SZ: Welche Eigenschaften sind für einen Schauspieler unabdingbar?

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Hobmeier: Ha! Man muss dem Regisseur die eigenen Ideen so verkaufen, dass er denkt, es seien seine.

SZ: Ganz schön subversiv. Können Sie sich auch unterordnen, trotz Ihres Eigensinns?

Hobmeier: Äußerst ungern. Wenn jemand mir sagt, ich solle so oder so sein, dann ist es fast wie ein Automatismus, dass ich das Gegenteil davon mache, auch wenn ich gar nicht weiß, ob ich das eigentlich will. Natürlich kracht's dann auch mal. Doch dann lache ich mich aus, haue mir auf die Finger und arbeite weiter. Intendant Frank Baumbauer hat uns ganz gut im Griff. Er gibt uns allen an den Kammerspielen Chancen und setzt nicht auf einen einzigen Star. Seine Strenge und sein Freigeist verlangen Ensembledisziplin.

SZ: Also ist es doch hilfreich, wenn jemand sagt, wo es langgeht?

Hobmeier: Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass es gar nicht anders geht. Wobei die Zeit der diktatorischen Regisseure mehr oder weniger vorbei ist.

SZ: Wie abhängig ist Ihre Leistung von einem Intendanten oder Regisseur?

Hobmeier: Nun weiß ich nicht, ob ich jetzt das Wort leider davor setzen soll oder nicht: sehr abhängig. Im Idealfall ziehen wir am gleichen Strang. Wenn der Regisseur mich in die Hand nimmt, mich formt und fordert, und ich verstehe, was er sagt, dann kann ich mir meine Freiheit in diesem Rahmen, der mir geboten wird, nehmen. Desto enger der Rahmen ist, desto freier fühle ich mich darin. In einer Zwanglosigkeit bin ich leider zu oft verloren..

SZ: Ein guter Filmregisseur kann Schauspieler so inszenieren, dass man sich als Zuschauer total identifizieren kann, die Geschichte mit Haut und Haaren miterlebt. Im Theater bleibt man immer Zuschauer, immer distanziert.

Hobmeier: Wirklich? Oh, ich hoffe, das stimmt nicht, was Sie da sagen. Der vielleicht einzige Vorteil, den das Theater noch hat im Gegensatz zum Film, ist doch die Gleichzeitigkeit zwischen dem Entstehen der Kunst und dem Betrachten. Von diesem sinnlichen Erlebnis ist der Film abgetrennt. Das sind manchmal Augenblicke auf der Bühne, die sind furios - auch wenn etwas schiefläuft und es mucksmäuschenstill wird, weil die Zuschauer merken, dass etwas geschieht: jetzt. Und keiner weiß, wie es nun weitergeht.

SZ: Ist Ihnen das öfter passiert?

Hobmeier: Sicher, zuletzt in der "Ehe der Maria Braun". Ich werfe meinem Mann am Schluss eine Büchse Ravioli zu. Bei der letzten Vorstellung habe ich zu weit geworfen, und mein Kollege schaffte es nicht, die verdammte Dose zu fangen. Sie fiel einem Zuschauer in der ersten Reihe mitten in den Schoß. Mein Kollege hat mir dann die Ravioli-Büchse in die Hand gedrückt und gesagt: Das machst du jetzt noch mal. Die Zuschauer waren begeistert von unserem Fauxpas, weil sie mitbekommen haben: So funktioniert Theater - das machst du jetzt noch mal. Und das Publikum sah sich eine ganze Szene eben noch mal an. Das war vielleicht einer unserer besten Abende.

SZ: Aber beim Film wird doch auch gelegentlich improvisiert, oder nicht?

Hobmeier: Ja, natürlich. Beim "Räuber Kneißl" haben wir eine der schönsten Szenen im Film erst am Drehort erfunden. Es wird auch nicht besonders brav gespielt. Das ist etwas Besonderes. Der Maximilian Brückner in seiner ganzen Lausbubenhaftigkeit, mit diesem Platzhirschigen, Bayerischen, das tut doch gut.

SZ: Und schön stur ist er auch. Eine sehr eigene Entscheidung von Ihnen übrigens ist: Sie haben am Anfang Ihrer Beziehung mit Ihrem Lebensgefährten vereinbart, dass er Sie nicht auf der Bühne sieht. Besteht dieser Pakt immer noch?

Hobmeier: Ja. So tun als ob - das erscheint mir absurd im Zusammenhang mit ihm. Wir wollten vermeiden, dass ich von ihm bewertet werde und er mich bewerten muss. Wir dachten, das würde sich nicht gut anfühlen. Der Beruf nimmt ja viel von einem ein, da wollten wir uns einen kleinen Freiraum schaffen.

SZ: Aber Sie reden mit ihm über Ihren Beruf.

Hobmeier: Natürlich. Ich erzähle ihm vom Stück, ich erzähle von den Proben, von den Vorstellungen, und da ist er auf meiner Seite, er übernimmt meine Blickrichtung. Nicht die des Betrachters. Das tut uns bisher gut.

SZ: Dann kommen alle zur Premiere, nur er kommt nicht.

Hobmeier: Doch, er kommt natürlich zur Premierenfeier. Aber er hat das Stück nicht gesehen.

SZ: Und sieht er Sie im Film?

Hobmeier: Den "Räuber Kneißl" hat er sich schon angeschaut, aber da ist die Arbeit schon ein Jahr her, man ist emotional weit davon entfernt. Auf der Bühne ist das anders. Bei einer Auktion in den Kammerspielen zum Beispiel hatte ich die Moderation der Versteigerung übernommen. Ich bat meinen Mann zu kommen, um für mich ein Kleid zu ersteigern. Er kam zu spät, und ich sah ihn durch die Tür huschen. Im nächsten Augenblick hatte ich einen wertvollen Gegenstand für fünf Euro versteigert, zu stottern begonnen, und zu guter Letzt bin ich über meine eigenen Beine gestolpert. Vielleicht sollte ich meinen Mann nicht nur um unseretwillen, sondern den Zuschauern zuliebe niemals mehr ins Theater lassen.

Brigitte Hobmeier,1976 in München geboren, wuchs als Tochter eines Heizungsinstallateurs in Ismaning auf. Nach dem Abitur bewarb sie sich an der Bayerischen Theaterakademie, wurde abgelehnt und machte eine Ausbildung zur Graphikerin. 1996 wurde sie nach einem Vorsprechen bei der Essener Folkwang-Schule genommen. Nach Gastengagements in Düsseldorf und Neuss wurde sie Mitglied in Peter Steins Faust-Ensemble, von 2000 bis 2005 glänzte sie unter anderem als Geierwally und Männermörderin Lulu bei Christian Stückl am Münchner Volkstheater. Seit 2006 arbeitet sie nun im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Sie war auch in den Filmen "Nichts als Gespenster" und "Winterreise" zu sehen, jetzt spielt sie die Mathilde in Marcus H. Rosenmüllers Verfilmung des "Räuber Kneißl". Hobmeier lebt mit ihrem Lebensgefährten und einem dreijährigen Sohn in München.

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(SZW vom 16./17.08.2008/sst)