Brandon Flowers im Interview "Der amerikanische Traum scheint mehr und mehr wie ein Hirngespinst"

"Ich weiß, wie es ist, auf der Bühne zu stehen und dem Publikum einen Song zu verkaufen, hinter dem ich nicht von ganzem Herzen stehe" - Brandon Flowers, Frontmann und Sänger der Band The Killers.

(Foto: Anton Corbijn)

Brandon Flowers, Frontmann der Band The Killers, zweifelt. An sich, an den USA und am Stadionrock. Ein Gespräch über Schein und Sein. Und über die große Illusion Amerika.

Interview von Julian Dörr

Für viele Menschen ist Brandon Flowers ein amerikanischer Clown. Der Schönling im Glitzerjackett aus der Glitzerstadt Las Vegas, der erst unbedingt wie ein Brite klingen wollte ("Hot Fuss", 2004) und sich dann doch tief in den Americana-Staub seiner Heimat wühlte ("Sam's Town", 2006). Seine Band The Killers hat er so zu einer der größten Rockbands des 21. Jahrhunderts gemacht - mit mehr als 20 Millionen verkauften Tonträgern und Shows auf allen bewohnbaren Kontinenten des Planeten. Nun erscheint nach fünf Jahren Pause das neue Studioalbum "Wonderful Wonderful" (Island/Universal Music) und es ist ein klassisches Killers-Album: Der Pathos-Zirkus ist zurück in der Stadt, das Klischee-Karussell dreht sich. Er sei der Mann, singt Flowers im Song "The Man", der Mann mit dem Plan. Im Musikvideo aber stolpern ein paar Möchtegern-Ikonen im Schatten der US-Flagge dem großen Glück hinterher. Ein guter Anlass für ein Gespräch mit Brandon Flowers. Über Schein und Sein, Traum und Wirklichkeit und die große Illusion Amerika.

SZ: Mr. Flowers, glauben Sie noch an den amerikanischen Traum?

Brandon Flowers: Hm, der scheint mir mehr und mehr wie ein Hirngespinst. Man nennt ihn ja nicht ohne Grund einen Traum. Aber es war einmal ein Traum, der wahr werden konnte. Das ist heute anders. Eine gute Arbeitseinstellung und Ehrgeiz reichen nicht mehr aus, um ein Haus und eine Familie zu finanzieren.

Die USA sind für viele Menschen immer noch ein Sehnsuchtsort. Wie viel von diesem Ort existiert wirklich? Und wie viel ist Illusion?

Hollywood hat einen großartigen Job gemacht (lacht). Nein. Die USA sind ein riesiges Land. Und der Westen ist immer noch ein romantischer Ort. Selbst für mich. Die Berge, die weitläufige Wüste. Es gibt dort noch Rätsel und Geheimnisse. Diese Romantik erschafft ein Verlangen. Und das ist real. Für mich. Für andere. Was echt ist und was Illusion, das liegt am Ende an jeder einzelnen Person und ihren Erfahrungen. An den Karten, die das Schicksal austeilt.

Die gesellschaftlichen Fronten in den USA scheinen heute so trennscharf und verhärtet wie lange nicht mehr. Entweder bist du Teil dieses Teams - oder du bist Teil des anderen. In einem Interview haben Sie mal über die politische Haltung der Killers gesagt: "Wir sind neutral." Geht das überhaupt?

Als Pop-Musiker kann man versuchen, neutral zu sein. Aber auch das ist in jüngster Zeit schwerer geworden.

Würden Sie sich heute immer noch als neutral bezeichnen?

Ich schwenke jetzt nicht die Fahne für die Demokraten. Aber natürlich stehe ich auf der Seite der Menschen, die frustriert und genervt sind von dem Präsidenten, der gewählt wurde.

Als Sie mit den Killers vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal nach Europa kamen, war George W. Bush US-Präsident und hatte das Land gerade in den Irak-Krieg geführt. Green Day sangen vom "American Idiot" und überhaupt herrschte auch kulturell eine recht anti-amerikanische Stimmung.

Ich habe damals Bands gesehen, die White Stripes zum Beispiel, die auf die Bühne gingen und sich erst mal dafür entschuldigt haben, dass sie Amerikaner sind. Das hat mich sehr frustriert.

Ein paar Tage nach der US-Wahl im vergangenen Jahr habe ich Lambchop gesehen. Kurt Wagner hat sich nicht dafür entschuldigt, Amerikaner zu sein - sondern für Donald Trump.

Trump ist im Vergleich zu Bush die offensichtlich verhasstere Person.

Haben Sie eine Idee, warum heute trotzdem der anti-amerikanische Backlash ausbleibt?

Trump steht für sehr viele Dinge, die in unserem Land falsch laufen. Aber ich glaube fest daran, dass all diese Einstellungen bald antiquiert sein werden. Die Menschen verändern sich. Sie haben Zugang zu mehr Informationen. Wir schreiten in die Zukunft. Donald Trump ist kein Symbol für die Zukunft. Er ist so etwas wie der letzte Atemzug dieser Hässlichkeit, die in Amerika immer noch existiert.

Sie sind gläubiger Mormone. Viele Menschen geben Religion die Schuld an dieser Hässlichkeit und den gesellschaftlichen Problemen in der Welt. Schlechte Zeiten für einen religiösen Menschen?

Ich finde es nicht sehr schwierig, religiös zu sein. Ich bin ein Mormone und ich glaube daran. Ich führe respektvolle Unterhaltungen mit Menschen. Es stört mich nicht, dass sie Atheisten sind, ich kann das verstehen. Sie glauben vielleicht, dass ich verrückt bin, weil ich an einen Schöpfergott glaube. Für mich ist es genauso verrückt, dass wir diese Menschen auf diesem Planeten Erde sind, irgendwo im Universum, die in Flugzeugen herumfliegen und Städte bauen. Ich finde es also nicht schwierig, religiös zu sein. Aber mir fällt auf, dass ich öfter darüber spreche, als es früher der Fall war.

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Las Vegas ist ein Inbegriff für den Gegensatz zwischen Schein und Sein. Was macht das aus einem Menschen, der dort aufwächst?

Für uns war es total normal. Erst als wir mit den Killers zum ersten Mal nach Großbritannien reisten, nach Europa oder auch nach Südamerika, haben wir realisiert, was so anders und besonders an diesem Ort ist. Las Vegas hat zwei Seiten: Es gibt Herzschmerz, Schäbigkeit, Zwielicht und Kriminalität, das ist die pornografische Seite der Stadt. Aber dann gibt es auch noch das extreme Gegenteil - Glanz, Glamour, Aufregung. Der Sauerstoff, der in die Casinos gepumpt wird. Die Träume und der Wunsch, den einen großen Erfolg zu landen.

Man spürt diese beiden Seiten in Ihrer Musik. Über Ihr neues Album sagten Sie kürzlich: "Ich wäre nicht so aufgeregt, wenn die Songs nicht so wahr wären. Da draußen gibt es so viel falsche Musik."

Es ist ja alles relativ. Was ist authentisch? Was ist echt? Ich weiß nur: Auch ich habe mich schuldig gemacht und falsche Musik gespielt. Ich weiß, wie es ist, auf der Bühne zu stehen und dem Publikum einen Song zu verkaufen, hinter dem ich nicht von ganzem Herzen stehe.

Welchen denn zum Beispiel?

Das sollte ich Ihnen nicht erzählen. Da muss ich vorsichtig sein. Es gibt bestimmt Fans, die gerade wegen dieses Songs überhaupt nur da sind. Und ich will sie nicht enttäuschen. Aber es gibt ein paar. Und auch einige Songzeilen, hinter denen ich so nicht mehr stehe. Gerade mit den Texten bin ich dieses Mal noch bewusster umgegangen. Ich wollte, dass jede Zeile zählt. Und nicht einfach nur, dass sie sich reimt.

Man merkt diesen persönlichen Ansatz besonders bei "Tyson vs. Douglas". Da geht es um einen Boxkampf, den sie als Kind gesehen haben. Der bis dahin unbesiegte Mike Tyson verlor gegen den Underdog Buster Douglas. Wieso war dieser Moment so prägend für Sie?

Ich wollte dieses Gefühl ergründen, einfach weil ich immer und immer wieder daran denken muss. Nicht nur bei der Produktion dieser Platte. Dieser Kampf ist etwas, was sich mir immer und immer wieder ins Bewusstsein schleicht. Ich habe drei Söhne. Zwei davon sind ungefähr so alt wie ich damals war. Meine Sicht auf die Welt änderte sich, als der unbesiegbare, der unbezwingbare Mike Tyson k. o. ging. Und mit ihm meine Sicht auf den perfekten Menschen. In den Augen meiner Söhne bin ich jetzt Mike Tyson - und ich möchte Sie nicht enttäuschen.

The Killers sind eine der größten Rock-Bands unserer Tage. Aber sie sind immer auch eine Indie-Band geblieben. Kann es sein, dass Bands heute einfach nicht mehr so groß werden können wie früher? So groß wie U2 oder Oasis?

Das ist eine merkwürdige Entwicklung und ich habe keine Antwort auf diese Frage. Ich glaube aber, dass ein Wiederaufleben dieser Musikkultur unvermeidlich sein wird. Aber ja, gerade gibt es keine Bands, die an den Punkt kommen, an den andere Bands einst gelangten. Wir haben nie zurückgehalten mit unserer Begeisterung für U2 oder mit unseren Zielen. Wir glauben, dass eine Band groß und trotzdem noch immer raffiniert und differenziert sein kann. Aber da fällt mir ein: Coldplay sind groß. Und sie sind eine Band.

Genau. Aber Coldplay sind vielleicht die letzte Band, die noch richtig groß werden konnte.

Und dafür mussten sie sich auch extrem anpassen. Da sind einige Fans abgesprungen. Einige Entscheidungen, die die Mitglieder von Coldplay getroffen haben, waren sehr gewagt. Wir versuchen an dem festzuhalten, was uns ausmacht. Mal sehen, wo uns das hinführt.

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