Buch-Konkurrenz E-Book Das Schattenbuch

Anschlag auf die zarte Künstlerseele: Katharina Hagena, Autorin des Romans "Der Geschmack von Apfelkernen", berichtet, wie man für das E-Book schreibt.

Von Katharina Hagena

Schriftsteller schreiben. Sie schreiben keine Bücher, sondern Texte, Geschichten. Auch E-Books schreiben sie nicht. Natürlich werden sich durch die neuen Technologien ein paar Dinge ändern - auch für Autoren. Doch die tiefgreifenden Veränderungen haben längst stattgefunden. Das E-Book ist für Schriftsteller nicht halb so bedeutend, wie es der PC war. Tippen ist anders als mit dem Füller schreiben, und Notebooks sind anders als Schreibmaschinen. Das Drücken der Löschtaste ist finaler als das Durchstreichen, das leere Papier mit den Händen zu berühren und vollzuschreiben ist ein anderer Schaffensakt als mit der immergleichen Type einen Bildschirm zu füllen, der außerdem noch umrahmt ist von einer Menge kleiner Symbole, Zahlen, ja sogar Wörter.

Dass ein Schreibmedium unser Schreiben beeinflusst, ist offensichtlich. Und wahrscheinlich wird ein neues Lesemedium das Leseverhalten beeinflussen. Aber wird ein neues Lesemedium unser Schreiben beeinflussen? Das Lesen selbst verändert sich schließlich nicht. Wir werden immer noch einen Buchstaben nach dem anderen lesen, ein Wort nach dem anderen, einen Satz, eine Seite - nun, bei der Seite bin ich mir nicht mehr sicher. Aber Lesen wie auch Schreiben bleibt ungleichzeitig, linear und analog.

Natürlich gibt es hypertextuelle Phänomene, eigens für die Literatur im Netz erfunden oder auf vorhandene Texte übertragen, wie zum Beispiel die digitale, kritische Ausgabe von Joyces "Finnegans Wake". Die Edition heißt "Hyper Wake", was sich eher nach einer Schlafstörung anhört. Was es unter anderem auch ist. Dort klickt man auf verlinkte Wörter und gelangt je nach Farbe auf Joyces Notizbücher, Druckfahnen oder Passagen, die der Autor in einem Korrekturvorgang hinausgeworfen hat. Durch beherztes Herumklicken kann man Simultanität simulieren. Aber schnell verliert man seinen Weg im Link-Labyrinth, was in "Finnegans Wake" nicht schlimm ist, früher oder später passiert das jedem - ohne Links wahrscheinlich früher. Hypertexte können nützlich sein, es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten. Aber lesen kann man sie nicht.

Dennoch wird durch sogenannte neue Trägermedien (leichte Sommerlektüre nimmt man am besten auf Spaghettiträgermedien mit an den Pool) auch mein Beruf "Schriftstellerin" affiziert. Aber zunächst nur mittelbar: E-Books werden das Verlagswesen aufmischen, den Buchmarkt und damit irgendwann den Autor. Verleger sind vielleicht bald nicht mehr in der Lage, unsere zarten Künstlerseelen zu schützen. Wenn Urheberrechte fransig und fadenscheinig werden, bietet das - allerdings grobmaschige - Internet die Möglichkeit, den Verlag ganz abzustreifen.

Es wird mehr Schriftsteller-Gewerkschaften geben, in denen versucht wird, Gebühren zum Herunterladen der Texte durch- und festzusetzen. Prominente Autoren werden mächtiger werden, weil sie unabhängig von ihren Verlagen agieren können. (Prince hat schließlich für eine Weile auch keine Plattenfirma mehr, sondern bringt seine Sachen selbst heraus.) Andererseits werden es unbekannte Schriftsteller noch schwerer haben, bekannt zu werden. Oder bekommen sie in der Demokratie des Netzes endlich die Chance, entdeckt zu werden?

Ich möchte meine Bücher möglichst nicht im Alleingang veröffentlichen. Selbst nach einem größeren, aber jetzt nicht alles um sich herum plattwalzenden Erfolg ist man mindestens ein Jahr lang damit beschäftigt, den eigenen Ruhm zu verwalten. Das ist sehr schön, es erfüllt einen mit Dankbarkeit, vor allem aber kostet es Zeit. Und zwar genau die Zeit, die man auf sein nächstes Buch verwenden sollte, nach welchem man spätestens zwei Tage nach Erscheinen eines Buches gefragt wird. (Einige Kollegen nutzen diese Zeit, um Bücher über ihre Lesereisen zu schreiben - doch wenn es je ein überflüssiges Genre gegeben hat, dann dieses.) Müsste ich all das machen, was der Verlag für mein Buch gemacht hat und macht, dann würde ich wohl nie wieder eins schreiben.

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