Buch zum Ersten Weltkrieg Unter Schlafwandlern

Kaiser Wilhelm II. (links) auf dem Weg zur Paroleausgabe zum Regierungsjubiläum 1913 Unter den Linden in Berlin.

(Foto: Scherl)

Nicht Weltmachtambitionen Deutschlands stießen Europa in den Abgrund des Ersten Weltkriegs: Der australische Historiker Christopher Clark schildert, wie es zur Katastrophe von 1914 kam. Sein Buch "The Sleepwalkers" ist eine Wucht.

Von Gerd Krumeich

Früher hat man ja gesagt, dass alle europäischen Mächte in den Abgrund des Ersten Weltkriegs hineingeschlittert sind. Der Historiker Christopher Clark hat diese These gekonnt verstärkt und aus den verantwortlichen Staatsmännern Europas 1914 schlicht "Schlafwandler" gemacht. Clark ist äußerst geschätzt und preisbewehrt durch seine fundamentalen Preußen-Studien. Ein Australier mit einer sehr starken Sensibilität für Denkhorizonte und Handlungsmöglichkeiten Bismarcks und seiner Nachfolger.

Sein seit einiger Zeit angekündigtes Buch über die Vorkriegszeit konnte man daher nur mit Spannung erwarten, zu sehr ist doch hierzulande noch die von Fritz Fischer in den 1960er-Jahren verfochtene These lebendig, dass Deutschland aus verantwortungslosen Weltmachtambitionen diesen Krieg gezielt vorbereitet habe.

Das Buch "The Sleepwalkers" ist insgesamt eine Wucht. Während wir anderen Weltkrieg-I-Historiker gerade beginnen, uns in den Schützengräben von 2014 einzurichten, kommt hier schon das vielleicht wichtigste Buch zum 100-jährigen "Geburtstag" des Ersten Weltkriegs.

Christopher Clark kennt sich wie kaum ein zweiter in den europäischen Sprachen und Archiven aus. Mit großer Selbstverständlichkeit zitiert er Dokumente englischer, französischer und deutscher Provenienz genauso wie russische oder serbische. Das ganze in wohltuend ruhiger, nie demonstrierender und dozierender Weise, sondern auf eine Art, die den Leser zum Mitüberlegen einlädt.

Das wichtigste Gesamtergebnis dieser Untersuchung der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs mit der katastrophalen Zuspitzung in der Juli-Krise des Jahres 1914 ist wohl, dass man tatsächlich Abschied nehmen kann von der so lange quasi sakrosankten These, dass in erster Linie die Weltmachtambitionen Deutschlands Europa in den Abgrund gestoßen hätten. Clark zeigt, gestützt auf - man möchte sagen - alle Quellen und mit einer umwerfenden Kenntnis und gerechten Beurteilung der eigentlich nicht mehr überschaubaren Sekundärliteratur, wie sich die Mächte verbündeten, welchen Rang militärische Absprachen hatten, wie es zu einer Konstellation kam, in der sich alle angegriffen fühlten und genötigt, die Rüstungen ins Unermessliche zu steigern und die Allianzen sozusagen "wasserdicht" zu machen.

Der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg unterscheidet sich in dieser Hinsicht nur in persönlichen Nuancen von seinen Gegenparts in Frankreich oder Russland, Poincaré und Sasonov. Clark zeigt unerbittlich, wie die Großmächte Politik entlang den vorgeblichen eigenen Interessen machten und sich im Grunde kein Staatsmann darum scherte, wie diese Politik beim Gegner "ankommen" und welche Reaktionen sie hervorrufen könnte. So ergab sich in Deutschland eine enorme Furcht vor dem ökonomischen und militärischen Übermächtigwerden Russlands, das man im Grunde nur als eine zerstörerische "Dampfwalze" ansah, die alles niedermachen würde, wenn man ihm nicht bald Grenzen setzte. Aber auch die anderen Mächte hatten ein überaus phobisches Situationsbild. So bedurfte es wirklich nur eines Funkens, um das ganze System der europäischen Großmacht- und Allianzpolitik explodieren zu lassen.

Diesen Funken warfen die serbischen Revolutionäre. Clark schildert mit großer Anschaulichkeit, im Rückgriff auf die Geschichte des gesamten Konflikts zwischen Serbien und Österreich-Ungarn, wie das Attentat vorbereitet wurde. Er nimmt an, dass die serbische Regierung ziemlich genau Bescheid wusste und nicht genug tat, um es zu verhindern. Hier mag man allerdings skeptisch bleiben, der Beweis ist nicht gelungen. Seine Darstellung von Serbien und dessen Verhältnis zu Österreich-Ungarn ist überhaupt für mich der schwächste Teil des Buches. Gerade ein so betont "historistisch" argumentierender Wissenschaftler wie Clark darf einfach nicht der Versuchung nachgeben, die Geschichte des serbischen Nationalismus von heute und vom Massaker von Srebrenica her zu interpretieren. Aber das tut er ganz explizit. Die Serben mit ihrer schon damals ungeheuren Brutalität und Grausamkeit sind also im Grunde die bösen Buben dieser Vorkriegszeit, und Österreich-Ungarn hatte alles Recht, sich gegen sie zu wehren. Über einen solchen Exzess einer missverstandenen Methode, die Geschichte "von heute her" zu schreiben, kann man wirklich nur den Kopf schütteln.

Es bleibt noch ein zweites Manko zu nennen, nämlich die nicht stattfindende Auseinandersetzung über das, was man eigentlich damals für Kriegserwartungen hatte und ob und wieweit der Krieg tatsächlich noch als legitimes Mittel der Politik, als deren Fortsetzung "unter Einsatz anderer Mittel" ( Clausewitz) verstanden wurde.

Sicherlich sprach man auch vor 1914 vom Horror eines Kriegs zwischen den Großmächten. August Bebel, der Führer der deutschen Sozialdemokratie, prognostizierte sogar korrekt, dass der kommende Krieg "die Blüte der männlichen Bevölkerung Europas auslöschen" und wohl zehn Millionen Tote kosten werde. Genau dieser "Kladderadatsch", vor dem Bebel 1911 warnte, ist schließlich gekommen.

Aber keiner der verantwortlichen Staatsmänner hätte sich im Juli '14 so schlafwandlerisch oder mondsüchtig verhalten, wie sie es taten, hätte man 1914 gewusst, was Verdun und die Somme 1916 sein würden. Man dachte an Kavallerie- und Bajonett-Attacken und an einen kurzen Schlagabtausch - Munition hatten die Deutschen auch nur für einen Krieg bis Oktober '14 gehortet - und Weihnachten wollte man wieder zu Haue feiern. In die Analyse des Entscheidungshandelns der "Schlafwandler" von 1914 hätte dieser Hintergrund ihres Denkens und Planens unbedingt einbezogen werden müssen.

Aber das Wichtigste an diesem Buch ist sicherlich, dass es uns anhand der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs lehrt, dass Krieg niemals zur Lösung von politischen Problemen eingesetzt werden sollte. Denn niemand ist auch heute davor gefeit, schließlich als "Sleepwalker" aus dem Fenster zu stürzen.

Christopher Clark: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Allen Lane - Penguin Books, 2012. 697 Seiten, 39,77 Euro.