Jedes Wort ein brennendes Streichholz: Martin Walser schreibt von der Vernichtung und Wiederauferstehung des Autors - und gegen den mächtigen Kritiker Marcel Reich-Ranicki.
Am 27. März 1976 erscheint in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Literaturkritik, die eines der aufsehenerregensten und symptomatischsten Zeugnisse dieses Genres ist. Es handelt sich nicht nur um einen Verriss, sondern um den Versuch einer exemplarischen Vernichtung des Autors. Die ersten Sätze lauten: "Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen." Sie gelten dem Roman Jenseits der Liebe des 49-jährigen Martin Walser.
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"Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman": Reich-Ranicki 1976 über Martin Walsers Buch "Jenseits der Liebe". (© Foto: dpa)
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Aggressionen und Konkurrenzgefühle
Wie sehr ihn diese Sätze treffen, zeigt sich darin, dass sie sein Tagebuch durcheinanderwirbeln. Bisher ging es eher selten auf konkrete Ereignisse ein. Plötzlich aber wird es zu einer Form, die innersten Gefühle auszuagieren. Wie besessen, manisch drehen sich mehr als hundert Druckseiten ausschließlich um jene Kritik.
Walsers Tagebücher enthalten zu einem großen Teil Arbeitsnotizen. Figuren werden entworfen, dialogische Szenen, die auf seine Theaterambitionen verweisen; manchmal gehen sie erkennbar aus bestimmten Ereignissen hervor. Der Autor erfindet sich sein Ich als eine Kunstfigur. Gelegentlich kommt es zu beiläufigen Beobachtungen, werden Bekannte charakterisiert, Szenen und Gespräche festgehalten, und dann und wann setzt sich der Autor ungeschützt seinen Aggressionen und Konkurrenzgefühlen aus. Immer aber stilisiert er sich durch das Schreiben und entwirft die Souveränität einer Schriftsteller-Haltung, die das Erlebte sofort in einen fiktionalen Kosmos einbaut. Er setzt ein durchaus narzisstisch genossenes Dichter-Ich gegen die kruden Weltläufte. Der Verriss von Jenseits der Liebe scheint nun diese Möglichkeit zu zerstören.
Ästhetisches Außerseitertum
Die Tagebücher von 1974 bis 1978 begleiten eine entscheidende Phase: Walser schreibt neben Jenseits der Liebe auch Ein fliehendes Pferd sowie Seelenarbeit. Hier wird eine neue Weichenstellung vorgenommen, von der Ich-Perspektive zum auktorialen Erzählen. Walser gewinnt formal Distanz zu seinem Stoff, den inneren Komplikationen des aufstiegswilligen bundesdeutschen Kleinbürgertums. Wie sehr dies sein Stoff ist, merkt man auch durch die politische Krise, in der er sich befindet. Walser gilt als Sympathisant der moskautreuen DKP, er sieht sich immer wieder genötigt, zu erklären, dass er kein Mitglied sei - aber er hat in den sechziger Jahren eine linke Radikalisierung durchgemacht, die zum einen der Zeitstimmung geschuldet ist, zum anderen aber eine Konsequenz seines ästhetischen Außerseitertums darstellt, seiner am Schweizer Namensbruder Robert Walser geschulten Widerständigkeit.
Immer wieder artikuliert der Tagebuchschreiber seine Gefühle von Ohnmacht, von Verzweiflung - "Können Herrschende lesen?" -, und es stellt sich assoziativ ein Zusammenhang her zu seiner alemannischen Existenz, zum kleinbürgerlichen Wirtshaussohn aus Wasserburg. Walsers Sehnsüchte haben hier ihre Wurzel, und einmal definiert er seinen Marxismus auch so: "Nicht die Geldmenge oder die Werttheorie interessiert mich, sondern das Lebensgefühl, das durch Arbeitsbedingungen entsteht."
Jenseits der Liebe zeigt hautnah und schonungslos das Leben des Angestellten Franz Horn. Und obwohl Walsers politischer Furor mehr mit Kafka zu tun hat als mit Lenin, rezensieren manche Kritiker weniger das Buch als die politische Haltung des Autors. In der FAZ räsonniert Marcel Reich-Ranicki: "Wenn es mit dem Dichten nicht weitergehen will, ist hierzulande die Barrikade des Klassenkampfes ein attraktiver Aufenthaltsort, auf jeden Fall eine dekorative Kulisse." Vor allem die Überschrift wirkt auf den Autor wie ein Todesstoß: "Jenseits der Literatur".
Die Seligkeit des Misserfolgs
In Walser löst das ausschweifende Phantasien des Vernichtens und Vernichtetwerdens aus. Sein Verleger Siegfried Unseld hat ihm den Verriss angekündigt, just an diesem Samstag fährt Walser nach Frankfurt zu einer Lesung, und entgegen seiner Vorsätze kauft er sich die Zeitung doch am Bahnhof. Im Zug von "10 Uhr bis 15 Uhr 06" schreibt er zunächst einen "Offenen Brief an die Buchhändler", dann eine "Rede an Herrn R-R", in der er dessen Herkunft aus dem Stalinismus anprangert: "Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. Sollte Ihre Brille leiden, wird meine Haftpflichtversicherung dafür aufkommen. Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen."
In den folgenden Wochen spielt Walser verschiedene Formen durch. Immer geht es um das Phänomen der Macht. Er übt sich, um sich freizuschreiben, in satirischer "Selbstkritik", schlägt ironische Volten, sucht die "Seligkeit des Misserfolgs" und erkennt bei einigen Gesprächspartnern "Trauerfalldiskretion". Zwischendurch gelingen ihm klare Analysen der "schlichten Artikelprosa des MRR": "Er ist immer in bisschen erregt, angeekelt, erzürnt oder gelangweilt; er erzählt von der Literatur, wie eine Krankenschwester zu Hause vom Operationssaal plaudert: handfest, laienhaft, eine durch Routine verschliffene Erlebnisart, aber immer irgendwie befeuert von einem Ethos, das sich wichtiger nimmt als das Ethos des schneidenden Chefarztes. Eine ethische Erregtheit, deren Erregtheitsgrad vielleicht mit ihrem Ersatzcharakter zu tun hat."
Die Triebkräfte des Schreibens
Es ist eine Katharsis, die Walser durchläuft. Wir erfahren einiges über den familiären Alltag. Sorgen um den finanziellen Standard spielen eine große Rolle. Immer wieder drängen sich erotische Obsessionen vor ("Scheidenschlämmen") und eine Lebensgier, die auch die äußere Form ergreift: Walser begleitet seine Notate mit Zeichnungen, graphischen Experimenten, ungeheuren Ausdrucks-Schüben. Und indirekt teilt sich auch ein Geheimnis mit.
In zwei Wochen im heißen August 1977 schreibt er die Novelle Ein fliehendes Pferd - eine Übung in der kleinen Form, die alle gesellschaftlichen Grübeleien und politische Selbstzerfleischung ausblendet und in klassischer Psychologie die Midlife-Crisis umkreist - eine eindeutig mehrheitsfähige Prosa, den Maßstäben landläufiger Kritik entsprechend. Walser notiert: "Die Novelle ist ohne Sprache. Aber vielleicht interessant in der Fügung. Mein erster Versuch, durch sogenannte Komposition Bedeutung zu scheffeln. Auch darüber habe ich früher gelacht. Ich werde noch alles tun, worüber ich früher gelacht habe." Die Novelle wird sogleich in der FAZ vorabgedruckt, und jener Chefkritiker führt sie unter der Überschrift ein: "Ein Glanzstück".
Walsers Tagebuch zwischen 1974 und 1978 gibt unausschöpfliche Aufschlüsse über die Aporien der Schriftstellerexistenz, über die Triebkräfte des Schreibens. Der Autor probiert Sätze aus, übt sich in Paradoxien, bis dann die Formeln gefunden werden: "Ich sollte brennende Streichhölzer zum Fenster hinauswerfen, das drückte mich am deutlichsten aus." Dies Buch ist ein Grundlagenwerk.
Martin Walser: Leben und Schreiben, Tagebücher 1974-1978, Rowohlt Verlag, Reinbek 2010, 590 Seiten, 24,95 Euro.
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(SZ vom 16.3.2010/rus)
Partyzone Flußufer
... ist nicht immer bekoemmlich.
Und Marcel Reich-Ranicki hat ein Talent vernichtende Kritik zu liefern ABER dafuer ist er ja auch Kritiker und ein sehr anregender und unterhaltsamer. Ich jedenfalls finde ihn wunderbar; was vermutlich auch damit zusammenhaengt dass ich meistens einer Meinung mit ihm bin.
PS:
Ein fetter Gourmet muß eben sehr wohl schmecken können, statt nur die Speisekarte zu lesen - aber er muß nicht selbst hervorragend kochen können.
Aber unter uns - ich kann den R-R auch nicht leiden.
Da bin ich eben - als Autor - anderer Meinung.
Ich gebe Ihnen recht, daß das Praktizieren der kritisierten Zunft einem unentbehlriche Voraussetzungen schafft. Natürlich spielt Kaiser Klavier, natürlich muß ein Gurmet mehr können, als die Speisekarte lesen, um das Scheinargument zu verwenden, mit dem Sie von meinen Vergleichen verzerrend ablenken.
Aber Der Kritiker und der autor haben verschiedene Aufgaben und benötigen dazu nicht dieselben Fähigkeiten.
Viele Fußballvereine zum Beispiel scheitern damit, daß sie denken, ehemalige Weltmeisterfußballer wären auch gute Trainer. ICh muß selbst kein Spitzenathlet gewesen sein, um solche auszubiolden oder zu beurteilen. Ich sollte prinzipiell schreiben oder musizieren können - da gäbe ich Ihnen Recht - um die Zunft beurteilen zu können. Aber der Kritiker muß nicht über die Fähigkeiten des Künstlers verfügen, um diese zu beurteilen.
Joachim Kaiser ist ein herausragender Musikkritiker. Aber er hat sich nicht eben durch herausragende Opern oder Symphonien hervorgetan - sondern durch seinen Job: Kritiker.
Ein Enologe von Rang muß nicht Winzer von Rang sein. Ein Literaturkritiker muß Kritiken schreiben können - nicht Romane.
Ein Dirigent muß nicht Geige spielen können, aber einen Haufen Musiker anführen.
Es kann kein ernsthafter Vorwurf an R-R sein, daß er kein echter Autor ist. Das ist ein Totschlagargument, eine argumentative Nebelkerze.
Was man R-R mit einigem Fug vorhalten kann, ist sein ungebremster Narzißmus, seine totalitäre Ausdrucksweise, daß er von sich und seiner Wirkung mehr beherrscht wird, als vom Objekt seiner Profession.
Doch ein Autor, der klaren Kopfes darum weiß, sollte mit R-R auch etwas abgeklärter und weniger mansich umgezhen, als Walser.
Die nehmen sich beide nichts.
Zum einen: Walser ist kein herausragender Autor und schreibt immer haarscharf am richtigen Ausdruck vorbei, kein Wunder, daß ihm seine wirren Reden öfters falsch ausgelegt wurden. Und zum andern: warum sollte (der nun wirklich herausragende Kritiker) R.R. Romane schreiben ? Man muß doch nicht Eier legen können, um zu beurteilen, ob eins faul ist...
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