Von Oliver Fuchs

Die Moderatorin hat die Geduld ihres Tagebuchs strapaziert.

Die Welt ist voller Schmalz-, Schmacht- und Balzgesänge. Immer diese silly love songs! Verlieben, lieben, entlieben, neulieben, querlieben, falschlieben - am Ende ist es immer dasselbe alte Lied. Manchmal mag man es einfach nicht mehr hören. Aus. Weg damit.

Heike Makatsch

Eher für die eigene Schublade: Das Buch von Heike Makatsch. (© Foto: dpa)

Anzeige

Wäre doch interessant, worüber Sänger singen und Schriftsteller schreiben und was für Filme Filmemacher machen würden, wenn das Thema Liebe einfach mal für ein paar Monate verboten würde, unter Strafe gestellt. Vielleicht würde eine neue Blütezeit der Künste anbrechen, die Werke viel interessanter, relevanter, kunstvoller und dabei welthaltiger werden. Vielleicht ist das aber auch Quatsch.

Der Titel von Heike Makatschs Roman scheint jedenfalls schon mal ein guter Anfang zu sein: "Keine Lieder über Liebe". Es ist das Begleitbuch zu dem gleichnamigen Rock'n'Roll-Film, für den Mitglieder von Tomte, Kettcar und Olli Schulz & der Hund Marie eigens die Band Hansen gründeten (warum haben deutsche Bands eigentlich immer so komische Namen?).

Der nette Jürgen Vogel spielte mit, und Heike Makatsch wird ja eh von allen immer nur "die liebe Heike" genannt. Dass der Film im Ganzen recht belanglos und ein bisschen langatmig war, fiel bei soviel Nettigkeit dann gar nicht auf. "Keine Lieder über Liebe" - soweit okay, aber dafür wurde 90 Minuten lang über Liebe geredet, nein eher gereeeeeedet. Puh.

Rätselhaft, dass Heike Makatsch dem eher überflüssigen Film noch ein Buch zur Seite stellt. Es erzählt den Plot - der sich zusammenfassen lässt mit: Ellen hatte was mit dem Rockstar-Bruder ihres Freundes, die Sache fliegt auf, es gibt Tränen - auf 200 Seiten aus der Sicht von Ellen, in Form eines Tagebuchs. Der erste Satz geht so: "Liebes Tagebuch, es ist schon eine Weile her, dass ich dein geduldiges Ohr in Anspruch genommen habe." Ellen schreibt wie mit abgespreiztem kleinen Finger.

In ihrer Welt setzt man sich nicht mit an den Tisch, sondern "gesellt sich dazu", man weint nicht, sondern spürt "Wasserdruck hinter den Augen", man schläft nicht miteinander, sondern hat "die Gipfel der Liebe erklommen". Die wunderlichste Formulierung ist die von dem "One Night Stand", den man sich "zu Gemüte führt". So sprechen Tanten aus Amerika, wenn sie lange nicht mehr in Deutschland waren.

Es ist diese Mischung aus Tanten-Ton und Mädchentagebuch, rosa eingeschlagen und mit Maikäfer-Verzierung, die das Buch schwer erträglich macht. Gelegentlich nervt die Form sogar so, dass man beim Lesen Schwierigkeiten hat, sich auf den Inhalt zu konzentrieren.

Der wäre, abseits der Liebesverwicklungen, vielleicht gar nicht mal so uninteressant. Die Hansen-Band auf Deutschland-Tour, Rock'n'Roll in Oldenburg, Lingen, Wilhelmshaven ... Aber viel ist da nicht mit Rock'n'Roll. Zumal Ellen sich ja auch gern mal selbst zur Ordnung ruft: "Oh-oh, liebes Tagebuch, die Gäule gehen mit mir durch."

Einmal ist sie sauer, weil die anderen ohne sie losgezogen sind in die Oldenburger City. Dabei wäre sie so gern mitgekommen, "hätte Starbucks Kaffee für alle besorgt" und "bei Unterzuckerung ein Äpfelchen geschält".

Puh. Solche Sachen muss sich das "liebe Tagebuch" der "lieben Heike" anhören. Das Ohr des Buches wird ganz schön in Anspruch genommen. Na ja, zum Glück ist es geduldig. Meist werden Tagebücher ja für die eigene Schublade geschrieben. Das wäre in diesem Fall auch keine schlechte Idee gewesen.

HEIKE MAKATSCH: Keine Lieder über Liebe Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln 2005 200 Seiten 8,90 Euro

Leser empfehlen 

(SZ vom 14.1.2006)