Buch "Naturschutz in Deutschland" In Nacht und Nebel

Es gibt spannende Geschichten über die deutschen Naturschutzgebiete: Etwa die, wie DDR-Aktivisten in den Wirren vor der Wende vierzehn Gebiete sicherten. Ein Buch erzählt nun dies und mehr - doch das Lesevergnügen ist nicht ungetrübt.

Von Marlene Weiss

Natur, von natura: Das ist alles, was der Mensch nicht beeinflusst hat, das Gegenteil von Kultur. Begrifflich betrachtet, ist die Aufgabe des Naturschutzes also klar: Man halte den Menschen fern. Aber dass es komplizierter ist, weil Naturschutz schon immer viel mit Kultur zu tun hatte - das zeigt das Buch "Naturschutz in Deutschland", herausgegeben von den drei ostdeutschen Veteranen des Naturschutzes Michael Succow, Lebrecht Jeschke und Hans Dieter Knapp; geschrieben von ihnen und ihren Mitstreitern.

Drei Typen großer Schutzgebiete gibt es hier und heute: Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks. Alle haben ihre Berechtigung, Natürlichkeit ist allein kein Qualitätsmerkmal. Denn würde man ganz Deutschland zur Nationalpark-Kernzone erklären, also sich selbst überlassen, und der Bevölkerung nahelegen, in Nachbarländer umzuziehen, wären irgendwann große Teile des Landes wieder mit Wald bedeckt. Alte Kulturlandschaften würden zerstört, viele Pflanzen- und Tierarten verdrängt. Damit wäre ein natürlicher Zustand hergestellt. Wäre er erstrebenswert?

Dennoch ist das Nationalpark-Konzept modern und sehr effektiv. In den USA wurde schon 1872 mit dem Yellowstone-Park der erste Nationalpark der Welt gegründet. Leider war das mit einem grausamen Landdiebstahl verbunden: Ursprünglich waren die nordamerikanischen Nationalparks nicht nur als Schutzzone für Büffelherden, sondern auch für die Ureinwohner gedacht; aber schon bald gab man Ersteren vor Letzteren den Vorrang und vertrieb die Indianer als Wilddiebe aus ihrem Gebiet.

Es gibt genug anderes zu berichten

In Deutschland wurden im 19. Jahrhundert die ersten Schongebiete gegründet, aber gar nicht in die Natur einzugreifen, das ging dann doch zu weit. Auch in den Nationalsozialismus passten keine Wildnisparks. Erst im Jahr 1970 entstand der erste deutsche Nationalpark im Bayerischen Wald, von Protesten begleitet - und bald schwer geprüft vom Einfall des Borkenkäfers. Davon ist in der subjektiven Naturschutzgeschichte von Succow, Jeschke und Knapp allerdings erst im Nach-Wende-Teil auf Seite 205 die Rede, rückblickend abgehandelt in wenigen Absätzen - etwas befremdlich. Da den Autoren als DDR-Bürgern bis 1989 der Blick auf die andere Seite der Mauer verwehrt blieb, ist auch das Buch dort nahezu blind. Aber bei all den anderen Büchern, die die DDR ausblenden, kann man das wohl als ausgleichende Gerechtigkeit betrachten.

Und es gibt genug anderes zu berichten. Etwa, wie Botaniker und Naturschützer im Kulturbund der DDR einen erstaunlichen Freiraum hatten. Oder die politisch motivierte Einrichtung von Schutzgebieten in den siebziger Jahren: Nationalparks galten als kapitalistisches Teufelszeug, auch die touristischeren Naturparks waren nicht genehm, aber von der Anerkennung von Biosphärenreservaten durch die Unesco versprach man sich doch internationales Renommee. Prompt wurden das Vessertal und die Elbtalaue bei Dessau zu solchen Reservaten erklärt. Andere mögliche Gebiete wurden wegen zu großer Nähe zu den Staatsjagdgebieten der Nomenklatura in der Schorfheide und der Uckermark verworfen - dies waren de facto Privat-Schießparks der passionierten Jäger Erich Honecker und Erich Mielke. Nach Westdeutschland kamen Biosphärenreservate erst nach der Wende. Anders als Nationalparks sollen diese Modellregionen "die durch Nutzung geprägte Landschaft erhalten".

"Das Tafelsilber der deutschen Einheit"

Aber am spannendsten ist der erstaunliche Coup, wie DDR-Naturschützer kurz vor der Wende vierzehn große Schutzgebiete in Ostdeutschland sicherten. Fünf Nationalparke, sechs Biosphärenreservate und drei Naturparke wurden daraus, zusammen immerhin 4,5 Prozent des DDR-Territoriums. Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion, in der die zu schützenden Gebiete in den letzten Tagen der DDR unter Dach und Fach kamen und in den Einigungsvertrag hinübergerettet wurden. Klaus Töpfer, erster Umweltminister des vereinten Deutschlands, nannte die Flächen später "das Tafelsilber der deutschen Einheit".

Später wäre das ums Haar verscherbelt worden: Weil die Schutzgebiete in Bundeseigentum übergingen, hätten sie eigentlich privatisiert werden sollen. Nach jahrelangem Streit beschloss die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2000, Bundesländern und Naturschutzorganisationen 50 000 Hektar Naturschutzfläche im Osten kostenlos zu überlassen. Die große Koalition unter Angela Merkel setzte die Übertragung fort - sie ist bis heute nicht abgeschlossen.

Diese dramatischen Ereignisse hätten eine reizvolle Geschichte ergeben, doch den Herausgebern ging es wohl eher um die Sache. Dem Lesevergnügen ist es nicht sehr zuträglich, dass Zeitzeugen und langjährige Behördenmitarbeiter die einzelnen Kapitel geschrieben haben. Mit einer Ausnahme sind alle Autoren männlich, Durchschnittsalter etwa sechzig; man muss sich immer wieder durch staubtrockene Verwaltungssprache arbeiten, manches doppelt sich, anderes ist verwirrend und lückenhaft, der Zusammenhang nicht immer klar. Andererseits sind da diese schönen Fotos, fast alle von den Autoren selbst aufgenommen. Sie hatten in den vergangenen Jahrzehnten sicher wenig Zeit für Kreativschreibkurse; aber ohne sie sähen viele Landschaften heute anders aus. Und das ist schließlich auch sehr viel wert.

Michael Succow, Lebrecht Jeschke, Hans Dieter Knapp (Hrsg.): Naturschutz in Deutschland. Christoph Links Verlag, Berlin 2012. 336 S., 29,90 Euro.