Buchkritikerin auf Youtube "Ich gehe auf die Masse", sagt Sara Bow

Im Grunde verkauft sie Bücher wie Lippenstifte, manch schimmerndem Buchcover widmet sie mehr Zeit als dem jeweiligen Inhalt. "Ich gehe auf die Masse", sagt sie. Aber das heißt nicht, dass Sara Bow Bücher als solche nicht wichtig sind.

"Ich könnte mit anderen Sachen mehr Geld verdienen", sagt sie. "Aber es liegt mir am Herzen, dass ein 14-jähriges Mädchen nicht ihr ganzes Taschengeld für blöde Schminke ausgibt. Ich habe schon immer viel und gerne gelesen, und Menschen, die durch mich zu lesen beginnen, bedeuten mir viel." Vermutlich führt Sara Bow Menschen an das Lesen heran, die weder das "Literarische Quartett" noch die Literaturseiten im Feuilleton wahrnehmen.

Es haben sich bei Booktubern einige feste Genres herausgebildet. "Bücherhaul" - die neuen Zugänge des Monats. "Lesemonat XY" - was ein Booktuber zuletzt gelesen hat. "Mein Bücherregal" - einfach alles, was gerade so im Regal steht. Sara Bow probiert nun eine neue Gattung aus: Top-Neuerscheinungen des kommenden Monats. Stilistisch und inhaltlich unterscheiden sich diese Genres nur geringfügig voneinander. Bei Sara Bow klingen auch längere Beiträge in der Gattung "Rezension" nicht anders als ihre Bücherhauls. "Es ist einfach so wunderschön", sagt sie über Nina Blazons Jugendroman "Lillesang - Das Geheimnis der dunklen Nixe ". "Es geht um Meerjungfrauen, und - oh Gott: Also ihr wisst ja, dass ich tief in meinem Herzen eine Meerjungfrau bin."

Bei einigen Booktuberinnen trifft man auf etwas mehr Analyse. Kossi zum Beispiel sagt in ihrer Rezension zu Jay Ashers "Tote Mädchen lügen nicht", in dem die junge Protagonistin Selbstmord begeht: "Dieses Buch hilft bestimmt auch gerade Jugendlichen dabei, nicht unbedingt alles zu sagen, was man gerade so denkt. Man kann Menschen damit unheimlich verletzen." Aber in der Masse scheint auf Youtube kein alternativer literarischer Kanon zu entstehen - wenn, dann entsteht er vielleicht auf Seiten wie literatourismus.net, LovelyBooks oder kaffeehaussitzer.de. Booktubertum wird eher zu einem Segment der Empfehlungsökonomie: Man kauft hier jene Bücher, die einem jemand empfiehlt, den man einfach mag.

In den Neunzigerjahren begann Oprah Winfrey, der US-Fernsehstar, in ihrer Sendung Bücher zu empfehlen, die sich dann insgesamt 55 Millionen Mal verkauften. Man sprach vom Oprah-Effekt. Seit einem halben Jahr empfiehlt auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Bücher, selbstverständlich auf Facebook, und mit der Folge, dass Verlage Titel nachdrucken, die dank Zuckerbergs Lesetipps zuverlässig vergriffen sind. Zuckerberg deckt ein breites Spektrum ab: Vom politischen Essay "The End of Power" des Venezolaners Moises Naim über "Sapiens. A Brief History of Humankind" des israelischen Historikers Yuval Harari bis zum Essay "Muqaddima" des arabischen Historikers Ibn Khaldun, geschrieben im Jahr 1377. Aber man muss heute eben weder Oprah noch Zuckerberg sein, um mit Büchertipps ein beachtliches Publikum zu erreichen.

Viele Verlage unterscheiden nicht mehr zwischen klassischen Medien und Bloggern

Die Verlagsgruppe Random House pflegt gute Kontakte sowohl zu den Literaturkritikern etablierter Medien als auch zu Literaturbloggern wie Sophie Weigand von literatourismus.net oder Booktuberinnen wie Sara Bow. "Wir wollen für jedes Buch den richtigen Weg zum Leser finden", sagt eine Pressesprecherin." Es gibt ein verlagseigenes Bloggerportal, wo man sich mit seinem Blog anmelden und die Bücher anfragen kann, die man gerne rezensieren respektive vor die Kamera halten möchte. Für Blogger werden Treffen mit Autoren organisiert. Auf der Frankfurter Buchmesse signierte Sara Bow im vergangenen Jahr zwei Dutzend Exemplare von Marissa Meyers "Wie Monde so silbern". Sie sagt: "Die Leser wollten ein Autogramm von mir, weil sie ja dank mir das Buch gekauft hatten."

Unabhängig von der Empfehlungsökonomie befriedigen die Booktuber eine weit verbreitete Sehnsucht: Gemeinsam lesen. In den USA sprechen mehrere Booktuber auf dem Kanal Booksplosion live über ein Buch. Die besprochenen Bücher werden im Vorfeld auf Facebook, Twitter und Co. dem Urteil der Gemeinde anheimgestellt. In Deutschland heißt dieses noch junge Format Bookcircle.

Wer mitmachen will, sollte am besten bei Goodreads angemeldet sein. Das ist wiederum eine amerikanische Seite, auf der man den anderen mitteilen kann, was man gerade so liest und was man noch vorhat zu lesen. Man findet mittlerweile auf Goodreads mehr drei Dutzend Millionen Rezensionen. Diese Reichweite weckt Begehrlichkeiten - die Seite gehört mittlerweile Amazon. Das französische Pendant Babelio verzeichnet 2,5 Millionen Besucher monatlich. Eine ähnliche Seite in Hongkong namens Anobii gehört dem italienischen Verlag Mondadori. Eine andere Sehnsucht aber ist das gemeinsame Schreiben. Internetplattformen wie Wattpad oder Qiudian (in China), auf denen Fanfiction entsteht, ziehen Millionen an.

Bei dieser potenziell endlosen Vielfalt von digitalen Kanälen, auf denen Literatur geschaffen und bewertet wird, mutet der Anblick des nichtdigitalen Bücherregals in Sara Bows Videos fast so nostalgisch an wie ein dekoratives Relikt.