Von Jonathan Fischer

Mythisches Monster: Mike Tyson ist tiefer gefallen als jeder andere Box-Weltmeister: Gerade deswegen erlebt er ein Comeback als tragischer Held in Film und Buch.

Mike Tyson war einmal der gefürchtetste Boxer der Welt, ein Mann, dessen körperliche Präsenz und psychische Intensität jeden Gegner dominieren und mit archaischen Schrecken erfüllen konnte. In Erinnerung bleiben aber wird Mike Tyson wohl als der tragischste Verlierer des modernen Sports. Längst füllen die Depressionen, Drogeneskapaden, Bankrottverfahren, Vergewaltigungsprozesse und Gefängnisaufenthalte des einstigen Schwergewichtsweltmeisters weit mehr Zeitungszeilen als seine sportlichen Siege. Es scheint fast, als ob der 42-jährige Ex-Champion in den letzten Jahren nur noch einen letzten Rekord aufstellen wollte: schneller und tiefer zu fallen als jeder andere. 2005 sagte er einem verblüfften Reporter in seiner leisen, so gar nicht zum bulligen Körper passenden Fistelstimme: "Sterben kann nicht schlimmer als Leben sein. Ich möchte nur, dass es endlich aufhört."

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Der Held als Metapher: Auf den sagenhaften Aufstieg Tysons folgte der Absturz so heftig wie nie zuvor in der Geschichte des Boxens. (© Foto: Reuters)

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Warum musste er sich auch selbst zum Monster machen? Etwa als er 1997 Evander Holyfield während eines Boxkampfes einen Teil der Ohrmuschel abbiss. Als er drei Jahre später den Schiedsrichter im Ring niederschlug und seinem Gegner Lennox Lewis drohte, er werde ihm das "Herz rausreißen und an ihn verfüttern". War das noch derselbe Mann, für dessen "Sensibilität und Charakter" einst sein Trainer und Entdecker Cus D'Amato so schwärmte? Den die Schriftstellerin Joyce Carol Oates mit den heldenhaften Kämpfern in den Ölbildern von George Bellows verglich?

Am besten man fragt Mike Tyson selbst. So hat ihn kürzlich der Regisseur James Toback in die Beichte genommen. Und weil "Iron Mike" gerade frisch aus dem Drogenentzug entlassen war, die 50 000 Dollar Handgeld gut brauchen konnte und die Geschichte ein bisschen in seinem Sinne umschreiben wollte, hat er mitgemacht. "Tyson" heißt der Film. Nach guten Kritiken auf dem Filmfestival in Cannes ist er inzwischen in Amerika angelaufen. Es ist ein Film, in dem allein Tyson reden darf.

Das ist nach dem Boxen zwar nur seine zweitstärkste Disziplin, doch intensiv bleibt die Mischung aus Introspektion, Zorn, Hilflosigkeit und philosophischen Deutungsversuchen allemal. Manche Wahrheiten entfalten sich erst, wenn der gefallene Held am Scheitel der Talsohle angekommen ist: Aus dieser Perspektive gewinnt Tyson heute wieder ein Stück seiner verlorenen Menschlichkeit zurück, wächst der übergewichtige Ex-Champion wie das Hollywood Magazin Variety schreibt, im Verlauf des Films "von einem Typen, dem man lieber aus dem Weg geht, zu einem Mann, mit dem man sich gerne mal länger unterhalten würde". Und das bedeutet in diesem Fall eine Menge.

Auch eine neue Mike-Tyson-Biographie namens "Heavyweight Armageddon" des Sportjournalisten Mark Malinowski ist angekündigt. Was könnte auch mehr dramatisches Potential entfalten als die Geschichte eines Mannes, der in kürzester Zeit ein 200-Millionen-Dollar-Vermögen verprasst und all seine Häuser verkauft hat, der selbst die Luxuslimousinen und als Haustiere gehaltenen Tiger versteigern musste, um in ein 60 000-Dollar-Reihenhaus in Phoenix, Arizona, zu ziehen? Es scheint, als würde die Tyson-Saga nur allzu gut in die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der Abstürze, Existenzängste und davon befeuerten Psychosen passen.

Er gibt im wirklichen Leben die Figur des "Wrestlers", wie ihn Mickey Rourke spielte, und in dem sich so viele wiedergespiegelt sahen. In diesem Kontext gibt der Ex-Champ eine homerische Figur ab. "Ich habe nichts ausgelassen", gesteht der Boxer, "Alkohol, Drogen, die Frauen anderer Männer. Hässliche Dinge. Dafür wurde ich ein Tier genannt, mit dem Tod bedroht, ins Gefängnis gesteckt." Und er sagt: "Ich habe kein Selbstbewusstsein, aber das größte Ego der Welt".

Die Abgründe waren es schon immer, die an Tyson so faszinierten und die heute seine Verklärung als letzte große Figur des Boxsports begründen. Sein unberechenbares, oft selbstzerstörerisches Benehmen lag Welten von der menschlichen Ausgeglichenheit und Vernunft heutiger Boxstars wie der Gebrüder Klitschko entfernt. Boxen aber braucht die Extreme. Sie machen das Pop-Potential dieses Sports aus, nähren das Spektakel einer primitiven, surrealistischen und doch sorgfältig orchestrierten Gewalt.

Irrationale Hingabe

"Tyson", schrieb Joyce Carol Oates 1986, als der gerade 20-jährige der jüngste Schwergewichtsweltmeister aller Zeiten wurde, "suggeriert eine Bestienhaftigkeit, die nur symbolisch in den hell erleuchteten Ring mit seinem Schiedsrichter, seinen Ärzten, seinen genau beachteten Regeln, Gebräuchen und Ritualen eingesperrt ist." Die Kritiker tauften den Jungen mit der sanften, ernsten Stimme einen "Panzer", einen "jungen Bullen", einen "Granitblock", weil er mit einer solchen Naturgewalt über seine Gegner herfiel, sie in die Seile schleuderte, sie an ihren empfindlichsten Stellen traf und sie schließlich wie Schlenkerpuppen auf die Matte prügelte.

Schon sein Anblick ließ seine Gegner vor Angst erstarren: Seitlich kurz rasierter Kopf, ein strenges, kontrollierendes Starren im Gesicht und ab dem Stiernacken ein einziges kompaktes Muskelpaket. Die ganze Gestalt strahlte mönchische Konzentration aus - und die böse Absicht, den Gegner nicht nur zu besiegen, sondern wie Tyson einst blaffte, "ihm das Nasenbein in den Schädel zu rammen".

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Tyson kein ganz normaler Schläger und Krimineller geblieben ist.

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  2. "Wenn du es nur willst, kannst du Boxweltmeister werden"
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