Bücher über das Böse Denn sie wissen, was sie tun

Vom Terroristen über die Überfälle in der Münchner Fußgängerzone bis zum lustvollen Sadisten, der seinem Spielgefährten rostige Nägel durch die Füße bohrt: Drei neue Bücher wollen erkunden, warum das Böse ist, wie es ist - und kriegen es doch nicht zu fassen.

Von Burkhard Müller

Das Böse! Schon wer dessen Namen ausspricht, dem läuft ein Schauer den Rücken herunter. Man solle den Teufel nicht an die Wand malen, warnt der Volksmund. Mehrere neue Bücher tun genau das.

Schlechthin "Das Böse" nennt der Kulturwissenschaftler Terry Eagleton sein Werk, als wäre es ein Thriller auf DVD (im englischen Original etwas essayistischer "On Evil"). Eagleton steigt ein mit einem Fall, der vor einiger Zeit für Entsetzen in der britischen Öffentlichkeit gesorgt hat: Zwei Zehnjährige überfallen, ohne ersichtlichen Grund, ein Kleinkind und quälen es zu Tode. Ein Polizeibeamter, der den Fall untersucht, erklärt, gleich beim ersten Blick auf einen der Täter habe er gewusst, dass dieser böse sei.

Welchen Sinn hat eine solche Aussage? Sie gibt sich rein phänomenal und impliziert doch mancherlei. Der Polizist tut, als wäre er von einem Anblick passiv überwältigt. Ohne dass dies ausdrücklich gesagt werden müsste, liegt darin die Forderung nach Härte notfalls auch gegen Kinder. Die Behauptung, hier einfach das Böse vor sich zu haben, intendiere nichts anderes, als jeden Erklärungs-, und das heißt Entschuldigungsversuch abzuschneiden. "Nichts davon ergibt einen Sinn, aber so ist das nun einmal mit dem Bösen." Dabei scheint dem Polizisten und allen, die seine Sichtweise teilen, zu entgehen, dass gerade die Behauptung, jemand sei absolut böse, diesen der Strafe entziehe.

Wenn wirklich manche Menschen, wie Eagleton es ausdrückt, böse auf dieselbe Weise wären, wie der Himmel blau ist, dann trifft sie daran keine Schuld; und was die praktischen Konsequenzen angeht, so komme man an demselben Punkt heraus wie die verabscheute psychologisch-soziologische Relativiererei, bloß ohne Hoffnung, dass hier jemand gebessert und eingegliedert werden könnte: es laufe hinaus auf Verwahrung ohne begleitendes Sozialprogramm. Um den und das Böse strafen zu können, müssten sie in einem freien Entschluss wurzeln - und spätestens hier tritt das Problem des Bösen von einem juristischen in ein philosophisches über.

"Diesem Buch", sagt Eagleton, "liegt die Auffassung zugrunde, dass das Böse nicht völlig rätselhaft ist, wohl aber die Grenzen alltäglicher sozialer Verhältnisse transzendiert. Das Böse, wie ich es verstehe, ist tatsächlich metaphysisch, insofern es sich gegen das Sein als solches wendet und nicht gegen diesen oder jenen seiner Teile. Grundsätzlich will es das Ganze vernichten."

Damit aber wird dem Bösen der ontologische Teppich unter den Füßen weggezogen, es verwandelt sich in eine bedingte Größe. Da Eagleton das Böse zu einem solchen Schattenwesen degradiert, legt er ihm zuletzt eine Neid- und Verkürzungstheorie zugrunde: Böse ist, wer daran leidet, dass er sich vom Reichtum der seienden Welt ausgeschlossen fühlt. Das ist seichter, als man nach dem scharfsinnigen Start erwartet hätte.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, woran die beiden anderen Autoren scheitern.

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