Es ist simpel: Autoren brauchen Verlage, um Bücher zu schreiben. Wenn Verlage wegen der neuen Trägermedien und illegal heruntergeladener Texte Pleite machten, gäbe es vielleicht weniger Neuerscheinungen. Aber dafür einen gigantischen Wust digitaler Manuskripte, die irgendwo verstreut herumzappelten und von Agenten und Scouts aus dem Netz gefischt werden müssten. Wird dann der Autor mit dem größten Informatikwissen, den bestplatzierten Links und der mächtigsten Web-Präsenz als Erster an Land gezogen? Ist das dann gelebte Demokratie, oder führt es dazu, dass aus Unsicherheit nur noch die sowieso schon Bekannten und Bewährten gelesen werden?
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Bleiben wir noch kurz bei den Lesereisen. Wenn ich schon kein Buch darüber schreiben will, so will ich doch unbedingt etwas darüber sagen. Ich frage mich, ob Lesungen angesichts der wachsenden Welt-Virtualität tatsächlich an Bedeutung gewinnen werden - in der Musikszene setzen sie ja auch wieder ganz auf Konzerte. Vielleicht lässt sich der Erfolg von slam poetry sessions auf so etwas zurückführen. Ich glaube aber nicht, dass Autorenlesungen wirklich einen Pop-Status bekommen werden, es sei denn, die Autoren selbst sind Pop-Ikonen, was sie dann aber meistens schon vor ihrem Buch waren.
Knarren, Rauschen, Fingerlecken
Die Analogie zwischen Literatur- und Musikindustrie hat Grenzen. Platten, Kassetten, CDs, DVDs, iPods - alle Medien der Musik sind immer nur der Ersatz für den live act. Es sind wiederholbare, simulierte Konzerte, e-concerts. Das Buch nicht. Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, von den sinnlichen Qualitäten der Bücher zu schwärmen, von ihren Gerüchen, der Textur der Seiten, dem Knarren beim Öffnen, dem Rauschen der Blätter, vom Fingerlecken beim Seitenumblättern. Ich könnte Sonettenkränze flechten über die lunaren Aspekte des Bücherlesens, wenn die Seiten links zunehmen und rechts abnehmen, bis das Buch schließlich geschlossen wird und rund und voll vor uns liegt.
Doch worauf ich hinaus will, ist, dass das Buch - im Gegensatz zu den Trägermedien der Musik, die alle paar Jahre wieder verbessert werden - ein Selbstzweck ist. Jede Lektüre ist ein Live-Konzert, jeder Leser hat sein Original. Das E-Book - zumindest in seiner jetzigen Version - ist hingegen nur der Ersatz für ein Buch, sonst hieße es nicht so, wie es heißt. Solange das E-Book anstrebt, ein Buch zu sein, solange es so tut, als wäre es ein Buch, bin ich nicht sonderlich besorgt um die Zukunft des Buches.
Wie der Schatten des Geistes
Als Leserin frage ich mich beklommen, ob ein Buch, das nicht physisch irgendwo bei mir herumliegt und verlangt gelesen, ja, das mich anklagt, endlich beendet zu werden, wirklich eine Chance hätte. Vielleicht wäre das ein interessanter Versuch in Sachen Selbstdisziplin. Wahrscheinlich hätte ich kein besonders schlechtes Gewissen, wenn ich eine heruntergeladene Textdatei nicht läse: Sie ist sowieso nicht richtig da. Wie der Schatten des Geistes von Hamlets Vater würde sie hier und dort noch ein wenig Schuldgefühle verstreuen, aber würde das reichen, mich zum Handeln zu zwingen? Ich würde mir wahrscheinlich eine Menge Texte herunterladen, und nur wenige lesen. Der Speicher-, Sammel- und Bunkerfreude bin ich nicht abhold. Früher konnte man diese an den Kopiergeräten westdeutscher Universitätsbibliotheken ganz gut ausleben.
Als Autorin muss ich mich natürlich fragen, ob ich lieber gekauft oder gelesen werde. Die Antwort ist klar: beides. Doch es gibt noch ein paar Dinge, die mir nicht so klar sind: Werden E-Books neue Gattungen hervorbringen? Würde ich vielleicht automatisch einen schnelleren, lauteren, experimentelleren Stil wählen, wenn meine Texte nur in elektronischer Tinte existierten? Würde ich marktschreierisch schreiben, weil die Texte so leicht und leise wegzudrücken sind? Beeinflusst das Lesemedium am Ende doch das Schreiben? Hätte ich mich getraut, hätte ich Lust gehabt, meinen Roman so langsam und episch anfangen zu lassen, wenn ich mir dabei vorgestellt hätte, wie Leser nach einigen Seiten kühl auf die Löschtaste drücken?
Andererseits stellen sich Schriftsteller beim Schreiben ohnehin keine Leser vor - wie auch, wen auch! Und während ich an meinem jüngsten Manuskript arbeitete, wusste ich ohnehin nicht einmal, ob es überhaupt je ein Buch werden würde. Schließlich schreiben wir keine Bücher. Wir schreiben Texte, Geschichten.
Im vergangenen Jahr erschien "Der Geschmack von Apfelkernen" (Kiepenheuer & Witsch), der Debütroman von Katharina Hagena. Er wurde auf Anhieb ein Erfolg.
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(SZ vom 11.03.2009/irup)
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