Wer weder Trash noch Tränen scheut, der wird mit Bruce glücklich, findet Ruth Schneeberger. Nicht auszuhalten war die Sendung dagegen für Carsten Matthäus. Die kleine Nachtkritik als Pro und Contra.
Pro:
Anzeige
"Der Glück steht vor der Tür, aber der Glück kommt von alleine nicht rein", vertraute Bruce Darnell vor Beginn seiner ersten eigenen Show rührselig der deutschen Presse-Agentur dpa an. "Man muss dem Glück sagen, dass er reinkommen soll." Nun also hat er vor der Tür gestanden, der Glücks-Bruce, um einer Dame zu helfen, die sich selbst nicht helfen konnte: Christina, der Schuhverkäuferin.
Eigentlich ist Christina keine Schuhverkäuferin, sondern BWL-Studentin, und eigentlich ist die 22-Jährige überdies äußerlich mit allem gesegnet, was andere junge Damen ihr Leben lang kaum zu wünschen wagen: einer begnadeten, sportlichen Figur ohne auch nur ein Gramm Fett zuviel, langem blonden Haar und nettem Gesicht. Und trotzdem drückt der Schuh: Weil die Jungs sich über sie schon in der Schule lustig gemacht hätten, hat Christina seitdem ein echtes Problem. Sie traut sich kaum unter Menschen, weil sie ihre Oberweite für zu klein hält. Eine OP, so meint sie, würde helfen.
"Nein!", haucht da Bruce in aller Schärfe, und versichert der Mama, dass sie sich künftig keinerlei Sorgen mehr um ihr Töchterlein zu machen habe - er würde sich nun höchstpersönlich um ihr Wohl kümmern, denn hinter dem Brust-Problem, da stecke etwas anderes. Was das ist, das ist in der 20-minütigen Sendung in der ARD, die Bruce Darnell nach seinem Ende bei Pro Sieben (der Sender hatte die Verträge mit dem Model-Trainer für Germany's Next Topmodel nicht verlängert) zum Chef-Stylisten des Öffentlich-Rechtlichen macht, zwar nicht zu erfahren. Dafür aber kommen Bruce-Fans voll auf ihre Kosten.
"Es geht nicht um deine Oberweite!", vertraut Bruce mit großen Augen im intimen Zwiegespräch der blonden Schönheit an, und seine Stimme zittert schon. "Das ist das Wichtige: Spaß im Leben!" Und da kullern dicke Tränen nicht nur aus des Ex-Models Augen, denn Christina heult gleich mit.
Ist ja auch zu putzig, dass der ehemalige Fallschirmjäger der US-Army sich dem hübschen Entlein annimmt, um es in einen noch hübscheren Schwan zu verwandeln, und dann gelingt ihm doch glatt der "Skandal", den er sich in diesem Fall ausdrücklich gewünscht hatte: Christina lässt sich, nachdem sie von einer Stylistin im Wäscheladen darüber aufgeklärt wurde, wie man einen BH trägt, nicht nur in sexy Dessous ablichten, sondern sie läuft auch noch, gemeinsam mit Bruce, im Bikini über den Laufsteg. Einmal mehr kommen dem Model-Trainer die Tränen.
Und siehe da: Am Ende der Show, nach vielen weiteren Tränen, herzzerreißender Musik und dem Zündeln des heimeligen Kaminfeuers im Hintergrund, ist es so weit: Christina tritt nach der Verwandlung vor den großen Spiegel und darf sich endlich sehen, wie sie wirklich ist: als Prototyp für die Bewerbung zu "Germany's Next Topmodel".
Du sollst mehr Spaß haben!
Die Stylisten haben aus der unauffällig-hübschen Studentin ein Trendy-Twenty-Something gemacht, wie sie bei den Privaten und vor den Modelagenturen zu Tausenden Schlange stehen: im kurzen gelben Kleidchen, mit - natürlich - glattem Pony, den berühmten Smokey Eyes und, ganz wichtig, ausgestellter Oberweite. Christina ist's zufrieden, die Mama ebenfalls, und Bruce, der hat der Glück von vor der Tür nun einfach reingeholt.
Natürlich: Mit dieser Sendung ist die ARD endgültig auf dem Niveau der Privaten angekommen, hat Bruce Darnell die unsägliche Styling-Show der Verona Pooth ins Öffentlich-Rechtliche übertragen und haben sich die Programmverantwortlichen nicht mal Mühe gegeben, irgendeinen Unterschied zu handelsüblichen Stylingshows, geschweige denn Niveau, herauszuarbeiten.
Trotzdem: Abgesehen davon, dass es meistens unterhaltsam ist, wenn Menschen ihr Privatestes nach außen tragen, darf man sich aufrichtig darauf freuen, Bruce Darnell beim Aufbauen der nächsten Kandidatinnen zuzuschauen, die garantiert alle schon im Vorhinein überdurchschnittlich gut aussehen werden. Denn er ist immer noch der bestgestylte 50-Jährige im deutschen Fernsehen, von dem sich junge Mädchen Teddies unter den Pulli stopfen lassen, um sich dann beschimpfen zu lassen, wie dumm das aussehe.
Und das Wichtigste ist der Tipp, den Bruce der traurigen Christina gleich zu Beginn mitgibt: "Du musst mehr Spaß haben!" Diesen Leitsatz sollte sich das Öffentlich-Rechtliche für den Rest seines Programms vergolden lassen.
Lesen Sie auf der nächsten Seite das Contra:
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Bruce Darnell in der ARD Sprechen Sie Bruce? 14.01.2008
- "Germany's Next Topmodel" - das Finale Drama, Drama, Drama! 25.05.2007
- Heidi Klum - Nachfolger für Bruce Darnell Heidis Neuer 05.12.2007
- Bruce Darnell geht zur ARD Das is där goanze Wahrheit, Baby! 19.10.2007
- Netz-Depeschen (17) Ist das nicht cool? 24.06.2007
Bundespräsident Gauck in Israel
Das Erste verabschiedet sich mit Hilfe von Bruce von seinen Zuschauern, die laufen nicht nur weg, das Erste interessiert sich nicht für sie. Servus Zuschauer!
Wer Menschen so wie in der Sendung behandelt, der hat kein Interesse an ihnen. Der möchte schön sein. In Lofts wohnen. Der möchte keine Emotionen zulassen, nur Gefühle aus der Retorte: Servus Zuschauer!
Fernsehen hat mit unserer Welt zu tun. Zumindest öffentlich-rechtliches Fernsehen. Bruce hat mit sich zu tun und seinen Machern. Nicht mit uns. Servus und aud Nimmerwiedersehen.
bin somit froh, oder sollte es eigentlich sein, für jeden deutschsprachigen Sender.
Abeeeer :
will ich vor der Kiste einschlafen, schaue ich ARD/ZDF.
Will ich "aufregend träumen", dann irgend so etwas a la RTL etc.
Will ich etwas lernen/erleben/sehen, dann gibts nur :
Phoenix, Arte, 3Sat, hin und wieder ein 3. Programm und auch, speziell in der Nacht, BR-d.
ZDF/ARD sehe ich eigentlich nur wegen der Nachrichten.
was ist denn daran schlecht was ich geschrieben habe?
vor allen Dingen kann man sie nicht sehen, weil sie so spät laufen. Das ist relativ, aber wenn ich um 05:30 Uhr aufstehe, ist alles nach 23:00 Uhr, das ist vieleicht sogar die Startzeit, spät!
Aber viele schauen das trotzdem und die wenigsten haben vorher Adorno gelesen. Muß man die also vor sich selbst beschützen? Oder ist es egal, wo wann was gesendet wird und wer das guckt?
Wenn man die letzte Frage mit "ja" beantwortet, glaubt man, daß Fernsehsendungen (egal, welchen Inhalts) keinen Einfluß auf die Zuschauer haben.
Wenn man die Frage verneint, stellt sich die Anschlußfrage, wo eine Grenze gezogen werden müßte, für wen und durch wen.
----------
Die ARD nimmt ihren Bildungsauftrag ernst und gibt mit Steuergeldern Lebenshilfe für die verunsicherte und unpolitische Mittelschicht. Dagegen wäre nichts zu sagen, wenn die Show nicht so fies frauenfeindlich und rollenkonservativ wäre. Frauen, so die Aussage, sollen gefallen und Frauen: das sind vor allem ganz junge, faltenfreie Mittzwanziger, deren "Probleme" frauenverstehend gelöst werden.
Paging