Von Stephan Speicher

Vor 75 Jahren brannten in deutschen Universitätsstädten Scheiterhaufen: Neben Büchern warf man auch die Fahnen der Republik in die Flammen.

"Um den im Abendschatten liegenden Marktplatz versammelte sich gestern eine vielköpfige Menschenmenge, um Zeuge zu sein von der Verbrennung der kommunistischen und marxistischen Symbole und volkszersetzenden Schriften und Symbole der ,Literaten' der letzten 14 Jahre." Wie in 21 anderen deutschen Universitätsstädten fand auch in Greifswald am 10. Mai 1933 eine feierlich organisierte Bücherverbrennung statt.

Bücherverbrennung 1933; dpa

Überall im Reich wurden Bücherverbrennungen organisiert. Die zentrale Veranstaltung fand in Berlin statt. (© Foto: dpa)

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Das örtliche Blatt, die Greifswalder Zeitung, machte sich dazu seine unbeholfenen Gedanken: "Die Fackeln entzündeten den Holzstoß, auf dem die roten Fahnen und Transparente, die 14 Jahre lang durch die Straßen getragen wurden und zum Klassenkampf die Volksgenossen aufhetzten, in Flammen aufgingen. In dieses aufzüngelnde Flammenmeer flogen in großem Bogen die Bücher, die auf der schwarzen Liste der nationalen Bewegung standen. Von Remarques ,Im Westen nichts Neues' bis hin zu Heinrich Heine flogen die zersetzenden Zeitschriften und Flugblätter russischer und kommunistischer Funktionäre. Der aufsteigende Rauch entführte die brennenden Blätter weit zum Nachthimmel hinauf, dass sie wie entschwebende Geister erscheinen mochten. Und das ist wohl auch der Sinn dieser symbolischen Handlung, den Geist der Zersetzung, den Geist des Zwiespalts, kurz den Geist des Marxismus und Kommunismus auszutreiben, nicht bloß aus den Bücherschränken, sondern aus Gedanken und Herzen aller Volksgenossen."

So oder ähnlich ging es überall zu; die Deutsche Studentenschaft hatte durch Rundschreiben festgelegt, wie zu verfahren sei. Etwas aber war in Greifswald doch besonders, die starke Betonung der Literatur. Dem Publikum kommt das heute so naheliegend vor, weil die meistzitierten Zeugen, Erich Kästner, Oskar Maria Graf, Bert Brecht, selbst Schriftsteller waren. Aber die Akteure verfolgten noch andere Zwecke.

Wohl hatte die Deutsche Studentenschaft dazu aufgerufen, nicht bloß das nach ihrem Urteil Verderbliche anzugreifen, sondern gleichzeitig das Wünschenswerte vorzustellen. Aber daraus war nicht viel geworden. Am 6. April hatte man sechzig Schriftsteller angeschrieben mit der Bitte um Beistand. Doch obwohl es sich um vorsortierte Autoren handelte, deren "Einstellung zum deutschen Schrifttum" bekannt war, fiel deren Reaktion denkbar lustlos aus.

Literaturpolitik hatte die NSDAP bis 1933 nicht interessiert, ein Konzept besaß sie nicht. So war es ein Sonderfall, wenn es der Greifswalder Studentenschaft gelungen war, die Lokalpresse nicht bloß zum Abdruck politischer Aufrufe zu veranlassen, sondern auch zur Vorstellung einer Reihe völkischer oder wenigstens nationaler Autoren in Portraits und Proben aus ihrem Werk.

Die HJ gegen das "Decamerone"

Die ersten Scheiterhaufen hatten im Februar/März 1933 gebrannt, Teil des Terrors vor allem gegen SPD, KPD und Gewerkschaften. Deren Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken waren geplündert worden, die beschlagnahmten Bestände vernichtet. Die HJ hatte begonnen, Schulbüchereien zu kontrollieren, in Berlin-Neukölln wurden Exemplare des "Decamerone" von Boccaccio verbrannt.

Die zweite Phase der Bücherverbrennungen, die am 10. Mai ihren Gipfelpunkt erlebte, war deutlich stärker Gegenstand politischen Kalküls. Ihre Wucht verdankte sie in hohem Maße der Konkurrenz zwischen der Deutschen Studentenschaft (DSt) und dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB). Ideologisch gab es keine Differenzen.

Die Nationalsozialisten hatten seit den späten zwanziger Jahren unter Studenten die größten Wahlerfolge und beherrschten längst die Studentenschaft. Aber es ging um Macht, namentlich darum, wer das Recht der weltanschaulichen Schulung der Studenten beanspruchen durfte. Da wollte sich die Studentenschaft keine Lauheit vorwerfen lassen, der NS-Studentenbund aber auch nicht hinterherlaufen. Damit trieben sich beide voran, sehr typisch für die Herrschaftspraxis des "Dritten Reiches". (Im November 1936 erst wurden die zwei Organisationen zur "Reichsstudentenführung" vereinigt.)

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