Buch "Curious Behavior" Was juckt uns das?

Beim Gekitzeltwerden lernt man, wo der eigene Körper aufhört.

(Foto: dpa)

Kitzeln und Niesen, Husten und Gähnen, Lachen und Rülpsen: Dem US-Forscher Robert Previne ist nichts Menschliches fremd. Er untersucht "seltsames Verhalten" in seinem wissenschaftlichen Buch "Curious Behavior". Das ist packend, lustig - und hält sogar die besten Tipps gegen Schluckauf bereit.

Von Johan Schloemann

Mal ehrlich: Ist es ein bisschen her, dass Sie das letzte Mal gekitzelt wurden? Oder jemanden gekitzelt haben? Dann sind Sie, der statistischen Wahrscheinlichkeit nach, eher mittleren bis gesetzten Alters. Denn die Neigung zum Kitzeln nimmt im Alter ab. Allenfalls im Spiel mit Enkelkindern wird sie noch einmal aktiviert. Ganz anders ist es bei Jugendlichen und Kleinkindern: Teenager kitzeln sich viel. Das dient als spielerischer Ersatz oder als Vorspiel des sexuellen Kontakts. Und Säuglinge amüsieren sich sehr über die Attacken ihrer Eltern, bevor sie ein Wort sprechen können. Das Kitzeln ist, so beschreibt es der amerikanische Neurologe Robert R. Provine, "die liebevollste Form menschlichen Konflikts". Ein simuliertes, angedrohtes Kitzeln, im Sinne von "Ich krieg' dich!", kann als der älteste Witz der Welt gelten - der einzige, der bei Schimpansen und Menschenbabys gleich gut funktioniert.

Die Kitzelforschung ist kein abseitiger Spleen. Das Kitzeln ist nicht weniger als der Anfang eines Verständnisses vom Selbst, welches vom umgebenden Raum und von anderen Menschen abgesetzt wird. Beim Gekitzeltwerden lernt man, wo der eigene Körper aufhört, denn die Grenze der Person wird erst einmal durch die Haut gebildet. Unsere inneren Organe hingegen sind - gnädigerweise - im gesunden Zustand nicht kitzelig. Ohne diese Abgrenzung nach außen kann gar kein "inneres" Ich-Bewusstsein entstehen. Man kann sich nicht selber kitzeln. Das Kitzeln ist ein frappanter Beweis dafür, dass eine saubere Trennung von Leib und Seele nur als rationalistisches Ideal funktioniert, nicht aber in Wirklichkeit.

Robert Provine, Professor an der Universität von Maryland in den USA, ist Kitzelforscher. Seine Ehefrau schaut ihn inzwischen immer ganz misstrauisch an, wenn zu Hause wieder mal ein Angriff zu befürchten ist, den ihr Mann wissenschaftliche Recherche nennt. Robert Provine hat noch andere Obsessionen: Er ist auch Schluckauf-, Gähn-, Lach-, Schrei-, Hust-, Nies-, Kotz-, Juck-, Furz- und Rülpsforscher. Der Mann kann wirklich packend und lustig von diesen Dingen erzählen, aber er ist alles andere als verrückt. Robert Provine ist eine anerkannte Autorität in der Erforschung derjenigen menschlichen Verhaltensweisen, die als Unterbrechungen unseres "normalen" Verhaltens wahrgenommen werden. Jetzt hat er alles, was er über solch "seltsames Verhalten" weiß, in einem sehr schönen Buch mit dem Titel "Curious Behavior" zusammengefasst.

Das Weinen: eine Form menschlicher Gemeinschaft

Dass man Gähnen, Niesen und so weiter als Brüche im Normalverhalten empfindet, gilt natürlich nur im Rahmen einer sozialen Konvention: Im zivilen menschlichen Verkehr soll man möglichst nicht zu auffällig seinem körperlichen Dasein Tribut zollen. In Wahrheit aber sind die "seltsamen" Verhaltensweisen - auch jene, die sich auch beim besten Willen nicht unterdrücken lassen - nicht einfach "animalische" Instinkte, sondern sie gehören zum Humanum dazu, ja, oft sind sie spezifische Ausprägungen der Evolution des Menschen als eines sozialen Wesens.

Zum Beispiel ist das Weinen, genauer: "die Sekretion von Flüssigkeit aus den Tränendrüsen als visuelles Zeichen von Emotion", ein exklusiv menschliches Verhalten. Das Weinen setzt Formen menschlicher Gemeinschaft voraus, es ist evolutionär jünger als anderes Verhalten. Man sieht es daran, dass Säuglinge erst Wochen oder Monate nach der Geburt Tränen kullern lassen, während sie ihr Unwohlsein vom ersten Atemzug an durch Schreien ausdrücken können. Schimpansen weinen nicht, Krokodile, der Folklore zum Trotz, auch nicht.