"Brokeback Mountain"-Zensur Getrennte Lagerfeuer

Amore, no more: Das italienische Fernsehen zensiert den Film "Brokeback Mountain". In dem Drama entdecken zwei Cowboys ihre Liebe zueinander. Jetzt wird heftig diskutiert.

Von J. Müller-Meiningen

Manchmal weht noch ein Hauch der prüden fünfziger Jahre durch Italien. Nicht etwa, wenn einer der alten Vespa-Roller durch die Altstadt von Rom knattert. Manchmal reicht es, den Fernseher einzuschalten. Vor ein paar Tagen zum Beispiel, als im staatlichen Fernsehkanal Rai Due der vielfach preisgekrönte Film "Brokeback Mountain" von Ang Lee zu sehen war. In Teilen zumindest.

Zwei Liebesszenen, in denen die beiden Hauptfiguren, zwei schwule Cowboys, einander näherkommen, wurden herausgeschnitten. Eine Sequenz, in der sich die beiden Darsteller, Jake Gyllenhaal und der im Januar verstorbene Heath Ledger, küssen, sowie eine nur zu erahnende Bettszene im Zelt auf dem Brokeback Mountain.

Der Inhalt des Films, die Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, wurde so völlig entstellt. Wer den Film zum ersten Mal sah, verstand nicht einmal, dass es sich um die Story einer schwulen Beziehung handelte.

Homophober Hexenkessel

Seit Tagen laufen nun Homosexuellen-Organisationen und vereinzelt auch Parlamentsabgeordnete Sturm gegen die Zensur. Der Film hatte 2005 den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen, drei Oscars und vier Golden Globes. Für die Fernsehzuschauer im katholischen Italien war der Film in seiner Originalversion anscheinend zu harte Kost.

"Wer denkt hier, dass das erwachsene Publikum Küsse und Annäherungen zwischen Männern nicht ertragen kann?", fragte provokativ Aurelio Mancuso, der Präsident des Homosexuellen-Verbandes Arcigay. Das öffentliche Fernsehen dürfe nicht die homophobe Stimmung im Land noch zusätzlich anheizen.

Tatsächlich kommt es zum Beispiel in Rom immer wieder zu Übergriffen auf Schwule, die sich nur an wenigen Orten offen zueinander bekennen. Lesbische Frauen spielen in der Öffentlichkeit gar keine Rolle. Erst vor kurzem hatte sich der Vatikan gegen einen Vorschlag der EU gewehrt, die Strafbarkeit von Homosexualität international zu ächten. In 91 Staaten der Welt gilt sie weiterhin als Verbrechen.

Aufruf zum Boykott

Das italienische Staatsfernsehen wies den Zensurvorwurf zunächst von sich und gab an, nicht für die Kürzungen verantwortlich zu sein. Der Film, der um 23 Uhr ausgestrahlt wurde und dessen Originalversion in Italien nur über 14-Jährige sehen dürfen, sei bereits vom Vertrieb gekürzt beim Sender angekommen. "Den Film in dieser Form zu senden, das ist so, als zeigte man die Gioconda (die Mona Lisa; Anm. d. Red.) ohne Kopf", urteilte die transsexuelle ehemalige kommunistische Parlamentsabgeordnete Vladimir Luxuria.

Doch es gibt sogar Stimmen, die die Zensur öffentlich verteidigen. "Lächerlich", urteilte etwa die katholische Hochschuldozentin und Journalistin Lucetta Scaraffia. "Der Film ist eine einzige große Werbung für Homosexuelle. Schwule werden dort schön und glücklich gezeigt, während die Ehefrauen hässlich und langweilig sind und die Familie ein Inferno mit kranken Kindern."

Unterdessen kündigte Imma Battaglia, eine Ikone der unterdrückten italienischen Homosexuellen-Bewegung, einen Boykott des Staatsfernsehens an. "Wenn Rai Due nicht sofort den Film in seiner Originalversion zeigt, dann sollten wir zumindest die Fernsehgebühren für 2009 nicht bezahlen", sagte sie.

Der Direktor des Staatsfernsehens, Claudio Petruccioli, hat sich inzwischen für den "Irrtum" entschuldigt. Rai-Due-Chef Antonio Marano kündigte an, den Film nun doch komplett zu zeigen. Allerdings erst nach Weihnachten. Zuvor findet ja das heilige Fest der Familie statt.

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