Der noch immer wichtigste Preis, den ein deutschsprachiger Dichter erhalten kann, geht in diesem Jahr an Oskar Pastior - ein Meister der Verwandlung, ein König auf kleinem Raum.
Von Hans Christian Andersen gibt es ein Märchen, das "Schlammkönigs Tochter" heißt. Es erzählt von einer ägyptischen Prinzessin, die ihren kranken Vater retten muss. Das geht nur mit Hilfe einer Moorblume, die im fernen Norden wächst. Sie reist, Tage, Wochen, gehüllt in ein Schwanenkleid, begleitet von zwei anderen, wie sich erweist, bösen Prinzessinnen, die ihr das Flugkostüm rauben und zerstören.
1927 im siebenbürgischen Hermannstadt geboren: Oskar Pastior (© Foto: dpa)
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Da versucht sie zu fliehen, über das Moor, aber es geht nicht, denn der Schlammkönig kommt und zieht sie in die Tiefe. Als menschliche Sumpfblüte steigt sie danach wieder ans Licht - und blüht, üppig, bunt, fremd, solange Tag ist. Des Nachts jedoch beweint sie als Frosch ihre rohe Natur.
Oskar Pastior kennt Hans Christian Andersen gut. Im Gedicht "waldschleimhäute", dem ersten in seinem Band "Villanella und Pantum" aus dem Jahr 2000, lässt er ein seeländisches "Andersenserail" auftauchen.
Es geht in diesem Gedicht vor allem um Pilze, um die Erde auf der Bühne von Peter Steins Inszenierung der "Sommergäste" aus den frühen siebziger Jahren, um "Humus" und "Hauff", um das Ineinander- und Auseinanderwachsen der Rhizome und Pilze, dieses Hinausschießen eines Wurzelgeflechts in die bizarren Gestalten von "Totentrompeten" und "Taschentäublingen" - und um eben jenes "Andersenserail", das eine Art Summe aller Metamorphosen zu sein scheint: "mir ja fungieren sie wenn sie fungieren".
Mein Diwan riecht Mais
Es muss mehr als ein Zufall, es muss ein gewolltes Zusammenführen von Lebensmotiven sein, dass Oskar Pastior nun ausgerechnet in Kopenhagen, auf der Frühjahrstagung der Darmstädter Akademie, der Georg-Büchner-Preis zugesprochen worden ist, der noch immer wichtigste Preis, den ein deutschsprachiger Dichter erhalten kann.
Nicht, weil Oskar Pastior Märchen erzählen würde, nein, er tut alles andere als das. Und doch: Gemeinsamkeiten gibt es. In der Unermüdlichkeit, in der Rastlosigkeit des Dichtens etwa. Beide Schriftsteller scheinen eine kleine Industrie für poetische Werke zu unterhalten. In der Leidenschaften für Verwandlungen etwa, Hans Christian Andersen in seinen Figuren, Oskar Pastior in den sprachlichen Formen.
Und schließlich: in der Abgründigkeit ihrer Dichtung. Tut sich unter Märchen Andersens eine bürgerliche Hölle auf, voller Schmerz, Einsamkeit und Verlust, so rutscht einem in Oskar Pastiors Gedichten gleich die ganze Sprache weg - tatsächlich ist sie eine Art Sumpf, und wer glaubt, trocken und heil hinüberlaufen zu können, der irrt, denn schon zieht ihn der Dichter, mit irgendeinem Schlammkönig im Bunde, nach unten.
Oskar Pastior gehört seit Jahrzehnten zum festen Bestand der deutschsprachigen Lyrik. So bewegt sein Leben gewesen sein mag, bevor er zum experimentierenden Dichter an der deutschen Sprache wurde, so konsequent auf ein Terrain beschränkt, so zuverlässig und gleichmäßig arbeitet er seitdem in seiner kleinen Berliner Wohnung, und etwa einmal pro Jahr erscheint ein neuer Gedichtband, manchmal sind es auch zwei, andere Arbeiten wie die Übertragungen zu Petrarca nicht eingerechnet.
Zwangsarbeiter in der Sowjetunion
Wie bewegt, schwierig, schwer muss dagegen sein Leben gewesen sein, bevor er, der zur deutschsprachigen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen gehörte, 1968 einen Studienaufenthalt in Wien nutzen konnte, um in die Bundesrepublik zu fliehen.
Im Jahr 1927 geboren, wurde er bei Kriegsende als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion deportiert, war, nachdem er 1949 in seine Heimatstadt Sibiu zurückgekehrt war, Kistennagler und Bauarbeiter. Erst auf Umwegen hatte er zu einem Germanistikstudium und einer Existenz als Rundfunkredakteur gefunden. Nebenher dichtete er, aber staatstragend und für den Gebrauch im Sozialismus.
Oskar Pastior ist, seitdem er sich im Westen befindet, eine Fachkraft für das systematische Verrücken von Sprache, für ihre Zähmung, Neuordnung, Unterwerfung unter die entlegensten, gesuchtesten Strukturen. Hat nicht schon der vertraute Umgang mit der Sestine - sechs Strophen zu je sechs Zeilen und eine dreizeilige Schlussstrophe - etwas von scholastischer Gelehrsamkeit.
Und Oskar Pastior kennt und beherrscht noch ganz andere lyrische Muster: das Pantum zum Beispiel, eine malaiische Form des Kettengedichts in Vierzeilern, wobei die zweite und vierte Zeile der einen Strophe jeweils als erste und dritte der folgenden auftauchen. Oder die Villanella, eine sizilianische Tanzliedform aus dem sechzehnten Jahrhundert: fünf Dreizeiler und ein Vierzeiler, die so verknüpft werden, dass die erste und dritte Zeile der ersten Strophe jeweils alternierend die letzte Zeile der folgenden Strophen bilden.
Gemeinsam schließen sie die vierzeilige Strophe ab. Das klingt dann so: "Mein Diwan riecht Mais aus mürben Maroni. / Essiggurken wehrt Ariels Muttermund - flink / entert Haiku in Tilsits wahlweisem Brie. // Abschlammt der Denkfleck - bereits Sellerie / stört den Sommersultan dran: Weh dem Hering! / Mein Diwan riecht Mais. Aus mürben Maroni." Und so geht das fort.
Komische Gedichte
Dass man dergleichen oft und lange lesen und dabei Genuss empfinden kann, wird niemand behaupten - selbst wenn es sehr komische Gedichte von Oskar Pastior gibt, wie etwa seine Umdichtungen von Wilhelm Müllers "Winterreise", die er nummerierte, teilte und jeweils auf einen Aspekt zuschnitt, sodass aus dem "Leiermann" eine Variationenkette zum Thema "was es nicht gibt" wird. Das wirkt durch die Fallhöhe, durch das Unterlaufen der Einheit von romantischer Form und volkstümlichem Pathos.
Indessen - selbst die anstrengendsten, schwierigsten Gedichte von Oskar Pastior werden leicht und publikumsfreundlich, wenn man sie liest, vor allem: wenn er sie liest. Das ist bekannt und viel gewürdigt worden, als Musikalität seiner Sprache und selbstverständlich auch als Ausdruck von Subversion, von anarchischer Gesinnung, vom Erschließen neuer Bedeutungsschichten.
Tatsächlich aber findet hier noch etwas anderes statt: Denn warum unterwirft sich der Dichter immer wieder den strengsten Schemata, um danach immer wieder seiner Befreiung von allen Schemata durch die Inszenierung von Unsinn zu zelebrieren. Doch nicht, weil er ein Schelm ist, sondern weil diesem Moment der Befreiung etwas tief Philosophisches und Schönes anhaftet: Man sieht die Fesseln, wie sie fallen, und deswegen hat dieses Dichten auch wenig mit historischen Schulen des verweigerten Sinns wie Dada oder Surrealismus zu tun als mit dem Handwerk eines Entfesselungskünstlers.
Vielleicht ist Oskar Pastior deshalb so unermüdlich im Auffinden von immer neuen Mustern, und vielleicht verbirgt sich darin auch die eine, zentrale, ebenso politische wie persönliche Erfahrungen, einer Diktatur - und was für einer! - entronnen zu sein.
Eine andere Gestalt
Die Darmstädter Akademie hat, als sie den Büchner-Preis ihrem langjährigen Mitglied Oskar Pastior zusprach, eine richtige, aber keine spektakuläre Entscheidung getroffen. Fast achtzig Jahre ist Oskar Pastior nun alt, seine Arbeiten runden sich zum Lebenswerk, die Auszeichnung ist ein angemessener Ausdruck dafür.
Und doch wünscht man, dass sich dieses Leben, dieses Verhältnis zur Sprache, dieses Dichten noch in einer anderen Gestalt verdichtet, dass es sich in eine selbstständige, frei tragende Form verwandelt. Hoffung darauf gibt es: Denn zusammen mit seiner Kollegin Herta Müller, der ebenfalls aus Siebenbürgen stammenden Prosaistin, schreibt er gegenwärtig an einem Roman, der von seinem Leben zwischen den Jahren 1945 und 1949 handeln soll, vom Überleben in der Deportation.
Auszeichnung für Johannes Fried
Von ähnlicher Besonnenheit wie bei der Zuerkennung des Büchner-Preises zeigt sich die Darmstädter Akademie bei der Vergabe der kleineren Auszeichnungen: Der Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa geht an Johannes Fried, den Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt, der sich in jüngerer Zeit vor allem mit dem Zusammenhang zwischen Geschichte und Erinnern oder Vergessen beschäftigt.
Und der Johann-Heinrich-Merck-Preis für Essayistik geht an Eduard Beaucamp, den langjährigen Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Alles in allem: gute Entscheidungen in diesem Jahr, aber im nächsten wollen wir dann doch wieder etwas Verwegeneres haben. Doch, halt - es ist schön, Oskar Pastior, diesen Dichter des Entlegenen, diesen Verfertiger von Sumpfblüten der deutschen Sprache, im Kleid eines Schwans aus Kopenhagen zurückkehren zu sehen.
(SZ vom 15. Mai 2006)
Brasiliens Präsidentin Roussef