Brexit-Anthologie Ohnmächtig

Ein Online-Lyrikmagazin zum Leave-Votum der Briten begreift Poesie als Selbstverteidigung. "Brexit // Borders Kill" , herausgegeben von zwei Cambridge-Doktoranden, zeigt dabei, wie politisch die Dichtkunst wieder geworden ist.

Von Philipp Bovermann

"Dein Schmerz bedeutet gar nichts. / Erkenn das an; / Er ist der Unterschied, / Und der Beginn / Unserer Zärtlichkeit." Findet man diese Worte weniger schwülstig, wenn man bedenkt, dass mit dem schmerzlichen "Beginn unserer Zärtlichkeit" der "Brexit" gemeint ist? Der englische Dichter Tom Allen hat das Gedicht, das mit diesen Zeilen beginnt, als Reaktion auf das Referendum geschrieben. Er schloss mit den Worten: "Noch ist nichts geschehen". Wenige Tage später erschien das Gedicht in einem kleinen Online-Lyrikmagazin namens "Brexit // Borders Kill". (material-s.blogspot.com), herausgegeben von zwei Doktoranden der Literaturwissenschaft aus Cambridge.

Das Magazin, so heißt es im Vorwort, "wurde in aller Eile als Front gegen die faschistischen Implikationen des Leave-Votums zusammengestellt". Zwei Zettel, die in den Tagen vor dem Referendum in Cambridge und Tottenham zirkulierten ("Bekämpft Rassismus! Bekämpft Nationalismus!"), und die hier in den Anhang aufgenommen wurden, verdeutlichen, worum es sich bei dem Magazin handelt: Um ein dichterisches Pamphlet.

Nun sitzt gerade in Deutschland der Spott über politische Lyrik noch immer fest im Sattel. Er übersieht, dass die zeitgenössische Dichtkunst unvermerkt, sozusagen über die postmoderne Hintertür, wieder politisch geworden ist - wie der Schwerpunkt "Kein schöner Land" zu Flucht und Migration beim Poesiefestival in Berlin jüngst in erstaunlicher Vielfalt bewiesen hat. Das Einreißen von Grenzen ist poetischer Treibstoff, das Spiel mit Worten intellektueller Anarchismus.

Dem Leser entrollen sich kollektive Alltagserfahrungen

An dem "Brexit"-Magazin erkennt man eine weitere Funktion dichterischer Sprache im politischen Diskurs: Demilitarisierung. Danny Hayward - der jüngst einen Aufsatz mit dem Titel "Poesie als Selbstverteidigung" veröffentlichte - spielt in seinem Beitrag auf die implizite Unterstellung der Ukip-Partei an, Merkels Kuschelkurs mit Erdoğan werde dem britischen Gesundheitssystem 75 Millionen kranke Türken bescheren. Justin Katko schreibt dazu, "so etwas wie Gesundheit gibt es nicht" und macht aus dem "Polen" eine "Stange" (jeweils "pole" im Englischen) als Angriffswaffe: Eine satirische Zuspitzung der rassistischen Hetze gegen Polen, die zugleich die tatsächlichen Übergriffe benennt.

Nach griffigen Phrasen, klaren Bekenntnissen alter Prägung durchblättert - vielmehr: durchscrollt - man dieses Magazin vergebens. Stattdessen entrollen sich dem Leser Alltagserfahrungen im Schwerkraftbereich einer kollektiven Ohnmacht. Andrew Taylor steuert ein Bildgedicht bei, das nur aus dem Wort "Fuck" besteht, in Hellblau, Schwarz und ohne eine erkennbare Ordnung - aber wer weiß, vielleicht braut sich da ja was zusammen.

Taylors Beitrag steht stellvertretend für die gesammelte Sprachlosigkeit, die, so erzählen die Herausgeber, ihnen von vielen Dichterinnen und Dichtern entgegenschlug. Dass und wie trotzdem eine Publikation zustande kam, ist symptomatisch für die freie englische Lyrikszene, die sich meist um die Universitäten herum abspielt, weil sie dort noch eine gewisse Form der Förderung erfährt. Das Magazin kompiliert die Reaktionen auf eine E-Mail, die an britischen Hochschulen zirkulierte.

Die Ferne zum auf Linie gesparten arrivierten Kulturbetrieb bietet für diese Dichter den entscheidenden Vorteil, ohne Vorlauf, quasi-journalistisch, auf politische Entwicklungen reagieren zu können. Auf Lyrik-Blogs werden die Beiträge veröffentlicht. "Small Presses" drucken sie in geringer Qualität und Auflage, dafür rasch. Bei Lesungen und Poesie-Festivals finden sie für ein paar Pfund ihr Publikum.

"Brexit // Borders Kill" ist ein trauriger Band, gezeichnet von Erschütterung und ohne Utopien. Große Worte findet man darin nicht. Aber für den "Brexit" ist es die "correct pornography", von der Justin Katko spricht.