noch einigermaßen verständlich. Ein falsches Stilmittel ist es hingegen, so zu tun, als fänden die Spiele tatsächlich nacheinander statt.

Aufgepfropfte Dramaturgie

So schwadronierte etwa Gerhard Delling nach einem neuerlichen Triumph der zwischenzeitlichen Seriensieger aus Dortmund von "der Antwort der anderen", auf die man gespannt sei - um sogleich zum Spiel Berlin gegen Bochum mit der Frage überzuleiten: "Wie reagiert die Hertha?"

Hertha gewann 2:0 - in einer selbstverständlich zeitgleich stattfindenden Partie, die überdies entschieden war, lange bevor Dortmund seinen Kantersieg gegen Karlsruhe im Ersten herausschoss. Ebenso wenig wurde in den anderen Stadien "nachgelegt", "reagiert". Ganz im Gegenteil: Die Magie eines Bundesligaspieltags liegt in der Parallelität der Ereignisse - und dem Umstand, dass in jedem Moment in jedem Stadion alles passieren kann. Das lässt sich Stunden später zwar schwer nachinszenieren - durch die aufgepfropfte Dramaturgie beraubt sich die Sportschau jedoch herrlicher Szenen wie unvermittelt ausbrechendem Jubel im Stadion, obwohl auf dem Platz gar nichts passiert (aber die Kunde von einem anderen Spiel durchs Rund geht).

Immerhin weiß die Redaktion selbst, dass dieser Eingriff ins natürliche Geschehen suboptimal ist: "Wenn in Berlin das Stadion explodiert, weil die Hertha Tabellenführer ist, kann man es den Leuten eigentlich nicht vorenthalten, auch wenn dadurch der Ausgang der folgenden Spiele vorweggenommen wird", sagt Steffen Simon. Deshalb will man eventuell schon heute, auf alle Fälle aber am finalen Spieltag zwischen den entscheidenden Partien hin- und herschalten, "um möglichst viele Emotionen aus den Stadien mitzunehmen". Die Trainer werden sich traditionell verbitten, dass Zwischenstände auf Anzeigentafeln erscheinen. Weil sie eben nicht wollen, dass ihre Profis auf alle möglichen Dinge "reagieren", nur nicht auf das eigene Spiel.

Frei von Floskeln

Nicht umsonst gehören die Sätze "Wir müssen frei im Kopf werden", und: "Wir müssen uns auf unser eigenes Spiel konzentrieren", zu den meistgebrauchten Spielerfloskeln, und auch zu den vergleichweise passablen: Weil "die Sinnhaftigkeit der O-Töne" ansonsten oft fraglich ist, wie Simon weiß, widmet man den Interviews am Spielfeldrand nur mehr ein unverzichtbares Minimum seiner kostbaren Sendezeit: An guten Tagen wird in der Sportschau etwas mehr als 50 Minuten Bundesligafußball gespielt, einschließlich der Partie vom Freitagabend.

Das ist, wenn man den halbstündigen Drittligablock und Sonderwerbeformen wie das "Tor der Woche" nicht mitrechnet, sechzig Prozent des Programms - und von daher am Rande des Erträglichen. Dafür sind die Berichte grundsätzlich gut und überwiegend floskelfrei: Nur noch selten hat ein Spieler "alles richtig gemacht" oder wird mit der Formel "ausgerechnet" jede Lappalie zur schicksalhaften Wendung aufgebläht, auch heißt es wieder "ruhender Ball" statt "Standardsituation". Unlängst ging einem unberechtigten Foulelfmeter die Bemerkung voraus: "Grafite schießt den Elfer selbst, macht aber nichts - er wurde ja auch nicht gefoult."

Genau dies sind die raren Momente, in denen die Sportschau mithält mit dem Irrsinn des Fußballs - eines Sports, der keinen Dramaturgen braucht, weil er seiner eigenen Dramaturgie folgt, der nicht inszeniert werden will, weil er sich selbst inszeniert, und dem man mit euphorisch hinausposauntem Wortmüll wie: "Im neununddreißigsten Pflichtspiel der Saison die neununddreißigste direkte Torbeteiligung", schon gleich gar nicht gerecht werden kann. Im Zweifel hat Stuttgarts Trainer Babbel ohnehin etwas anderes gesehen: "unheimlich schlampiges Passspiel".

Sportschau - "33. Spieltag", ARD, Samstag, 18.15. Uhr.

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  1. Redaktionelles Eigentor
  2. Sie lesen jetzt Während der Torflaute nach Havanna
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(SZ vom 16.5.2009/bey)