Briefwechsel zwischen Kerouac und Ginsberg "Hör mit der Sauferei auf"

Beat-Poet Allen Ginsberg im Juni 1965 in London - mit Jack Kerouac verband ihn eine besondere Beziehung.

(Foto: Getty Images)

Sie waren nicht füreinander geschaffen und lebten doch zeitweise wie Brüder: Der Briefwechsel zwischen Allen Ginsberg und Jack Kerouac ist das Buch einer raren Freundschaft zwischen zwei heiligen Monstern der Beat-Generation.

Von Willi Winkler

Ende 1959 kam Jack Kerouac nach Venice Beach und zog rülpsend und brüllend durch die Straßen. "Ich bin ein Genie", schrie er, und schrie es wieder in die Nacht hinein, wenn er aus einer weiteren Bar flog. Natürlich war er ein Genie und berühmt dazu, denn zwei Jahre zuvor war endlich "On the road" erschienen, das Manifest der Beatgeneration. Der Dichter John Thomas hat ihn bei diesen Sauftouren beobachtet, auf denen er seinen Ruhm kapitalisierte, und fand den besoffenen Autor abstoßend. "Aber als ich ihn las, veränderte sich mein Leben."

Niemand, wirklich niemand kennt den Dichter John Thomas. Wie viele andere war er dem Wortrausch Kerouacs verfallen und an die Westküste getrampt, um Dichter zu werden, ein Rumhänger und Tagedieb, ein Hängemattier, den aber der bald freigebig verliehene Titel eines beat poet viel besser kleidete. Anders als Kerouac wurde Thomas nicht weltberühmt, denn er schrieb fast nichts und veröffentlichte noch weniger. Er brachte sich mit Lehraufträgen durch, kochte in Hippie-Restaurants, ernährte sich von Essensresten und vermied mit aller Kraft, dass seine Sachen gedruckt würden. Das waren Gedichte über seine Unfähigkeit zu schreiben, "thin stuff & careless", wie er sich vorsorglich niedermachte: "An den meisten Tagen / hilft mir meine ganze Wehrhaftigkeit nichts, & ich / gebe auf, lese, oder / weine deshalb in mein Tagebuch."

Jack Kerouac waren solche Skrupel fremd, er knauserte nicht mit Worten, er weinte in kein geheimes Tagebuch, sondern ergoss sich gewalttätig in ein endloses Manuskript, das über die Jahre auf mehrere Bücher verteilt und seit dem Erfolg von "On the road" auch großzügig veröffentlicht wurde. Schreiben war nichts anderes als leben für ihn, und er schrieb so dringlich von seinem Leben, dass ihm nichts wichtiger zu sein schien als das Wort. Viel mehr als "On the road" kennt man nicht mehr, dieses eine längst sprichwörtliche Buch, und glaubt davon den Mann zu kennen, den adrenalin- und benzedringesteuerten Herumtreiber, den Hochgeschwindigkeitsschreiber, der das Manuskript in (wahlweise) drei Wochen, drei Monaten oder vierzehn Nächten auf eine Endlosrolle hämmerte, damit den unerbittlichen Stilisten Truman Capote bestätigend, der meinte, Kerouac, ach, der schreibe nicht, sondern tippe bloß.

Nicht bereit, sich die Freundschaft kündigen zu lassen

Ein Großteil der Dauer-Eruption Kerouacs entstand tatsächlich unter Drogen. Eine davon war die Nähe zur Gewalt. Am Anfang der Beat-Generation steht ein fast ritueller Totschlag: der von der ganzen Männerhorde um Kerouac angeschwärmte Lucien Carr bringt 1944 David Kammerer um, der ihm mit seinen Nachstellungen lästig geworden war. Carr rettete sich in den Journalismus, die anderen stürzten sich in die Literatur, den endlosen Rausch. Die Visionen, die William Blake erlebte, müssen bei den beats mit Hilfe der neuzeitlichen Chemie nachgestellt werden; später hilft der Alkohol. Beständig ist (wie bei Blake) von Engeln, Teufeln, von Himmel und Hölle die Rede, und der Wahnsinn wird als säkulare Form der Frömmigkeit gefeiert. Ginsberg wird zeitweise in die Anstalt eingewiesen, in der er Carl Solomon kennengelernt hat, einen anderen misfit, dem er später sein Großgedicht "Howl" widmen wird. Es ist die Welt der Junkies, Kleinkriminellen, Zuhälter und der allzeit zu allem bereiten Matrosen, aber der Held der ganzen Bande wird Neal Cassady, von Männern und Frauen wegen seiner Potenz, seines ganz und gar unintellektuellen Körperbewusstseins verehrt.

Die Wortreichsten, die Begabtesten sind Allen Ginsberg und Jack Kerouac, die sich seit der gemeinsamen Zeit an der Columbia University in New York gegenseitig fördern, aufmuntern und über Jahre über ihren ausbleibenden Erfolg hinwegtrösten. Ginsberg versucht, Kerouac als Agent an die Verlage zu bringen; der Freund hat den Segen dazu gegeben, "klar kannst du dir für einzelne Veröffentlichungen da rausholen was du magst". Diesem wortwörtlichen Schöpfer kommt es nicht auf das einzelne Wort an oder den Satz, "für mich ist das ganze Ding egal (. . .). Du kannst aus jedem Teil kürzere Teile machen . . .". Es kommt auf den Ausstoß an, die Überwältigung.

Die beiden waren nicht füreinander geschaffen und lebten zeitweise doch wie Brüder nebeneinander. Noch größer als sein Antisemitismus war Kerouacs Abscheu vor Homosexuellen; trotzdem war Allen Ginsberg sein bester, treuester, ergebenster Freund, ein homosexueller Jude, mit dem der Katholik Kerouac notfalls auch ins Bett ging.

Dieser Briefband ist daher das Buch einer raren Freundschaft, und wie es sich für eine Freundschaft gehört, geht sie auch einmal auseinander. "Hiermit möchte ich dir und dem ganzen Rest des Haufens mitteilen . . . wenn ihr Männer wärt könnte ich mir zumindest die Befriedigung verschaffen, euch allen aufs Maul zu hauen . . . ich habe gemerkt dass ich für junge Schwule nicht mehr attraktiv bin . . . für euch alberne Narren ist der Zeitpunkt gekommen zu verstehen, worum es bei der Poesie geht . . . Tod . . . also sterbt . . . und sterbt wie Männer . . . und lasst euch nie wieder bei mir blicken."

Nach diesem erbitterten Scheidebrief, der fällig wurde, nachdem Ginsberg doch ein wenig Kritik geübt und das noch immer unverkäufliche "On the road" als "nicht perfekt" bezeichnet hatte, versöhnen sie sich wieder: "Für mich warst du immer schon mein kleiner Bruder, mein kleiner Petushka, auch wenn du jüdisch bist."

Ginsberg ist ohnehin nicht bereit, sich die Freundschaft kündigen zu lassen. Kerouac ist der bewunderte Kraftkerl, der Typ im Holzfällerhemd. Kerouac seinerseits will dem Beleseneren beweisen, dass auch er sich auskennt, Melville gelesen hat und zuletzt Jean Genet. Dann wieder wird's ihm zu viel, denn Shakespeare, den brauchen wir nicht, Ezra Pound nicht und William Carlos Williams auch nicht, wir-wir-wir sind die Dichter.